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Wochenrückblick: Einen Moment, bitte

Gut, dass ich gewartet habe.

Würde ich mir das nur öfter denken. Es ist eines meiner größten Themen der letzten zwölf Monate. Warten oder nicht mehr warten. "Ein so großer Teil unseres Lebens ist also nur ein ständiges Warten, ein ständiges Hinarbeiten auf einen im Gesamten so kleinen Teil unserer Zeit." - März 2011, wann auch sonst. Oder auch: "Wie lang darf ein Mensch warten, wie lang kann er warten? Wie lang sollte er warten - und was kann er anderes tun? Manchmal habe ich den Eindruck: gar nichts. Manchmal habe ich den Eindruck: alles." - Juni desselben chaotischen Jahres, im letzten Rückblick meiner Schullaufbahn damals. Zu überstürzen, das scheint immer das Schlimmste zu sein. Aber was ist an zu spät schon besser als zu früh?

Diesmal ist es gut, dass ich eine Woche gewartet habe.

Es hat nicht an Karneval gelegen. Oder an Fasching oder Fastnacht, oder was immer davon für Sie dieses außerordentliche Ritual zwischen Winter und Ostern am treffendsten benennt. Es hatte vielleicht gar keine rationalen Gründe. Es war vielleicht nur dieses Gefühl, dass es sich lohnen würde zu warten. Um das Ganze mal wieder von einem anderen Blickwinkel aus zu sehen. Wobei sich immer die Frage stellt, ob der Blickwinkel wirklich jedes Mal ein größerer, ein höherer, ein weiserer und umfassenderer ist, ob er sich wirklich schrittweise einer wissenden Art Vogelperspektive annähert und immer mehr begriffen und überblickt wird - oder ob er, ganz im Gegenteil, immer tiefer in die Materie hineingeht und irgendwann alles aus der Mitte betrachtet, in all seiner Ungeordnetheit und Konfusion und vor allem in der Nähe, die es dann doch hat. Oder ob sie gar mehr und minder jedes Mal gleich weit weg ist, diese Position, von der aus man auf alles schaut, und nur von Zeit zu Zeit die Richtung eine andere ist. Worin läge denn der wahre Fortschritt? Eine Woche ist nicht lang.

Andererseits aber kann eine Woche natürlich immer entscheidend sein, immer. Wenn es um Klausuren geht, etwa. Nicht nur beim Schreiben, wo erfahrungsgemäß das richtige Lernen selten mehr als sieben Tage im Voraus in Angriff genommen wird. Auch bei der lieben Rückgabe.

Es hatte sofort große Aufruhe gegeben. Die zweite Strafrechtsklausur, für die meisten ein willkommener Verbesserungsversuch, für einige aber eben auch die zweite Chance zu bestehen, vier Wochen nach der ersten - in Ordnung. Ist ja nicht so, dass man nicht für beide ohnehin dasselbe lernen müsste. Die Ergebnisse der ersten aber erst am Tag vor oder gar am Tag der zweiten Klausur zu erfahren, kommenden Dienstagmorgen also - nicht so in Ordnung. Wir wollen ja wissen, woran wir sind. Worum es geht bei der zweiten Runde. Um ein, zwei Punkte, die in vier Jahren niemanden mehr kümmern, oder darum, wenn auch ein zweites Mal nicht bestanden würde, jetzt schon diesen einen ominösen "Joker" für die ersten sieben Trimester zu verspielen. Darum, das Ziel, das ja womöglich das berühmte "4 Gewinnt" übersteigt, schon erreicht zu haben und das ausnehmende Gefühl genießen zu können, eine Klausur ohne jeden Druck zu schreiben. Oder doch darum, noch etwas draufzupacken, um, was vor allem zu Anfang eines Studiums wie Jura für den Atem langfristig so wichtig sein kann, zufrieden zu sein.

Vor diesem Hintergrund wurde also umgehend auf den Korridoren zwischen den Vorlesungen und - wie sich das heute gehört, natürlich auch auf Facebook - agitiert, als es hieß, die Noten gebe es erst so kurz vor der zweiten Klausur zurück, dass man unmöglich sein Lernen auf sie einstellen könnte.

Und so wie ACTA erst einmal in die Untiefen einer "eingehenden Prüfung" abgeschoben wurde, so kam auch hier die Reaktion sofort. Rückgabe und Besprechung der Klausur am Dienstag vor der zweiten. Die Meldung machte vorletzten Freitag die Runde, ehe die Leute noch missmutig ins Karnevalwochenende gegangen wären. Realisiert sah sie sich am Dienstag darauf. (Man kommt ja durcheinander, wenn man mal auf zwei Wochen zurückschaut).

Andererseits zeigt sich da mal deutlich, wie alles ineinander übergreift. Was für eine Kontinuität in so einem Alltagsleben steckt. Alles, was passiert, spielt noch einmal eine Rolle, eines Tages. Was freilich nicht nur für Montag bis Freitag gilt, ganz und gar nicht.

Interessant ist bei den Strafrechtsklausuren allerdings noch, dass es auf einmal möglich ist, sie eine komplette Woche früher fertig korrigiert auszuhändigen. Sobald nur kollektiver Einspruch eingelegt wird. Es scheint ja nicht so schwer gewesen zu sein, im Endeffekt.

