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Wochenrückblick: Die praktische Konkordanz eines Mittwochmorgens

Immer noch vorbei an Weihnachtsbäumen. Verwaist daliegend, den Bürgersteig blockierend. Der Mond, ziemlich halb, über allem. Es ist eiskalt. Eiskalt und sternenklar und dunkel und irgendwie leise für einen Morgen mitten in der Woche um halb 8 und an sich ja typisch winterlich und doch ungewöhnlich, vielleicht auch weil es ein nur sehr selten typischer Winter war und ist, und eiskalt und sternenklar.

Alle Frontscheiben, alle Heckscheiben, alle Seitenscheiben gefroren. Bei jenen Autos, die das Glück haben, sich an diesem Tag nicht bewegen zu müssen, sind sie es sogar nachmittags noch. In diesen Minuten aber sind sie es ohnehin. Bedeckt von einer gnadenlosen Schicht festgewordenem Wasser, an deren unbarmherziger Struktur mit ihren Ecken und Kanten man sich schneiden könnte.

Ich laufe zur Uni an diesem Mittwochmorgen. Mal wieder die guten zweieinhalb Kilometer, weil ich diese Busse zur morgendlichen Rush Hour hasse. Die Brille beschlägt - wenn man an der Fichtestraße überhaupt noch Platz findet in der 37 und nicht auf die nächste warten muss -, auf einmal sind es 28 Grad, und der gefühlte Kohlenstoffdioxidgehalt geht auf die 100% zu.

Außerdem liebe ich es nun mal, zu laufen. Die alten Leser wissen es längst. Den neueren wird es spätestens im Frühjahr mit Sicherheit anschaulich werden.

Aber an diesem Morgen? - Immer noch vorbei an den Weihnachtsbäumen. Fünf Grad unter null. Der Mond, ziemlich halb, über allem.

Doch wie man weiß, kann ja der Mond die Sonne im Sinne des Gesetzes sein.

Es muss nur gut begründet sein.

In der Mitte anzufangen, ist, wie ich im Zuge der Taschenlampe des Bürgerlichen Rechts schon mal erwähnte, nicht das einfachste.

Eröffnet sah sich diese nicht unspektakuläre zweite Trimesterwoche von der ersten Ausgabe Schuldrechts-AG bei Frau Caroline Fündling. Und wenn ich deren Namen hier so niederschreibe, kommt mir sofort das nette Dilemma mit den AG-Leitern und ihren lieben Namen und Ansprechweisen in den Sinn.

Sven hat uns im Strafrecht vergangenes Jahr direkt zu Anfang das Du angeboten. Und duzte uns dementsprechend zurück. Bei mir selbst und auch bei manch anderem hat es indes eine ganze Zeitlang gedauert, bis man sich daran gewöhnt hatte, den Mann vorn neben der PowerPoint-Präsentation einfach so zu adressieren wie den besten Kumpel. Irgendwann, mit der zunehmenden Nähe, die zehn Wochen voller Gewohnheiten schaffen, gelang es. Nachwirkungen davon waren am Donnerstagmorgen bei Herrn Schmidt-Nentwig, Svens Nachfolger, zu spüren - als Christian aus Reihe eins eine Frage an ihn begann mit den Worten: "Wie würdest du das denn machen, wenn… - Oh. Sorry, ich bin das noch vom Sven gewohnt." Herr Schmidt-Nentwig lächelte. "Ich mach das schon nicht ohne Grund. Solange ich noch etwas über euch zu entscheiden habe, lasse ich das Du lieber außen vor." Umgekehrt duzt er uns munter. Was ja auch kein Problem ist, weil niemand eines damit hat. Es hat so ein bisschen etwas Anheimelndes aus Schulzeiten, da noch Leute vorn an der Tafel standen, die einen kannten, seit man das erste Mal ein Gedicht auswendig vorgetragen hatte.

