Blog

EBS BLOG

Wochenrückblick: Die teleologische Auslegung des Lebens

Wir haben alle unsere Ziele.

Und in der Theorie muss jeder gleich hart für seine Ziele kämpfen, gleich viel dafür leisten. Wer weniger kämpfen und weniger leisten musste, hat sich seine Ziele zu niedrig gesteckt. Wer mehr kämpfen und mehr leisten musste, hat sich seine Ziele zu hoch gesteckt. Und es wird sich die Frage stellen, ob er nicht zu viel aufgeopfert hat, um sie zu erreichen. Es wird sich die Frage stellen, eines Tages, ob es das wert gewesen ist. Und diese Frage kann viel überwiegen.

Wir haben alle unsere Ziele. Selbst der, der vorgibt keine zu haben, hat welche. Sie liegen nur entweder noch in ferner Zukunft - oder sie sind zu ungewöhnlich, als dass es üblich wäre, sie auszuformulieren. Ein Ziel kann paradox sein. Zeitlich nah und unerreichbar oder so weit weg und doch wie von selbst kommend. Es kann ethisch wertvoll und dann gern nur ein Vorwand oder unausgesprochen und zugleich so sehr gewollt sein. Fest steht, dass jeder eines braucht. Ich habe schon über vieles geschrieben, das wir alle brauchen ("aber nur wenige von uns haben"). Sei es Liebe, sei es Orientierung, sei es das Gefühl von Bedeutung zu sein. Aber all das setzt, eine Ebene tiefer, etwas noch Grundlegenderes voraus. Etwas tatsächlich Unabdingbares, manchmal so selbstverständlich, dass es gar nicht mehr erwähnt wird. Ein Ziel, das uns vor Augen steht. Etwas, wofür wir diesen Weg beschreiten.

Dabei lässt sich nicht einmal sagen, dass der, der kein Ziel hätte, einfach stehen bliebe. Nichts tuend alles so beließe, wie es wäre. Denn dann hätte er schon wiederum das Ziel, dass alles so bleiben möge, wie es sei. Daraus scheint zu folgen, dass wir uns über unsere Ambitionen definieren. Oder noch deutlicher: Wer kein Ziel hat, existiert nicht.

Das erste Staffelfinale.

Ich weiß mal wieder gar nicht, wo ich anfangen soll.

Im Zweifel am Ende.

Es war eine schwammige Gewissheit, die allmählich Einzug hielt. Der Tag, auf den man geschielt hatte, seitdem Mitte September die Stundenpläne für das erste Trimester auf campusnet veröffentlicht worden waren, war da. Dieser 2.Dezember. Das große Planspiel - vorüber. So ziemlich das Aufreibendste zum Schluss. So wie ein guter Spannungsbogen es will. Kreise schlossen sich. Und zwischenzeitlich war sogar Abschiedsstimmung aufgekommen in dieser übervollen letzten Woche.

Doch insgesamt stand da am Ende keine überzeugende Befreiung. Kein durchschlagender Eindruck von Ferienbeginn. Kein nachhaltiges Gefühl, es nun geschafft zu haben. Kein großer Spannungsabfall. Immer noch diese 240 Volt der vergangenen zehn Wochen. Es wäre ein würdiger Rahmen für einen Schlusspunkt gewesen, dieser späte Freitagnachmittag.

Leider aber war es nur ein sehr bedingter Schlusspunkt.

Der Anfang der ersten vorlesungsfreien Zeit unseres Studiums, immerhin. Das soll festgehalten sein. Als einer der letzten, wie gegen Ende einer guten Party, blieb ich noch in Sydney, unserem Hauptvorlesungsraum, den man schon so ein bisschen liebgewonnen hat, und holte tief Luft. Symbolisch. Die fehlende Gelegenheit dazu hatte ich schließlich eine Woche vorher beklagt.