Bemerkenswert waren darüber hinaus absolut noch die beiden Schuldrecht-Sessions der Vorvorwoche. Nicht nur dass Herr Professor Nietsch es als schade empfand, am Donnerstag noch mit Krawatte vor uns stehen zu können ("In Hessen wird das nun mal leider nicht so hochgehalten"). Zudem deutete der § 827 BGB mit dem Titel "Ausschluss und Minderung der Verantwortlichkeit" mit seinen "geistigen Getränken" für viele eindrucksvoll aufs Wochenende voraus. Und Herr Professor Nietsch sprach - es ging um irgendeinen fieberhaften Streitstand - in einem dieser zivilrechttypischen Momente des Stirnrunzelns und/oder Augenbrauenhebens seitens der atemlosen Studenten, in deren verwunderte Gesichter er dabei sah, einen Satz, der mir danach noch eine Weile in den Ohren klang. "Ich kann Ihren Wunsch nach Orientierung verstehen", beteuerte er.

Was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben, nicht wahr?

Jura ist und bleibt nun mal das Leben. So ein Studium ist und bleibt das Leben. Klar - das Leben an sich ist noch viel mehr. Aber all seine wesentlichen Teile sind wie das Leben selbst.

So wie das BGB aus Allgemeinem und Besonderem Teil besteht und das Schuldrecht als Teil des Besonderen Teils noch einmal seinerseits einen Allgemeinen und einen Besonderen Teil hat. Die Frage ist immer nur, was für eine Woche es gewesen ist, die den Blickwinkel verschoben hat.

Auch die beiden SLG-Feedback-Veranstaltungen der Donnerstagabende erweiterten durchaus die Sicht auf die Dinge. Vor der Zäsur des närrischen Treibens war es Herr Schmidt-Nentwig, der wie immer subsidiär zu etwaigen Fragen, die auch fleißig gestellt wurden, anhand eines anschaulichen Beispiels einen Tatbestand seiner Wahl mit uns auskundschaftete. Diesmal war es die Schlägerei. Wobei seine Schilderung ihres Normalfalls - eine Szene auf der Erbenheimer Kerb, auf der plötzlich ein paar Nordenstadter Jungs auftauchen - so eine Art Schilderung ist, die einem beim nächsten Mal, da man es mit § 231 zu tun hat, wieder vor Augen stehen wird. Und die man dann hoffentlich verbinden kann mit all dem strafrechtlichen Inhalt, mit dem er sie ausschmückte.

Und auch sieben Tage später blieb eine Handvoll trotziger Studenten an einem ohnehin langen Donnerstag noch ein bisschen länger. (Und ja, ich wehre mich gegen das politisch korrekte Monster "Studierende", zumal sich ja mit Berufung auf Haft - Fußnote folgt - feststellen lässt, dass das grammatische Geschlecht nichts mit dem tatsächlich zu tun hat). Nach Fastnacht war es der gute alte Sven Henseler, der zunächst kurz auf die letzten SLG-Aufgaben einging. Nach ihnen ist die Veranstaltung ja immer noch benannt. Aber erneut wurde schnell deutlich, dass es anderes gab, was auf der Studentenseele brannte. Sven stellte ausführlich den Theorienstreit um die actio libera in causa dar, der daran erinnerte, wieso Herr Professor Kment sich bei jeder Gelegenheit darüber zu beschweren pflegt, dass im Strafrecht ja sowieso alles nur umstritten sei. Und danach wurden Fragen querbeet beantwortet, auch nach offiziellem Schluss der Veranstaltung noch, und rundum lohnte sich das Ganze mal wieder.

Ob denn heute der neue Wochenrückblick endlich online käme, fragte Sven mich noch beim Rausgehen, da waren die Lichter im Foyer längst ausgegangen.

Da musste ich beichten, dass die letzte Woche als erste hier an der EBS keinen eigenen Rückblick bekommen hatte. "Dafür gibt’s Anfang nächster Woche wieder einen, dann quasi für beide", stellte ich in Aussicht. - "Dann ist ja gut", meinte Sven nur und ging.

Im Bus nach Hause schliefen daraufhin die Leute um einen herum unaufhaltsam ein. Woher auch immer sie kamen und wohin sie wollten, nach acht. Den Kopf an die großen, von außen mit Werbung verzierten Fensterscheiben gelehnt. Oder sie waren sogar längst schon eingeschlafen. Es war nicht genau auszumachen. So oder so wurde klar, dass es spät geworden war und man selbst noch immer nicht zuhause. Gut nur, dass Donnerstag Donnerstag ist. Oder wie das Programm im Kulturpalast donnerstagabends immer heißt: Morgen ist Freitag.

Zwischendurch gab es ein spektakuläres Wochenende. In erster Linie geprägt von der Erkenntnis, dass es auch Mitte Februar irgendwann morgens hell wird. Bei einer ganz anderen Form des Spät-nach-Hause-Kommens. So ging dann der Wochenrückblick drauf.

Am Rosenmontag herrschte dann eine eigenwillige Stimmung am Campus. Der an diesem Tag eher wie eine überspezialisierte private Berufsschule wirkte. (Andere Parameter für die Größe einer Bildungsinstitution sind mir auf die Schnelle nicht eingefallen). In der Schuldrechts-AG, mit dem Blick auf die Busse, fanden sich immerhin fünf Leute ein. Als ich zwei Minuten vor regulärem Beginn als erster den völlig verwaisten Raum betrat, war ich froh, als direkt nach mir wenigstens Frau Fündling kam. Und dann eben doch noch ein paar tapfere Kollegen.

