Wie Unternehmen Künstliche Intelligenz sinnvoll in ihre Prozesse integrieren und Mitarbeitende auf dem Weg mitnehmen.
Künstliche Intelligenz verspricht effizientere Prozesse, fundiertere Entscheidungen und neue Möglichkeiten der Wertschöpfung. Doch zwischen der Einführung einer KI-Anwendung und ihrem erfolgreichen Einsatz im Unternehmensalltag liegt oft ein entscheidender Schritt: die Integration in bestehende Strukturen, Arbeitsabläufe und Teams. Denn auch die leistungsfähigste Technologie entfaltet wenig Wirkung, wenn Prozesse nicht auf sie abgestimmt sind oder Mitarbeitende keinen Zugang zu ihr finden. Wie gelingt es Unternehmen also, KI nicht nur technisch einzuführen, sondern nachhaltig und verantwortungsvoll zu nutzen?
Inhalt
Von Prof. Dr. Julia Krönung, Dozentin für das Weiterbildungsprogramm Certified AI Advisor und EBS Alumna
Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2026
Warum reicht die Einführung von KI-Tools allein nicht aus?
Ob automatisierte Dokumentenverarbeitung, intelligente Kundenkommunikation oder KI-gestützte Datenanalysen: Die Einsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz in Unternehmen sind vielfältig. Technologische Lösungen lassen sich jedoch nicht unabhängig von ihrem organisatorischen Umfeld betrachten.
Ein KI-System kann beispielsweise die Bearbeitung von Kundenanfragen beschleunigen. Wenn Verantwortlichkeiten unklar bleiben, Informationen nicht zuverlässig verfügbar sind oder Mitarbeitende den Ergebnissen nicht vertrauen, bleibt der erwartete Nutzen möglicherweise aus.
Unternehmen sollten sich deshalb nicht nur fragen, welche KI-Technologien sie einsetzen können. Entscheidend ist vielmehr, welche konkreten Herausforderungen sie damit lösen möchten und wie sich die Lösungen sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren lassen.
Welche Rolle spielt Prozessmanagement bei der KI-Einführung?
Eine erfolgreiche KI-Implementierung beginnt mit dem Verständnis der eigenen Geschäftsprozesse – und gelingt leider nicht ohne sie. Wo ist der Einsatz von KI sinnvoll und effizient und wo nicht? Wlche Prozessschritte müssen geändert werden, um KI wirksam zu machen? Wo ist menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar? Diese Fragen machen deutlich, dass die Performanz von KI im Unternehmen nie alleine sondern immer im Zusammenhang mit den anschließenden und umgebenden Prozessen zusammenhängt.
Fundierte Kenntnisse im Prozessmanagement sind zwingend notwendig, um geeignete Anwendungsfälle zu identifizieren und bestehende Abläufe kritisch zu hinterfragen. Denn leider wird nicht jeder Prozess automatisch besser, wenn er durch KI unterstützt wird, auch das Gegenteil kann der Fall sein. Werden ineffiziente Strukturen lediglich digitalisiert, bleiben grundlegende Probleme häufig bestehen, oder verstärken sich sogar.
Stattdessen gilt es, Prozesse zuerst zu analysieren, zu optimieren und anschließend gezielt mit geeigneten technologischen Möglichkeiten zu verbinden. KI wird so nicht zum Selbstzweck, sondern zum Instrument einer durchdachten Organisationsentwicklung.
Wie lässt sich die Akzeptanz von KI bei Mitarbeitenden fördern?
„It takes two to tango“ ist ein berühmter Song von Louis Armstrong und drückt einen in der Akzeptanztheorie etablierten Konsens aus: Die positive Wirkung einer Technlogie kann sich erst dann entfalten, wenn sie akzeptiert wird. Das bedeutet, die Akzeptanz der Mitarbeitenden entscheidet darüber, ob KI-Anwendungen langfristig im Arbeitsalltag erfolgreich sein können.
Neue Technologien können Erwartungen, aber auch Unsicherheit auslösen. Während einige Beschäftigte KI bereits selbstverständlich nutzen, verfügen andere über weniger Erfahrung oder stehen ihrem Einsatz skeptisch gegenüber. Fragen nach Datenschutz, Verlässlichkeit und der Veränderung bisheriger Aufgaben spielen dabei eine wichtige Rolle.
Eine erfolgreiche Einführung braucht deshalb transparente Kommunikation, Beteiligungsmöglichkeiten und passende Qualifizierungsangebote. Mitarbeitende sollten verstehen, warum KI eingesetzt wird, welche Vorteile damit verbunden sind und wo ihre Grenzen liegen.
Dabei reicht es nicht aus, lediglich die Bedienung einzelner Anwendungen zu vermitteln. Gefragt ist ein grundlegendes Verständnis dafür, wie KI funktioniert, wie ihre Ergebnisse eingeordnet werden können und welche Verantwortung beim Menschen verbleibt.