Und wo wir gerade mal wieder beim flüchtigen Rückblick auf den Lebensabschnitt hiervor sind - nicht nur das Personalpronomen bereitet mitunter Verwirrung. Auch die namentliche Anrede. Wenn wir jemanden duzen dürfen und sollen, dann heißt er auch Sven. Wenn nicht, heißt er Herr Schmidt-Nentwig. Wenn kein Wort darüber fällt, muss man es aus irgendwelchen anderen Umständen herleiten. Wenn sich die Leute aber arglos als "Caroline Fündling" vorstellen oder als "Stefan Heck" und Ende 20 sind und zwischen den Staatsexamen, dann wird es schwierig. Perfekt wird das Chaos, wenn der eine uns Studenten siezt und mit Nachnamen anspricht, während der andere uns duzt und sich folgerichtig mit Vornamen begnügt. Namensschilder waren diese Woche so oder so wieder in.

Wobei man sich entsprechend unsicher war, was genau man denn drauf schreiben sollte. Vornamen? Nachnamen? Im Zweifel beides. Sodass nichts davon groß genug war, um es von vorn der Tafel aus entziffern zu können.

Bei Herrn Professor Haft ging es derweil bedenkenlos weiter mit den Delikten gegen das Leben. Den beiden berühmten Brüdern Mord und Totschlag schlossen sich der Schwangerschaftsabbruch und die Aussetzung an. An allen Streitständen und Aufbaufragen wurde fleißig der Allgemeine Teil geübt. Die erste Klausur steht schließlich übernächste Woche an. Mal als Prüfung so mittendrin im Trimester und nicht am Ende. Man will es fast als ungewohnt bezeichnen, und das wo wir bislang genau eine einzige reguläre Klausurenphase hinter uns haben.

Haft machte auf alle Fälle seine Drohung der ersten Woche wahr. Und besprach in der letzten Viertelstunde der Vorlesung die SLG-Aufgaben. Die durchaus wandelfähige Strafbarkeit des induzierten Aborts seit Schaffung des StGB wurde ebenso von einem ausgewählten Kommilitonen - daher Drohung - kurz beleuchtet wie die Bundestagsdebatte um die Verjährung von Mord. Kriminalpolitische Hintergründe, die nun, "wo ihr die Grundlagen habt", immer spezifischer und fachlicher werden. "Im Staatsexamen später wird auch immer etwas Allgemeinbildung geprüft", hatte es im ersten Trimester schon geheißen, so ziemlich von allen.

Nach einer ausführlichen Präsentation des Normfall-Klausurtrainers am Morgen hatte der Dienstag nach knapp vier Stunden Mittagspause für einen noch Grundrechte parat. Wo Herr Professor Kment sein Versprechen nicht wahrmachte. (Die Drohungen werden realisiert, die Versprechen nicht; eine irgendwie geläufige Gemeinheit). In der Vorwoche hatte er angekündigt, die einzige Möglichkeiten, sich seinem unvermittelten Drangenommenwerden bei Fragen zu entziehen, sei, sich in die erste Reihe zu setzen. "Wenn ihr mal einen schlechten Tag habt", hatte er empfohlen, "wenn ihr verlassen worden seid oder nicht geschlafen habt oder sonst was - dann setzt euch in die erste Reihe. Ansonsten habt ihr immer die Wahl. Entweder sich vorbereiten oder die Zeit, in der man sich auch hätte vorbereiten können, dazu nutzen, früher loszufahren und als erster hier zu sein, um noch einen Platz in der ersten Reihe zu kriegen."

Er nahm jedenfalls an diesem Dienstag ganz ungeniert Leute aus der ersten Reihe dran. Aus weitgehendem Mangel einer Verlegenheit hierbei beklagte sich dennoch niemand.

Es folgte die Mitte der Woche, also der Anfang. Als ich es geschafft hatte zur Uni, hatte ich das Gefühl, mich aufs Neue erkältet zu haben, ohne dass ich je nach Silvester völlig gesund geworden wäre. Und der nächste, der zu wissen meint, Erkältungen kämen ja nicht von Kälte, sollte sich, was mich betrifft, auf ein Delikt gegen das Leben gefasst machen.

"Ich hätte echt nicht gedacht, dass ich es schaffe", bilanzierte auch Marco, als er sich neben mich setze, kurz vor acht. "Als ich gestern ins Bett bin, dachte ich mir: Hmm. Also entweder gehst du gar nicht, oder du gehst zur späteren Vorlesung. Und jetzt hab ich’s doch zur früheren geschafft." Ich sah ihn erstaunt an. "Ist es nicht normalerweise umgekehrt? Man sagt sich, man geht auf jeden Fall hin und zwar zur ersten und kommt dann gar nicht?"