In der Vorlesung bei Herrn Professor Haft waren es dann schon ganze vierzehn Leute geworden. Knapp vorbei an den mythischen fünfzig, die man mal als theoretische Größe unserer Vorlesungsgruppe 1 gehört hat. Eine Quote, die dem zwischenzeitlich lautgewordenen Plan, am Rosenmontag aus Protest geschlossen nicht aufzutauchen, nun mal Rechnung trug. Der letztlich eben doch nicht verwirklicht wurde. Zum einen aufgrund der berechtigten Skepsis, dass die Veranstaltungen an diesem Tag dann schlichtweg bei Gelegenheit "wiederholt" würden. Und zum anderen weil bei solchen Aktionen sowieso immer trotzdem irgendjemand kommt.

Von Vor- und Nachwirkungen des Wochenendes zwischendrin einmal abgesehen, waren es aber zwei typische Wochen inmitten so eines Trimesters. Mit Noten, mit studentischer Auflehnung gegen die Organisation, mit leidenschaftlichen Diskussionen bei den Grundrechten. Die zweite Woche dabei deutlich vollgepackter, von einer stattlichen Rechtsinformatik-Session abgeschlossen, die zumindest zeitlich auf zwei Tage zusammendrängte, was sich, vorsichtig dosiert, über ein ganzes Spring Term hätte verteilen lassen. Aber alles Absicht. Schließlich ist es nicht bei allem sinnvoll, es über Wochen immer wieder aufzunehmen. Bei allem spaced learning, das Herr Professor Demougin zu Recht predigt.

Und nun - Herr Gleichmann will schon den "Endspurt" sehen. So ist das ja ohnehin immer: Es gibt kaum einen Mittelteil. Aller Anfang ist schwer und lang. Und ehe man sich versieht, ist schon wieder das Ende in Sicht. Der Blickwinkel, wie hoch er auch sein mag, befasst sich nie so ausführlich mit der Gegenwart, wie sie es verdient hätte.

Bleibt noch Zeit für Grüße. Nach Frankreich zum Beispiel. Oder an den Korrektor, der sich der eigenen zweiten Strafrechtsklausur widmen wird. Seien Sie einfach gut gelaunt, wenn Sie sich die Arbeit vornehmen. Ist sowieso ein guter Rat.

Diesmal ist es gut, dass ich eine Woche gewartet habe.

Denn mittlerweile, ja mittlerweile scheint es Frühling geworden zu sein. Andere Zeit, andere Welt - es ist sowieso wieder alles wandelbarer denn je. Am Samstag ließ sich zum ersten Mal seit Oktober mal wieder Tischtennis spielen. Eines dieser Anzeichen.

Es ist nun wirklich, endlich ein Spring Term.

Zeit für zweite Chancen einmal mehr, nicht nur am Dienstagmorgen. Es kann immer besser werden.

Das zugrunde gelegt, wäre alles Warten Zeitverschwendung.

Aber es stimmt nun mal nicht.

Was das Eis uns gelehrt hat, war schließlich eben genau, dass manchmal auch Geduld erforderlich ist. Mehr, als lieb wäre.

Doch - warten Sie …

Chinesisch für Anfänger - Part 4

In so einem Austausch geht es ja um noch mehr als das reine Studium. Selbstverständlich haben wir die Zeit auch zum Reisen genutzt und die Feierei ist auch nicht wirklich zu kurz gekommen. Die wichtigste Erkenntnis beim Reisen war: Shanghai ist nicht gleich China! Vorsicht ist geboten, wenn man sich für ein paar Tage in Shanghai aufhält und denkt, das wäre alles ja gar nicht so anders, als das was wir gewohnt sind. Peking ist bereits um einiges anders und wenn man dann in andere Städte wie Nanjing, Hangzhou, Shenzhen oder gar ins Landesinnere reist, dann werden die Kontraste sehr schnell stärker. Das alles sind Erfahrungen, die ich nicht unbedingt regelmäßig wiederholen muss, die ich aber jedem Asienbesucher ans Herzen legen möchte, der sich ein vollständiges Bild von China machen möchte. Um sich davon zu erholen, kann man ja direkt im Anschluss nach Thailand, Cambodia oder Vietnam weiterreisen. Nach einem guten Thai-Curry und einer 5-Euro-Massage am Strand von Koh Samui lassen sich die Strapazen der China Reise überraschend schnell wieder vergessen. Was das Nachtleben betrifft, können Deutsche Städte sich echt hinten anstellen. Fairerweise muss man sagen, dass es in einer 25 Millionen Metropole vermutlich auch um einiges leichter ist, ein vielfältiges Angebot an Clubs, Bars oder Restaurants bereitzustellen. Was auch immer die Gründe sind, wir haben sie nicht weiter hinterfragt und uns einfach reingestürzt. Ein typischer Abend begann dann so gegen 20 Uhr bei Nepali Kitchen mit einer Auswahl Curries, Tandoories und Barbecue. Anschließend wurden entweder Margaritas im Zapatas getrunken, oder Salsa im Mural getanzt bevor es dann letztlich in einem der vielen westlichen Clubs wie Bar Rouge und M1NT oder, typisch chinesisch, in der Bar88 oder dem Phebes abging. Nicht selten kam es vor, dass dann noch ein bis zwei mal am Abend die Location gewechselt wurde. Es gab einfach zu viele gute Partys! Lustigerweise trifft man beim Ausgehen trotz Shanghais Größe gerne mal bekannte Gesichter und schnell steckt man in der internationalen Expat-Community drin. Das hat was und leiht einer sonst so anonymen Metropole gerne mal den Charme einer vergleichsweise kleineren Stadt wie Hamburg oder München.

