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EBS Alumni: Wenn das Jurastudium die Idee zur Unternehmensgründung liefert

15. Juni 2021 | Von: Pressestelle EBS Universität
EBS Alumni Thea Becker

EBS Alumni Thea Becker


Thea Becker hat einen etwas anderen Karriereweg nach ihrem Jurastudium an der EBS Universität eingeschlagen: Während die meisten Absolventen Rechtsanwalt oder Richter werden möchten, gründete Thea ihr eigenes Unternehmen „Pulse of Art“. Was den Stein ins Rollen gebracht hat, erzählt sie in diesem Interview.

EBS: Sie haben Ihr Jurastudium an der EBS Universität 2020 erfolgreich mit der Ersten Juristischen Prüfung abgeschlossen und machen momentan den Master in Business for Legal Professionals. Aber bereits 2017 haben Sie neben dem Studium gegründet. Könnten Sie uns bitte mehr über sich und Ihre Karriere erzählen?

TB: Mein Name ist Thea Becker und 2014 zog ich unmittelbar nach dem Abitur für mein Jurastudium aus einer Kleinstadt bei Köln nach Wiesbaden. Das Jurastudium war seit einem Praktikum in der 10. Klasse mein großes Ziel und so richtete ich während den ersten Trimestern alles auf das Studium aus. Durch die enge Taktung des Studiums und meine eigenen Ansprüche an mich selbst, stieß ich mental nach einiger Zeit an eine gewisse Belastungsgrenze. Während meines Auslandssemesters 2016 hatte ich die Chance, einmal durchzuatmen und einen Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Neue Orte, Menschen und Eindrücke halfen mir, die letzten zwei Jahre zu reflektieren. Was mir eindeutig im Alltag fehlte, war ein gewisses Maß an Kreativität und Zwanglosigkeit. Fernab von Bewertungen und Leistungsvergleichen.

Nach meiner Rückkehr begann ich, Kreativität bewusst in meinen Alltag zu integrieren und beschäftigte mich in meiner Freizeit mit Fotografie und digitalen Medien. Für einen kleinen Nebenverdienst begann ich 2017, die Ergebnisse meiner künstlerischen Spielerein als ausdruckbare Poster zum Kauf anzubieten. Den Plan, daraus ein Unternehmen zu gründen, hatte ich damals definitiv nicht! Nach wie vor war alles auf das Jurastudium ausgerichtet. Ich freute mich einfach, wenn ein paar Menschen meine Werke mochten und ein kleines Taschengeld dabei herauskam.

EBS: Wie ist die Idee für Pulse of Art entstanden?

TB: Neben Fotografie machte mir auch Grafikdesign Spaß. Insbesondere die Typografie – also das Gestalten von Wörtern & Sprüchen – hatte es mir angetan. Eines Tages kam mir eine Idee, die mein Leben verändern würde: Grafikdesign & Jurastudium lassen sich doch wunderbar kombinieren – mithilfe von Definitionen.

Im Jurastudium lernt man sehr viele Definitionen, also Begriffsbestimmungen, auswendig. Hat man die Worte aus dem Lehrbuch in einer Klausur gerade nicht zur Hand, muss man sich eine solche Beschreibung eines Wortes oder Vorgangs selber ausdenken. Was wäre, wenn man statt dem „Verwaltungsakt“ ganz alltägliche, positiv besetze Wörter wie „Liebe“ oder „Beste Freundin“ beschreibt? Wenn man das Ganze auch noch grafisch ansprechend gestaltet, könnte das ein tolles Geschenk für einen lieben Menschen sein.

Mit dieser Idee im Kopf entstanden 2018 die ersten Beschreibungen für bedeutende Menschen des Alltags: „Mama“, „Beste Freundin“ und „Lehrerin“. Auch diese bot ich als Kauf zum Download an und die Nachfrage war erfreulich groß! Ende 2018 fand in Wiesbaden ein Kunsthandwerkermarkt statt, auf dem ich meine Idee zum ersten Mal in der „echten Welt“ testen wollte. So ließ ich meine Dateien als Poster bei einer Druckerei drucken und wartete gespannt, was die Interessenten im Kurpark wohl sagen würden. Und siehe da: Die Definitionen waren ein voller Erfolg!

Die wenigen übrigen Exemplare vom Markt stellte ich Ende November 2018 zum Verkauf online – noch vor Weihnachten war alles restlos ausverkauft. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir zum ersten Mal klar, dass mein Hobby mehr Potential hat. Zum Jahreswechsel 2018/2019 entschied ich mich, »Pulse of Art« zu gründen und zu sehen, wo die Reise hingeht.

EBS: Was waren die größten Schwierigkeiten, die Sie auf Ihrem Gründungsweg überwinden mussten?

Einerseits gab es ganz „praktische“ Schwierigkeiten auf dem Gründungsweg. Zum Zeitpunkt der Gründung befand ich mich mitten im Repetitorium, also dem Teil des Jurastudiums, in dem man sich intensiv auf das bevorstehende Staatsexamen vorbereitet. Diese Phase dauert an der EBS etwa 1 ½ Jahre und erfordert von morgens bis abends, montags bis samstags vollen Fokus auf das Staatsexamen. Somit ist die Zeit des Repetitoriums eine denkbar ungünstige Zeit, ein Unternehmen zu gründen, denn (Frei)Zeit ist während dieser Phase eine sehr knappe Ressource. Trotzdem wollte ich die Chance nutzen und mit »Pulse of Art« durchstarten. So verbrachte ich die hellen Stunden des Tages am Schreibtisch mit meinen Lehrbüchern und die Nächte und Sonntage mit Produktdesign und Steuern. Zwischen 2019 und 2020 war Zeitmangel definitiv mein größtes Hindernis.