Warum ist digitale Diversität für den KI-Einsatz wichtig?
„How to marry Process Management and AI“ titelte der Harvard Business Review in 2025 und[KJS1] gab die Antwort in selbigem Artikel: Stellen sie sicher, dass Menschen und Technologien gut miteinander arbeiten. Und genau hier liegt die Herausforderung: Während die Funktionalitäten von Technologie relativ einheitlich sind, bringen Menschen unterschiedliche digitale Kompetenzen, Erfahrungen und Voraussetzungen mit. Diese digitale Diversität wird bei der Einführung neuer Technologien häufig unterschätzt. Sowohl als Herausforderung als auch als Chance.
Einheitliche Schulungsangebote oder standardisierte Anwendungen werden nicht allen Mitarbeitenden gerecht. Unterschiede im Vorwissen, in der Zugänglichkeit digitaler Systeme und in den individuellen Arbeitsbedingungen können dazu führen, dass einzelne Gruppen weniger stark von KI profitieren.
Wer KI nachhaltig in Organisationen etablieren möchte, muss diese Unterschiede berücksichtigen. Dazu gehören verständliche Anwendungen, bedarfsgerechte Weiterbildungen und die Möglichkeit, neue Technologien aktiv mitzugestalten.
Denn eine inklusive KI-Strategie schafft nicht nur Zugang zu technologischen Innovationen. Sie trägt auch dazu bei, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Lösungen zu entwickeln, die den tatsächlichen Anforderungen im Arbeitsalltag entsprechen.
[KJS1]Davenport, T. H. and T. C. Redman (2025). "How to Marry Process Management and AI." Harvard Business Review 103(1): 38–44.
Was zeichnet eine verantwortungsvolle KI-Strategie aus?
Der erfolgreiche Einsatz Künstlicher Intelligenz erfordert das Zusammenspiel von Technologie, Prozessen und Menschen. Gleichzeitig müssen Unternehmen die rechtlichen, ethischen und organisatorischen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Dazu gehört beispielsweise, die Qualität verwendeter Daten zu prüfen, mögliche Verzerrungen in KI-Ergebnissen zu erkennen und Verantwortlichkeiten für automatisierte Entscheidungen festzulegen. Auch Datenschutz, Transparenz und die Anforderungen des europäischen AI Acts spielen eine wichtige Rolle.
Eine verantwortungsvolle KI-Strategie verbindet deshalb wirtschaftliche Zielsetzungen mit klaren Regeln für den Technologieeinsatz. Unternehmen sollten festlegen, welche Anwendungsfälle sinnvoll sind, wie deren Erfolg gemessen wird und welche Kompetenzen für die Umsetzung benötigt werden.
Einschätzung von Prof. Dr. Julia Krönung
Welche Kompetenzen braucht eine erfolgreiche KI-Transformation?
Die Einführung Künstlicher Intelligenz ist eine interdisziplinäre Aufgabe. Gefragt sind Fach- und Führungskräfte, die technologische Möglichkeiten verstehen und gleichzeitig organisatorische Veränderungen gestalten können.
Ähnlich wie ein Handwerker einen Hammer führen muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, müssen Menschen die KI führen. Zunächst müssen geeignete KI-Anwendungsfälle bewertet werden, Geschäftsprozesse analysiert werden, unterschiedliche Interessen berücksichtigt und Veränderungsprozesse begleitet werden. Dies geht weit über technisches Grundlagenwissen hinaus weswegen Kompetenzen im Bereich Prozessmanagement, strategischer Beratung, Kommunikation und Change Management durch KI massiv an Bedeutung gewinnen und durch KI nicht ersetzt werden können. Im Gegenteil: Ohne den fähigen Handwerker, der einschätzt wie und wofür er den Hammer einsetzen kann und über die Fähigkeiten verfügt ihn zu führen, ist der Hammer alleine wertlos für das Ergebnis. KI funktioniert nur zusammen mit Prozessmanagement-Kenntnissen, niemals ohne.
Wie wichtig diese Verbindung ist, zeigt auch die Perspektive von Prof. Dr. Julia Krönung, Dozentin im Zertifikatsprogramm Certified AI Advisor.
„Ich möchte nicht nur Methoden und Technologien vermitteln, sondern ein tiefes Verständnis dafür schaffen, wie digitale Prozesse tatsächlich wirksam werden – in Organisationen, Teams und im Alltag der Menschen. Denn nachhaltige Digitalisierung entsteht nicht durch Tools, sondern durch reflektierte Gestaltung und das Zusammenspiel zwischen Menschen und Technologie.“
Dieser Ansatz verdeutlicht, dass die erfolgreiche KI-Transformation weit über die Auswahl geeigneter Software hinausgeht. Sie erfordert Menschen, die technologische, organisatorische und gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und daraus tragfähige Lösungen entwickeln können.