Shanghai, du fehlst mir! Hätte man mir vorher gesagt, dass ich heute so denken würde, hätte ich mein Gegenüber für verrückt erklärt. Natürlich ist es ein gutes Gefühl wieder hier zu sein – Deutschland hat mir die ganze Zeit über nicht minder gefehlt – aber wenn man sich einmal mit Shanghai angefreundet hat, bleibt man ein leben lang verbunden. Die Stadt zieht einen unweigerlich in ihren Bann. Sie hat so viel zu bieten, sie ist schön und hässlich zugleich, teils hektisch, teil gemütlich, ein globales Dorf aber irgendwie auch chinesisch. Die Stadt ist vielseitiger als alles was ich bisher kannte. Ein echter Geheimtipp, der so geheim gar nicht mehr ist. In jedem Fall eine Reise wert, und auch darüber hinaus ...

Chinesisch für Anfänger - Part 3

Im Rahmen der jungen Generation sind wir nun auch letztlich bei meinen Kommilitonen und dem Studium in China angelangt. Die Feststellung, dass Chinesen ehrgeizig und fleißig sind, haben wir bereits gemacht. Zugegeben, manchmal könnten sie bessere Ergebnisse erreichen, wenn sie die unsinnigen Dinge einfach mal unterlassen oder auf den üblichen Mittagsschlaf am Arbeitsplatz verzichten würden, aber man sollte nicht den Fehler machen, sie zu unterschätzen. Es mag noch ein oder zwei Generationen dauern, aber man ist uns auf den Fersen und die allgemeine Beliebtheit westlicher Austauschstudenten erklärt sich sicherlich nicht nur dadurch, dass der Westler "the big leg" der Gruppe ist und die chinesischen Kommilitonen gerne mal davor bewahrt eine absolute no-go Präsentation zu halten, sondern auch, weil man sich westliche Arbeitsweisen abguckt und zunehmend nachahmt. An dieser Stelle eine kleine Anekdote zum Thema Präsentationen: "Lee, your Slide says that we recommend our clients to invest their money into a vegetarian franchise restaurant chain in the United Kingdom as 86% of the British are on a vegetarian diet. Where exactly did you get that numbers from?" Lee: "Oh, I made them up. Sounds pretty good, huh?" Hat man sich aber mit derartigen Erlebnissen arrangiert und einen Weg gefunden höflich und ohne Gesichtsverlust zu kritisieren, dann kann auch eine Gruppenarbeit zur positiven Erfahrung werden. Und auch wenn ich meine EBS Kommilitonen zwischenzeitlich darum beneidet habe, dass an anderen Unis Internationale und Chinesen getrennt voneinander unterrichtet werden, so bin ich letzten Endes doch sehr froh und habe die Nerven gerne geopfert. Denn schließlich war es ja das, wonach wir hier in China gesucht haben und was uns später sicherlich noch zu Gute kommen wird: Eine vollkommene, kulturelle Erfahrung. Heute kann ich zurückblicken und ehrlich sagen, dass ich weiß, wie man mit einem Chinesen zusammenarbeitet. Ich bin mir bewusst, welchen Respekt er bei der Zusammenarbeit von mir erwartet, und zugleich, wie ich ihm auf freundliche aber bestimmte Weise vermitteln kann, was ich im Gegenzug von ihm erwarte. Unter diesen Gesichtspunkten war der Austausch ein voller Erfolg. Und wie steht es um die übrigen Erfolgsfaktoren? Dazu mehr beim nächsten Mal.

Wochenrückblick: Die Unkalkulierbarkeit des Lebens eines Juristen als Wettervorhersage

Wochenrückblick: Die Unkalkulierbarkeit des Lebens eines Juristen als Wettervorhersage

 

Erst musste es wirklich kalt werden. Doch dann, dann fing es tatsächlich an zu schneien.

Es hat noch keine ansatzweise unspektakuläre Woche gegeben in dieser neuen Welt, wenn man ehrlich ist. Von der bahnbrechenden Einführung, die vieles etabliert, aber vieles auch seltsam verborgen gehalten hat, was mittlerweile Tagesordnung ist, über die unbeschwerte Anfangszeit, der Drohung der Klausuren bis hinein nun ins zweite Trimester - es hat keine langweilige Woche gegeben. Irgendetwas Neues ist immer gewesen. Irgendeine folgenreiche Stundenplanverschiebung. Irgendeine neue Veranstaltung - oder zumindest eine alte Veranstaltung in auf einmal neuem Gewand. Irgendetwas Ungewöhnliches, irgendeine Abweichung vom Rechtsgefühl des Normalfalls hat sich immer geboten. Keine Woche kam ohne erwähnenswerte Sequenz aus, ob symbolisch, unterhaltsam oder nachdenklich stimmend.

Und das wollte ich an dieser Stelle nicht etwa festgestellt haben, weil es sich anhand der vergangenen fünf Tage geändert hätte.

