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Wochenrückblick: Ein Ziel in der Ferne und ein Ziel in der Nähe

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Die Stelle ist leider etwas zu lang. Sie ist zu lang, um über der Drehtür am Eingang des EBS Law School zu prangen. Sie ist zu lang, um auf das berühmte Banner zu passen, das immer ein halbes Jahr im Voraus für den nächsten Tag der offenen Tür rausgehängt wird. Verzeihung: open day.

Sie ist zu lang, um sie unter jedes Schreiben – oder, was heute wohl treffender ist: unter jede E-Mail – zu setzen, so wie es bei uns in der Schule immer mit irgendeinem Zitat von Maria Montessori gemacht wurde. Sie ist zu lang für ein Motto und wohl nicht pathetisch genug formuliert für eine Präambel.

Aber sie ist nicht zu lang, um sie sich zu Herzen zu nehmen.

Das große Stundenplanchaos ging, aller hehren Ziele ungeachtet, unbeeindruckt weiter in dieser Woche.

Der Montag begann schon mal für alle wesentlich – oder wie es juristisch hieße: nicht unwesentlich – früher als sonst. Probeklausur Bürgerliches Recht. Die erwähnte. 180 Minuten, von 8 Uhr an. Herr Binder gelang es, von fast allem ein bisschen was einzubringen. Gefühlt stieg so die Realitätsnähe der ganzen Veranstaltung. Herrschende Meinung im Anschluss war jedenfalls, dass man tatsächlich mit Schwierigerem gerechnet hatte. Wie früher in der Pause nach der Mathearbeit, in der man fleißig Ergebnisse verglich, während die große Anspannung langsam abfiel; es sei ja gar nicht so schlimm gewesen. Wobei die Mathearbeit dann rätselhafterweise erfahrungsgemäß doch katastrophal ausfiel. Trotz Herrn Hafts prägender Aussage "Nichts, was Sie in der Schule gelernt haben, wird Ihnen im Jura-Studium weiterhelfen" baut unser langfristiges Ausbildungssystem aber bekanntlich sinnvoll aufeinander auf. Sie entsinnen sich vielleicht der Rückkehr der Keilschrift, wo ich das feststellte. In diesem Sinne haben viele mittlerweile aus den Mathearbeiten der Vergangenheit gelernt. Einschätzungen direkt danach sind schön und gut. Mehr nicht. "Ich hab zwar ein gutes Gefühl", meinte Niklas. "Aber vor allem bei Jura muss das ja nichts heißen." Wir werden sehen, wie immer.

Schluss war damit für den ersten Tag der Woche allerdings noch längst nicht. Wer noch verwöhnt war von dreistündigen Abiturklausuren, vor und nach denen erst mal eine Woche Urlaub lag, hatte sich umzustellen. Immerhin verspätete sich Herr Professor Hafts Flieger aus München und verkürzte so die Vorlesung Strafrecht erheblich. Noch wie erwartet die zur Verspätung gehörige Story erzählt, blieb gar nicht mehr viel Raum für Unterlassungsdelikte, das Thema dieser Woche. Gut, dass Nr. 8 als mit das einfachste unserer zehn Module fürs erste Trimester gilt. Und dass es am Donnerstag von Herrn Dr. Henseler a.k.a. Sven gewohnt anschaulich (nach)bearbeitet wurde.

Die zweite Vorlesung beim guten Herrn Haft stand am Dienstag an. Erstaunlicherweise zur gewohnten Zeit um 11.30 Uhr. Eine entscheidende Außerplanmäßigkeit musste dann aber doch sein. Das Ganze fand als erste Lehrveranstaltung überhaupt bei uns als "Plenarsitzung" statt, wie Frau Arndt es hochtrabend nannte. Wohl um geschickt davon abzulenken, dass das de facto bedeutete: mit zu vielen Leuten in einem zu kleinen Raum.

Der Einwand wird kommen, es gebe ja wenigstens neuerdings Lavaliermikrofone statt der schon so klassisch gewordenen Handmikrofone, die den Dozenten immer ein bisschen den Anschein eines Wettermoderators zu geben pflegten. Wenn sich Herr Professor Haft allerdings nunmehr in die falsche Richtung dreht, sehen sich seine Geschichten und Ausführungen regelmäßig von einer wunderbaren Variante des berühmten Rückkopplungspfeifens begleitet. – Noch ist nicht alles ausgefeilt. Doch man beachte das Fazit, dass das nachzusehen ist. Zum einen sind wir nun mal die allerersten. Und zum anderen ehrt unsere liebe Uni die Mühe in vielen Fällen genug, um Holprigkeiten verzeihlich zu machen. Getreu der Sichtweise von Sven, unserem Strafrechts-AG-Leiter, die mir am vergangenen Samstag so ausschlaggebend erschien, dass ich sie zum Kern meines Berichts für die EBS-Jahreszeitschrift erhob: ""Klar habt ihr hier viel Stoff. Aber weißt du, was das Entscheidende ist? Weißt du, warum ich glaube, dass das hier funktionieren wird? Das sind wirklich gute Leute, die das hier aufziehen – Leute, die Ahnung haben. Und vor allem Leute, denen ihr nicht egal seid."