Andererseits brachte meine etwas ungewöhnliche Gründungsgeschichte ihre eigenen emotionalen Tücken mit sich: Nach dem Jurastudium hatte ich ursprünglich eine ganz klassische Laufbahn in einer Kanzlei oder bei Gericht geplant. Ein Unternehmen zu gründen – und dann noch in einem komplett anderen Bereich - war nie auf meiner Agenda. Insofern fragte ich mich mindestens einmal am Tag, wieso ich neben meinem Studium selbstständig bin. Aus dem vorgeplanten Weg (Studium – erstes Staatsexamen – zweites Staatsexamen – Juristenlaufbahn) und damit auch aus dem Sicherheitsnetz auszubrechen und etwas komplett anderes zu machen, erforderte definitiv eine gewisse Menge Mut.

EBS: Inwiefern lieferte Ihnen Ihr Studium an der EBS Universität einen Mehrwert für die Praxis?

Rein fachlich gibt es vermutlich für einen Gründer kaum eine bessere Basis als ein Jurastudium mit zusätzlichen Kenntnissen im betriebswirtschaftlichen Bereich. Eine Gründung bringt jede Menge Bürokratie und rechtliche Probleme mit sich. Gerade in Bezug auf Themen wie Verkauf im Internet, Wettbewerbs- oder Urheberrecht bin ich sehr glücklich, eigentlich Juristin zu sein. Zwar weiß man nach einem Jurastudium natürlich nicht auf jede Frage eine Antwort – man hat aber die Fähigkeiten, sich neue Rechtsgebiete selber zu erarbeiten und somit Probleme selbst zu lösen.

Auf einer übergeordneten Ebene bin ich dankbar, dass das Jurastudium mir eine gewisse Frustrationstoleranz beigebracht hat. Gerade im Repetitorium, wo man jede Woche Klausuren schreibt und manchmal nicht die Noten zurückbekommt, die man sich erhofft, muss man lernen, sich jeden Tag neu zu motivieren und auch nach einem Rückschlag dranzubleiben. Diese Denkweise kann ich in der Selbstständigkeit sehr gut gebrauchen. Beinahe jeden Tag geht etwas schief oder tut sich ein neues Problem auf. Sei es, dass der Lieferant ein bestimmtes Material aus dem Sortiment genommen hat oder dass ein Vertriebskanal nicht mehr das Umsatzpotential bietet, welches er noch vor ein paar Monaten hatte. In solchen Momenten dranzubleiben und nach konstruktiven Lösungen zu suchen statt den Kopf in den Sand zu stecken, hat mir schon durch das ein oder andere Tal geholfen.

EBS: Was sind aktuelle Projekte?

Nach meinem Staatsexamen letztes Jahr und dem Abschluss der Mastermodule im Sommer 2020 habe ich die Firma vom Homeoffice in das erste richtige Büro umgelagert und bin nun selbstständig in Vollzeit. Seitdem kann ich mich deutlich intensiver auf meine Firma und deren Wachstum konzentrieren. Mittlerweile ist auch die erste Mitarbeiterin im Team und wir bereiten uns derzeit auf die Weihnachtssaison 2021 vor. Ein weiteres Thema ist die Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Einzelhandel. Wir sind aktuell in knapp 20 Geschäften in Deutschland mit unseren Produkten vertreten, möchten das B2B Geschäft aber gerne noch ausweiten. Die Corona-Pandemie und die darauffolgenden Geschäftsschließungen haben dem Einzelhandel natürlich schwer zugesetzt, sodass dieses Projekt im letzten Jahr leider ruhen musste. Wir hoffen, mit weiteren Öffnungsschritten das Standbein „stationärer Handel“ ausweiten zu können. Daneben steht noch die Anfertigung meiner Masterarbeit für den „Master in Business for Legal Professionals“ aus, was für diesen Sommer geplant ist.

EBS: Wo soll Ihre Reise hingehen – Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?

Hätte man mir diese Frage zu Beginn des Studiums gestellt, so müsste ich nun in den letzten Zügen meines zweiten Staatsexamens sein. Stattdessen bin ich selbstständig und lese nicht mehr jeden Tag Gesetzestexte und Urteile. Insofern habe ich es mir abgewöhnt, die Zukunft zu sehr durchzuplanen. Mein Unternehmen macht mir unheimlich Spaß und ich bin jeden Tag dankbar für die Dinge, die ich lernen und erleben darf. Natürlich habe ich Ziele mit meinem Unternehmen. Aber gerade das Corona-Jahr hat gezeigt, dass man nicht auf jede Situation vorbereitet sein kann. Insofern bleibe ich flexibel und probiere auch gerne neue Dinge aus. Ob ich die Jura-Laufbahn für immer verlassen werde oder eines Tages zurückkehren werde, halte ich mir definitiv offen. Das bestandene erste Staatsexamen liegt im Schrank und ist mein Türöffner, wann immer ich die Selbstständigkeit verlassen möchte.

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