Und das obwohl es in diesem Sinne nur drei gewesen sind.

Mittwoch. An sich möchte man ja glauben, ich würde schon wieder in der Mitte anfangen. Als schwierigster Anknüpfungspunkt eines Rückblicks. So gesehen aber war das bereits das Ende.

Der Schnee war gefallen. Die Studentensprecher waren gewählt. Die Sonne war verschwunden, und die erste richtige Erkältung seit Folklore Ende August machte sich allmählich bemerkbar. Da fuhr ich mit einem alten Schulfreund nach Oestrich-Winkel. An einem großen, reichlich vollen, eisschollenbespickten Fluss entlang, in den Rheingau, per Navi - ich war schließlich erst ein einziges Mal da gewesen. Und das ist auch schon wieder fünf Monate her, ob man es glaubt oder nicht. Es war Mittwochabend, und wir fuhren zur Business School.

Es war eine der gefühlten zwanzig E-Mails gewesen, die man als Student an der EBS täglich vom sagenumwobenen Helpdesk bekommt. Die meisten auf Englisch, einige auf Deutsch und danach noch mal auf Englisch, manche auch in einem Gemisch. Eine davon aber hatte mich hierzu motiviert.

EBS Poker Night hatte die Überschrift versprochen. Die zweite. Nachdem das Projekt im vergangenen Semester - die Kollegen in Oestrich haben ja im Gegensatz zu uns ihren allen Nachfragenden bekannten Studienrhythmus ("In welchem Semester bist du denn?" - "Im zweiten Trimester." - "Hä?") -, nachdem im vergangenen Halbjahr also erstmals die Idee des Event-Ressorts aufgekommen war, mal etwas anderes zu organisieren. "Wir können ja nicht immer nur Partys machen", meinte einer der Veranstalter am Abend. "Und die Nachfrage hier scheint ja groß zu sein."

Das war sie tatsächlich. Wir kamen an, kurz nach acht. Fanden erstaunlich schnell die "Burg", dort erstaunlich schnell den Raum N1, und einmal dort, hatten wir es geschafft. Wir ließen unsere Namen auf der Liste abhaken und nahmen zwei der uns angebotenen Plätze ein. Fünfmal je drei Tische waren in N1, dem größten Vorlesungssaal der Burg, zusammengestellt worden. Exakt die gleichen, für zwei Leute, eine FAZ, ein Relentless, eine Flasche Cola und vielleicht noch einen Block "zum Mitschreiben" etwas zu kleinen Tische wie bei uns. Je drei davon. Bedacht noch mit einer sechseckigen Pokerauflage und umringt von acht Stühlen. Die einem ebenfalls bekannt vorkamen. Wir setzten uns. Bei irgendeiner Gelegenheit zwischen den ersten Händen erklärte ich, dass ich ein entfernter Verwandter von der Law School sei. Meinem Kumpel wurde das sofort auch unterstellt, und er blickte in verwunderte Gesichter, als er irgendetwas von Maschinenbau erzählte. Dann spielte man weiter.

Ich hatte länger kein Turnier mehr gespielt. Es ist die anstrengendere, unkalkulierbarere, aber auch die spannendere, emotionalere der beiden Formen, in der sich dieses grandiose Spiel namens Poker austragen lässt. Der erste juristische Aufsatz, den ich schreiben muss, wird sich argumentativ dafür einsetzen, dass Poker kein Glücksspiel im Sinne des § 284 mehr sein darf. Damit wird es dem Hütchenspiel gleichgesetzt oder, etwas vornehmer konnotiert, doch vom Glücksfaktor her ähnlich, mit Roulette. Was jeder, der es einmal richtig gelernt hat, als lächerlich empfinden wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Unkalkulierbarkeit eines Pokerturniers machte sich jedenfalls auch an diesem Abend eindrucksvoll bemerkbar. In der ersten Stunde vergeblich versucht, riskant zu spielen. In der zweiten ein bisschen was gutgemacht, aber nicht viel. In der dritten den Tisch wechseln müssen und dort nahezu perfekt gespielt. In der vierten gut verwaltet und einmal entscheidend Glück gehabt. Und in der fünften einmal den falschen Zeitpunkt gewählt und denkbar knapp gescheitert. Vierter von 38, nun ja. Und am Ende noch ein wenig warten müssen, bis auch mein Fahrer durch und das Turnier vorüber war. "Jungs, ich wollte eigentlich um 2 zuhause sein", seufzte einer der beiden Veranstalter, die bis zum Ende blieben.

Die Spannungskurve war auf alle Fälle so gewesen, wie sie die meisten bedeutenden Abende im Leben prägt. Man war aufgetaucht, einen Tick zu spät. Die Leute hatten sich nach und nach verabschiedet. Und am Ende war eine Handvoll verblieben, als es entscheidend wurde, die Müdigkeit einsetzte und das Kratzen im Hals, und als irgendwann nur noch Red Bull Sugar Free da war.

Einträchtig wurden noch Flaschen, Dosen und sonstiger Müll eingesammelt. Die Utensilien in irgendeine entlegene Kammer in einem anderen Gebäude gebracht. Hände geschüttelt, das nächste Mal anvisiert und Namen ausgetauscht ("Such mich einfach bei Facebook bei seinen Freunden"). Und schließlich ging es durch die schon üblichen zweistelligen Minusgrade neben den Eisschollen zurück in die Stadt.