Am Mittwoch fiel dann erstmals sogar "BGB" aus, wie es so schön kurz heißt. Herr Professor Binders Erkältung hatte sich laut E-Mail inzwischen "entzündlich entwickelt". Und ein Stellvertreter gemäß § 164 ff. fand sich diesmal nicht. Umso tapferer so oder so, dass Herr Professor Binder sich tags darauf direkt wieder zurückmeldete. Wohl aber so tapfer wie bitter nötig. Obwohl wir seit Anbeginn des Trimesters im berühmten, von Binder selbst geprägten "Schweinsgalopp" durch den Allgemeinen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches preschen, muss vermutlich schon diese eine fehlende Stunde nachgeholt werden. Wer keine Zeit hat, muss sich welche nehmen.

Das galt wie für jeden Tag derzeit auch für den Donnerstag. Ob es sich vor dem 14.Dezember, vor der letzten Klausur, noch mal ändert, bleibt ohnehin zu bezweifeln. Im "BGB" drehte sich alles, im Vergleich zu sonst abermals verdichtet, um formbedürftige und nichtige Rechtsgeschäfte. Man lernte Tatsachen wie jene, dass eine Schenkung an sich formbedürftig ist. Wenn ich also in einer Bar eine Frau zu einem Glas Sekt einlade, ist das an sich ein Rechtsgeschäft, das der Schriftform bedarf – dessen Mündlichkeit also nicht genügt, damit es wirksam wäre. Sinnvollerweise – und zum Glück – wird der Formmangel aber mit der effektiven Erfüllung der Schenkung, also dem Kauf und der Übereignung des Glases Sekt an die Angebetete, "geheilt", also nachträglich rechtskräftig. Bevor das geschehen ist, besteht allerdings kein Anspruch auf die Umsetzung des Schenkungsversprechens. Merken. Könnte eines Tages noch mal wichtig werden.

Danach gilt es im Grunde nur noch Herr Schmidt-Nentwigs Empfehlung vom Freitagmittag zu erwähnen. Die er uns gab in der einzigen Veranstaltung, die wir an diesem Tag hatten. Für die wir also eigens kamen. Die selbstverständlich verlegt worden war. So wie das im Trend ist. Und die dadurch, wie sie verlegt worden war, die Pläne einiger, für ein langes Wochenende nach Hause zu fahren, jäh durchkreuzt hatte. Die sich aber mehr denn je lohnte.

Herr Schmidt-Nentwig sprach jedenfalls über Klausuren. Erzählte, dass er sein Zweites Staatsexamen seinerzeit in zwei der gewährten fünf Stunden fertiggebracht hätte. Ohne einmal ins Gesetz zu schauen. Wovon er uns dringend abriet, möge es bei ihm auch gutgegangen sein. So oder so legte auch er uns etwas ans Herz. Etwas, mit dem man meine Eingangszeilen ergänzen sollte.

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Das sind die abschließenden Worte von Herrn Professor Hafts "Juristischer Lernschule". Einem seiner zwei Bücher, die wir am ersten Tag in unseren schönen EBS-Taschen vorgefunden haben. Genau genommen eines Buches, das, wenngleich mit Anekdoten aus der Rechtswelt angereichert, ein Buch über Methoden ist. Das die klassische Auslegung von Gesetzen aufs Schärfste kritisiert und stattdessen Struktur- und Normalfalldenken lehrt. Es sind die abschließenden Worte des abschließenden Kapitels "Und die Moral?". In dem es darum geht, was wir tun, wenn wir eines Tages herausfinden, dass wir für unseren Mandanten in Wahrheit viel mehr Geld hätten herausholen können und er durch einen Fehler von uns viel schlechter gestellt ist? Sagen wir es ihm? Rechne ich mehr Stunden ab, als ich geleistet habe? Kann ich vor Gericht den Mörder als Unschuldigen verteidigen, wenn ich weiß, dass er ein Mörder ist?

Hafts unheimlich weitreichendes, bemerkenswertes Schlusswort war so oder so mein Zitat der Woche. Und ihm ist eigentlich nur noch Herr Schmidt-Nentwigs angedeutete Empfehlung hinzuzufügen, als es in der AG mal wieder um Prüfungen ging. Denn auch wenn wir diese nicht als Endziel vor Augen haben sollen, müssen wir sie letztlich irgendwie bewältigen.

Beide Einstellungen, Herrn Hafts und die folgende, zusammengenommen, ergeben, jedenfalls, so glaube ich, den optimalen Juristen – was per Definition heißt: den idealen Juristen, der zugleich realistisch ist. Erreichbar. Also das, was wir anstreben sollten.

"Wenn Sie eine Klausur schreiben", sprach Herr Schmidt-Nentwig, pausierte und fuhr dann schnell fort: "Denken Sie an das erste Bier danach."

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