Und als auch Till und Niklas ihre Diskussion vorerst beendet hatten, wer an diesem Tag noch bei wem seine Wäsche waschen würde, gingen wir runter. Die Treppen hinab, die uns nun gut zweieinhalb Monate fast täglich auf und ab begleitet hatten, von Istanbul nach Hongkong und zurück. Durch die bekannten drei Türen, die wir unseren Kommilitonen wieder und wieder freundlich aufgehalten hatten, weil sie ja leider nirgends einrasten. Und auf dem Weg hinab seufzte ich und meinte so zu Till, der seinerzeit zusammen mit mir sowohl im ursprünglichen Aufnahmetest als auch in der sagenumwobenen Nachprüfung gewesen war: "Hart, wie lang dieser 29.Juli schon wieder her ist, oder?" Er nickte und klopfte mir auf die Schulter. - "Ich dachte damals ehrlich gesagt, dass sie im Nachtest nur einen von uns nehmen würden."

Aber wie auch immer waren wir beide hier gelandet, als zwei von 88. Als zwei im ersten Jahrgang, den diese EBS Law School jemals gehabt haben wird.

Allerdings werde ich schon wieder zu pathetisch dafür, dass es ja nur ein halbes Ende war.

Die Finalwoche begann am Montagmorgen einmal mehr in einer anderen Welt als der, in der sie enden sollte. Sie begann, da lautete das Studium noch Jura. Und gleich zum Einstieg schloss sich der erste Kreis. Zum ersten Mal seit unserem allerersten Tag, jenem an Impressionen überbordenden Montag der Einführungswoche, mitten im Spätsommer zu, galt es wieder zu Wochenanfang früh aufzustehen. Nichts mit 11.30 Uhr. Stundenplantraditionen sind in diesem Trimester schließlich vor allem dazu da gewesen, gebrochen zu werden. Dass manch Veranstaltung dabei in Wahrheit häufiger zu außerplanmäßiger Zeit als zur subjektiv planmäßigen stattfand, bewies immer wieder die Macht der Gewohnheit. Und wie schnell sie sich ausbreitet. Etwas wird gewohnt, bevor es überhaupt gewöhnlich werden kann.

Der Höhepunkt zu dieser Erkenntnis würde sich am Mittwoch bieten.

Erst einmal wurden jedenfalls für uns Vorlesungsgruppe 2 die letzten fünf Unitage dieses Jahres 2011 um 9.45 Uhr eröffnet. Die Ehre, ein letztes Mal gnadenlos das Band durchzuschneiden, das die Ruheinsel Wochenende vom wilden Ozean Alltag trennt, gebührte diesmal Herrn Professor Binder. Der sie gewohnt (!) zu nutzen verstand. Die Stellvertretung als "sehr klausurrelevantes Thema" - es regnete ungewohnt (!) deutliche Hinweise - wurde abgeschlossen. Gefolgt vom Übergang in ein Thema, das den Abschlusscharakter der Woche veranschaulichte: sonstige Materien des Allgemeinen Teils. Unzulässige Rechtsausübung, Notstand und vor allem Herr Binders Lieblingsthema Verjährung. "Wir sehen uns dann Mittwoch ein letztes Mal", meinte er um zwei nach viertel nach elf, und es wurde auf die Tische geklopft.

Es folgte exakt jenes gewohnte Programm, mit dem üblicherweise eine Woche an der EBS Law School für uns beginnt. Herr Professor Haft, Strafrecht, 11.30 Uhr. Konkurrenz hieß hier das abschließende Thema zehn Wochen geschichtenreichen Struktur- und Normallfalldenkens. Kann die Indemnität eines Bundestagsabgeordneten aufrechterhalten werden, wenn er im Parlament verleumderische Beleidigungen von sich gibt? Müsste der Räuber nicht auch wegen Nötigung und Diebstahl bestraft werden, die zusammengenommen eben jenen Tatbestand des Raubes ergeben?

Herr Professor Haft konnte für den Abend gleich da bleiben. Na gut, dazwischen lag das gewohnte knapp vierstündige Mittagspausen-Ungetüm eines klassischen Montags. Aber man kam wieder. Auch wenn es schon dunkel wurde. Und auf dem ersten Ring mal wieder nichts mehr ging, weil sich direkt an der Kreuzung zur Mainzer Straße, unserer Kreuzung, ein Unfall hatte ereignen müssen. Aber man schlug sich durch. Stieg früher aus und lief den Rest. Man hat ja seine Ziele.

Zumal sich in der Methodenlehre ein finalwürdiger Anlass bot. An der mittlerweile mit bunten Christbaumkugeln und Lametta beschmückten kleinen Weihnachtstanne im Foyer vorbei, ging es hoch über die bekannten Treppen und durch die bekannten Türen nach Hongkong. Wo Herr Professor Haft die Probeklausur von zwei Wochen zuvor besprach. So stellt man sie sich vor, eine - um diesen berühmten Schulbegriff zu verwenden - "letzte Stunde vor der Arbeit".