Tags darauf war ich dann endgültig krank. Irgendwann musste der Eiszeit ja Tribut gezollt werden.

Daher die Dreitagewoche, die zum Glück auch ohne Erkältung nur eine Viertagewoche gewesen wäre. Die einzige in diesem Trimester.

Den mittlerweile gewohnten Anfang machte die Schuldrecht-AG bei Caroline Fündling. Mit der widerspenstigen Tafel, den etwas seltsamen Fällen und den umtriebigen Bussen auf ihrem großen Parkplatz zur Linken. Alles geläufig. Nur der Inhalt ist jede Woche ein anderer, im Schuldrecht mehr als in jedem anderen Gebiet. Die Sprünge bleiben groß. Von diesem Buch ins übernächste, zurück zu dem, was vor drei Wochen mal kurz Thema war, oder unversehens hinein in die Untiefen des Mietrechts. "Das ist wirklich etwas kompliziert."

Geradezu entspannt fiel dagegen Strafrecht unmittelbar im Anschluss aus. Wobei die meisten letztlich doch sehr angespannt auf ihren Stühlen saßen, auf den gleichen wie in Oestrich. Die Atmosphäre dieser Vorlesung, die keine Vorlesung war, war jedenfalls eine besondere. Professor Haft sah sich in einem beispiellosen Anflug seines beliebten Fähigkeiten- und Trainingsdenkens dazu veranlasst, nach besten Möglichkeiten mit dreißig Leuten die Situation einer mündlichen Prüfung zu simulieren. Die uns ja allen im Rahmen der Staatsexamen bevorstehen wird, und zwar als nicht gerade unwesentlicher Teil. Wie Haft stets beklagt, in völligem Missverhältnis dazu stehend, wie wenig im juristischen Studium zuvor eigentlich mündlich geübt wird.

Das will er demgemäß ja seit jeher ändern. Mit der Idee der Selbstlerngruppen und mit sonstigen Empfehlungen. Es ist eine der grundlegendsten Ideen seiner Bücher. Und an diesem Montag änderte er es ganz selbst, live, in der "Vorlesung". Las einen Fall vor, den der BGH vor einigen Jahren zu entscheiden hatte, und ging herum. Plauderte aus dem Nähkästchen über Details mündlicher Prüfungen - niemals bei den üblichen fünf Leuten als zweiter von links oder rechts sitzen; das sorgt für die unangenehmsten aller Fragen, die der Prüfer vorbereitet hat - und ging Student für Student nach seiner Methode eine potenzielle Lösung durch.

Natürlich kann das nicht immer so gehen. Es muss auch Wissen vermittelt werden von dem, der vorn steht, so ungern Haft es hören würde. Sie muss auch oft frontal sein, so eine Vorlesung. Probleme und Theorien müssen vorgestellt werden, ganz schlicht. Dazu haben diese Menschen mit dem Mikrofon ja auch promoviert. Aber ab und an etwas derart Interaktives könnte viel nützen, hat man den Eindruck. Es brachte jeden zu voller Aufmerksamkeit. Aus Fehlern lernt es sich am besten, und durch Tun sowieso viel besser als durch Lesen und Hören. Dass Jura ein Studium ist, in dem diese Tatsache nicht allzu hochgehalten wird, belegte Haft am Montag ebenso, wie dass sie auch in diesem Fach gilt.

Und jede Minute, in dem so etwas abseits unseres auf zwölf Trimester gestrickten Schnelldurchlaufs durch das Recht möglich ist, tut gut.

Der Dienstag bildete dann fast schon den Hauptübergang der Woche. Mit Strafrecht am Morgen - wo es zur Enttäuschung vieler die Hausarbeit noch nicht zurückgab -, nahtlos übergehend in eine ewige Mittagspause und die Grundrechte. Es wurde wie immer ein wenig optimiert, und Herr Professor Kment veranstaltete einen "Exkurs" in die Zulässigkeit einer Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht. Einmal mehr ein Fall von: was eigentlich hinter dem steckt, was man so in der Zeitung liest, nach dem Sportteil.

Am Abend wurden schließlich die Studentensprecher gewählt. Neu respektive endgültig, nachdem man sich nun mittlerweile "richtig kennen gelernt" hat. Felix und Lance setzten sich letztendlich mit dem knappestmöglichen Abstand (!) von einer bzw. zwei Stimmen durch. Wurden als unsere von nun an agierenden Vertreter im Studentenrat beglückwünscht. Von den beiden Sprechern der Business School, die für die Wahl angereist waren, und von den Verbliebenen, die auf das Ergebnis gewartet hatten. Und draußen begann es zum ersten Mal in dieser Woche leicht zu schneien.

Am Mittwoch, der vermeintlichen Mitte und dem faktischen Ende der Woche, ging es dann gewohnt früh los. Danach aber fielen die Pausen eindeutig nicht so großzügig aus wie normalerweise an einem Mittwoch. Irgendwoher musste die Müdigkeit am Abend in Oestrich ja herrühren.