Alles anders an der EBS wohl.

"Grundrechte morgens um 8 hat doch irgendwie was", konstatierte Marco ein wenig später. Keine Ahnung, ob noch als Begründung für seine verwunderlich verlaufene Inkongruenz zwischen Plan und Handlung oder nur so. Erklären konnte er es jedenfalls nicht. "Finde ich einfach."

Im Rahmen der U.S. Laws nach knapp vier Stunden Mittagspause wurde es philosophisch. Allgemeinbildung, Freigeistigkeit, Lehre abseits der strengen juristischen Logik der übrigen Woche.

Der Donnerstag wurde dann zu einem dieser Tage, die es wirklich eine Weile nicht mehr gegeben hat. Die man aber nur in dem vergleichsweise kurzen Moment vermisst, in dem feststeht, dass sie geschafft sind. Diese Tage, an deren Ende man sich mit letzter Kraft auf die Schulter klopft, sich in einen leeren Bus nach Hause setzt und Mühe hat, nicht vor der heimischen Haltestelle einzuschlafen.

9.45 Uhr, Strafrechts-AG bei Herrn Schmidt-Nentwig. Der uns duzte, und den wir siezten. Aufbau der Gruppe der Straftaten gegen das Leben. Grunddelikt, Qualifikation, Privilegierung, Regelbeispiele, minder schwere und besonders schwere Fälle. Zeitlich nahtloser, thematisch eher abrupter Übergang zum Schuldrecht bei Herrn Professor Nietsch. Vom Mord zum Ort für die Leistungspflicht in einem Schuldverhältnis. Dann Mittagspause, mal keine überzogen lange - wobei eben auch zwei Stunden für ungefähr fünf Mittagessen reichen. Um 15 Uhr AG Öffentliches Recht. Wo einerseits klar wurde, dass selbst dieses Fach unerbittlichen juristischen Prüfungsregeln unterliegt und nicht einfach ins Blaue argumentiert werden kann, und wo andererseits kontrovers über den moralischen Unterschied zwischen Alkohol und Cannabis debattiert wurde. Und um 16.45 Uhr schließlich VWL mit der großen Diskussion darüber, ob die Vorlesungen hier weiter auf Englisch stattfinden oder dem vereinzelten Studentenwunsch eines Sprachwechsels nachgekommen werden sollte. Die große Abstimmung gibt’s kommenden Dienstag.

Und habe ich etwa schließlich gesagt? Damit es um Punkt acht auch wirklich die allerletzte 37 wurde an diesem Abend, stand um halb sieben noch eine dieser "freiwilligen Veranstaltungen" an, die im Stundenplan nicht hervorstechend gelb, sondern sanft orange sind, und zwar in diesem Fall jene beliebte Sorte davon, zu der man doch irgendwie hingehen muss. Sven hatte uns ein paar Tipps zu Aufbau, Fehlervemeidung und objektivem Empfänger… pardon, Erwartungshorizont in Strafrechtsklausuren zu vermitteln.

Und so blieb man, während im Rest des Gebäudes die Lichter ausgingen. Alles eine Frage der Abwägung. Gewissenskonflikte, Rechtskollisionen, Widersprüche.

Es hatte gefühlt schon finsterste Nacht Einzug gehalten, als man nach Hause kam. Und zudem war es gerade so jene paar Grade wärmer geworden, die dazu nötig waren, damit Regen fiel statt Schnee. Es ist nicht nur ein selten winterlicher Winter. Es ist sogar ein ziemlich grauenvoller.

Zumal am Freitagnachmittag allmählich die Botschaft in die Stadt drang, auf dem Land, in Taunusstein oder in Görsroth, schneie es. Hier unten - regnete es im Strömen.

Dabei laufe ich immer noch vorbei an Weihnachtsbäumen, wenn ich zur Uni laufe.

Man hat nun mal nicht auf alles ein Grundrecht.

Aber ich sehe schon wieder alles zu juristisch.

Ich sollte zum Getränkemarkt fahren.

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