Herr Professor Kment holte nämlich am Morgen um 8 seine Vorlesung von vergangener Woche nach. Mit allen. Allen potenziellen 88. Im "Plenum", wie es so politisch wertvoll heißt. Und das Bemerkenswerteste war, dass ich, soweit ich mich erinnere, in drei vollen Stunden Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit nicht ein einziges Mal auch nur gähnte. Und das in Reihe 6 oder so. Und vor allem angesichts dessen, dass die Vorlesung von 8 Uhr bis 11.15 Uhr ging - ich betone noch mal: von 8 Uhr. Doch mit einer imposanten Leichtigkeit, mit einer Kombination von Hafts Liebe zur Interaktivität, einem Stoff, der veranschaulichte, was Grundrechte in dieser Gesellschaft eigentlich bedeuten, und indem er diesen Stoff obendrein noch fesselnd vortrug, unterstützt von der einen oder anderen schlechten Zeichnung (Erste Stunde: "Eins vorweg: Ich kann nicht malen") - mit all dem gelang es Herrn Professor Kment, einen nicht nur wachzuhalten, sondern mehr als das. Einen dabei zu halten, über drei Stunden. Zu zeigen, dass das hier wichtig ist. Nicht nur für die Hausarbeit in den Ferien oder für die nächste Klausur. Für jeden von uns. Auch die, die nie ein Wort darüber schreiben werden. Aber dass wir diejenigen sind, die es lernen.

Sicherlich kommt Kment dabei auch regelmäßig sein Fach zugute. Während im Schuldrecht in zehn Minuten zehn Paragraphen aus drei verschiedenen Regelungsgebieten an einem vorbeifliegen, konzentriert man sich hier auf einen einzigen Artikel mit seinen drei Varianten, einen ganzen langen Morgen lang.

Aber selbst seiner Schlussbemerkung zum Thema Handys wurde aufmerksam gelauscht. Und an den richtigen Stellen mit plenumsweitem Lachen Rechnung getragen. Nach knapp hundertachtzig Minuten voller Grundrechte hatte jemand etwas zu auffällig sein Recht auf Handlungsfreiheit wahrgenommen und auf seinem Handy, pardon, ich meine sorry, Smartphone, rumgetippt. Was Herrn Professor Kment dazu gebracht hatte, uns zu bitten, uns doch alle einmal grundsätzlich zu fragen, ob wir nicht längst abhängig von diesen Geräten seien. Ob die nächste SMS tatsächlich so wichtig sei, und wieso denn. Es war teils ein altes Lied. Etwas, das unserer Generation leidenschaftlich gern nachgesungen wird, schon jetzt. Aber vor dem Hintergrund all der Zukunft und Gesellschaft betreffend so relevanten Fragen und Problemen der vorangegangenen drei Stunden schien es einen anderen, einen schwereren Kontext zu bekommen.

Es folgten noch VWL und die einzige Ausgabe Schuldrecht-Vorlesung dieser Woche. Zu einer Zeit, zu der Schuldrecht nie wieder sein sollte, um 16.45 Uhr am Ende eines Tages ab 8 Uhr.

Die Frage, wo eigentlich Herr Gleichmann seit Jahresbeginn steckt, schwebte wieder durch die Flure, und mehr weiß ich nicht mehr von dieser Woche im Gustav-Stresemann-Ring 3. An den Heizstrahlern im Foyer vorbei hinaus zum kalten Bahnhof, abends an den Eisschollen vorbei - am Donnerstag soll nichts Spektakuläres gewesen sein.

Was man ja fast nicht glauben mag.

Erst musste es wirklich kalt werden. Doch dann, dann fing es tatsächlich an zu schneien.

Und nun, was ist passiert mit dem Schnee? Er ist nicht geschmolzen. Dazu ist es zu kalt, unverändert. Er ist - sublimiert. Zu trockene Luft, ungünstiger Luftdruck - und schon verschwindet Schnee, ohne dass es zu warm für ihn wäre. Es ist absurd. Manchmal sind nicht nur menschliche Handlungen, sondern auch unbestreitbare Naturgesetze absurd.

Absurd, wie sommerlich es draußen anmutet, wenn man samstagmorgens aufwacht mit flauem Magen und sich umdrehen muss, weil die Sonne einen geweckt hat. Absurd, wie bilderbuchgleich sie momentan untergeht, den nachmittäglichen Himmel in eine abgestufte Farbenwelt tauchend aus dunkelstem Rot am Horizont und heller werdendem Orange darüber, dem ein leises Blau folgt, ausufernd in Richtung der Sterne und des Mondes auf der anderen Seite, der längst aufgegangen ist, irgendwo über Rewe Getränkemarkt in Bierstadt.

Ich habe mich über einen unwinterlichen Winter beschwert. Und nun kann ich mich nicht entsinnen, wann es je zwei Wochen lang keinen Plusgrad in Wiesbaden gegeben hat.

Je genauer man hinsieht, desto mehr ist und bleibt besonders.

Mal schauen, wie verschneit der Weg nach Oestrich beim nächsten Mal sein wird. Oder ob wir schon an Blumenwiesen vorbeifahren.

Es ist Halbzeit in diesem zweiten Trimester. Und absehen lässt sich mal wieder kaum etwas.

Da fällt mir in der Hoffnung auf Abhilfe im Grunde nur die berühmte Aussage von Mr. Mehren ein, der in dieser Woche verreist war und erst in der kommenden wieder da sein wird; diese Aussage aus dem ersten Trimester, die er vor zwei Wochen aber noch einmal eindringlich wiederholte: "We don't wait for the future. As lawyers, we create the future."

Wenn das tatsächlich unsere Aufgabe ist - haben wir uns jedenfalls etwas vorgenommen.

Chinesisch für Anfänger - Part 2

Anfangs, und das werden meine Familie und Freunde bestätigen, stand es gar nicht so gut um die sino-derkumsche Annäherung. Keine Stunde nach meiner Ankunft wurde ich von einem freundlich grinsenden Taxifahrer gewaltig beschissen, als er lächelnd mit dem Finger bedeutete, dass der Highway geschlossen sei und er andersherum fahren müsse. Meine Augen folgten seinem Finger in einem großen Bogen und mir war klar: Das wird nicht günstig! Nach 24 Stunden im Flieger und an Flughäfen zwischen Hamburg ? Dubai ? Shanghai und mit Gepäck für ein halbes Jahr im Kofferraum, dachte ich mir: "Mach jetzt bloß keine Anstalten zu streiten und steig um Gottes Willen jetzt nicht hier in der Pampa aus!" Von daher habe ich mich meinem Schicksal ergeben. Und ich ahnte es bereits: Das sollte in den darauffolgenden Tagen und Wochen noch öfters passieren und auch der Gedanke "Hättest du Vollpfosten bloß mal die Sprache gelernt!" kam mir hier zum ersten, aber weiß Gott nicht zum letzten mal. Die kommenden Tage waren geprägt von Wohnungssuche, Akklimatisierung, Orientierung und Kulturschock. Ich erlebte etwas, dass eine befreundete Expat später als die berühmten "Shang-Highs und Shang-Lows" bezeichnete. Die Stadt war einfach atemberaubend und man taumelte nur so dadurch. Wobei man sich nicht immer bewusst war, ob das Taumeln durch die überwältigenden Eindrücke, oder doch eher durch die letzte Nacht irgendwo in der French Concession ausgelöst worden ist. Oder vielleicht durch beides.

Wenn man sich irgendwann damit abgefunden hat, dass nicht alles was der gemeine Chinese so tut unserem Verständnis nach Sinn macht ? dazu zählt zum Beispiel, sich in einem Pulk von Menschen vor die noch geschlossenen Türen der U-Bahn zu stellen, damit man auch ja als erster hineinstürmen kann, sobald sie sich öffnen um einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern. Einziges Problem: Da wollen vorher noch Leute raus! Gerade zu Stoßzeiten gab es daher an den U-Bahnhöfen Chaos. Da musste zum Teil auch die Polizei eingreifen wenn mal wieder Frauen, Kinder und Alte die Treppen heruntergestoßen wurden. Sicherlich nicht mit Absicht, aber daran wurde mir zum ersten Mal deutlich wie sich eine Ein-Kind-Politik auswirkt, in der jeder Spross daheim wie ein kleiner Kaiser behandelt wird ? ein Umstand, der - und da braucht man kein Soziologe für zu sein - mit der vordergründigen Kollektiv-Mentalität irgendwie im Konflikt steht. Das Resultat: Jeder ist sich selbst der Nächste. Und so wird eben gerannt, geschubst und gedrängelt. Das erklärt auch irgendwie die Hektik in dem Land. Das und die Tatsache, dass sich die Chinesen innerhalb ihrer Landesgrenzen in einem Wettbewerb befinden zu scheinen, gegen den "the global competition" wie die Vorausscheidungen der Stadtmeisterschaften wirken. Da zählt nur, welchen Job man hat, wie viel man verdient und wie viele Designerprodukte man sich letzten Monat kaufen konnte. Was im übrigen erklärt, weshalb vor den Läden von Louis, Coco und Salvatore Heerschaaren von Chinesen stehen und drauf warten ihr hart erarbeitetes Geld über den Tresen schieben zu dürfen. Demonstrate high Value! Ein Ausdruck den mir ein Kommilitone in einem etwas anderen Zusammenhang beigebracht hat, der hier aber genau so zutrifft, wie ich finde. Es ist, als hätten sich die Chinesen diese Eigenart bei den benachbarten Japanern abgeguckt. Aber es liegt auch irgendwo Nahe, denke ich. Zum einen laufen in Shanghai eine Menge Expat(riots) herum, die mit ihrem Stil und Lebenswandel ein perfektes, erstrebenswertes (?) Vorbild für den jungen Chinesen bzw. die junge Chinesin abgeben ? in Punkto Ehrgeiz geben sich Mädels und Jungs dort überhaupt nix. Mir scheint es zum Teil sogar so, dass die jungen Damen ihre Ziele noch ehrgeiziger und unnachgiebiger verfolgen. Nicht umsonst geht das Gerücht um, dass in Shanghaier Ehen die Frauen die Finanzen regeln. Ob das nur in Shanghai so ist? Fest steht, dass die junge Generation in dem Land seit der Öffnung für den sogenannten Roten Kapitalismus in einem Wettstreit steht, wer das größte Stück vom Kuchen abbekommt. Am Ende des Tages eine ganz normale Reaktion, wie ich finde. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren auch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit stellen, wenn sie das nicht sogar schon tut. Um sich dieser Frage etwas anzunähern, muss man die junge Generation der Chinesen besser kennen lernen. Deshalb werde ich hier nächste Woche meine Erfahrungen im Bezug auf die chinesischen Kommilitonen mit euch teilen.

Chinesisch für Anfänger - Part 1

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