Nun, außer im Bürgerlichen Recht. Da ist es wohl gut, dass wir die Probeklausur bereits Anfang November geschrieben haben. Der Andrang in der Bibliothek seit deren Ergebnissen spricht für sich.

Die verschiedenen Ebenen eines Klausuraufbaus mit Herrn Haft allerstrengstens hierarchisch (und bloß nicht linear!) durchlaufen, wurde es langsam Nacht und dann Dienstag. Der begann immerhin erst um 13.15 Uhr. Als einzig jurawürdige Zeit für eine erste Vorlesung in dieser Woche. Er bestand aus den letzten Ausgaben des Strafrechts und des Öffentlichen Rechts fürs erste Trimester.

Die gewohnten Bögen zur Bewertung der Dozenten inklusive. Die ohnehin die Woche prägten. Irgendwann wurde es redundant, bei "Der Gastdozent hat die Praxisnähe der Materie verdeutlicht" N. A. anzukreuzen. Doch der Gedanke dahinter ist ja ehrenwert.

Eine absurde kleine Szene am Mittwochmorgen bildete dann die Krönung des Gewohnheitsrechts dieses ersten Drittels unseres ersten Studienjahres. Eine Persiflage auf alle Stundenplanverschiebungen und Irrtümer à la nur pünktlich sein, weil man dachte, man hätte um 8 Uhr, obwohl man in Wahrheit erst um 8.30 Uhr hat. Ich kam an in unserem schönen Gebäude am Gustav-Stresemann-Ring 3, wie immer den Rucksack voller Gesetze, und setzte mich an einen der edlen Saftbar-Tische. Holte mit ein Relentless, glaube ich; aber ich weiß nicht mehr genau.

Ich war der erste. Wieder mal so ein kurzer außerordentlicher Moment wie am angedeuteten Samstag, als ich mich mit der Uhrzeit vertan hatte. Was diesmal nicht der Fall war. Es hatte nur ausnahmsweise weder einen Unfall gegeben noch mich zu Ditsch getrieben.

Irgendwann als genug Kommilitonen mit einem "Morgen", einem leisen "Hey" oder einem regional angemessenen "Gude!" an mir vorbeigegangen waren, stand ich auf und begab mich in Ruhe nach Istanbul. Den gewohnten Raum eines Mittwochmorgens. Und dort stand vorn, wie es sein sollte, niemand Geringeres als Dr. Sven Henseler. Er begrüßte mich, ohne Anstoß an meiner Anwesenheit zu nehmen - ganz normal. Dann kam Patricia herein und dann Gregor. Und dann noch ein, zwei Leute, mit denen zusammen ich noch nie eine AG gehabt hatte. Ich kramte zwischen den Gesetzen in meinem Rucksack meinen Stundenplan hervor. Erst BGB. Dann Strafrechts-AG. "Warum sagst du mir denn nicht, dass ich falsch bin, Sven?", fragte ich erstaunt. Nicht minder erstaunt wirkte die "Antwort": "Wie? Du bist falsch?" - "Wir haben dich heute erst um 11.30 Uhr", sagte ich. Was Sven die Stirn runzeln ließ. "Die können das doch nicht neun Wochen lang so herum machen und euch dann in der letzten vertauschen."

Den berühmten Samstag hatte er dabei vergessen. Aber das hatten die meisten sowieso längst.

Stattdessen gab's also zunächst die Schlussvorstellung bei Herrn Professor Binder. Der das trockene Gebiet Verjährung treffend mit seinem typisch trockenen Humor anging, noch ein paar Mal eine Auslegung immer "nach Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte" forderte, die wir "auch nachts um drei in deliriösem Zustand" praktizieren können müssten, und der sich so gebührend verabschiedete.

Nach neunzig Minuten plus Nachspielzeit schloss sich demgemäß ein weiterer Kreis. Es wurde zum ersten Mal nicht mehr geklopft, sondern wieder anerkennend geklatscht. Ein leicht erhabener Augenblick. Vor allem verglichen mit der sonst üblichen, vermeintlich "akademischeren" Knöchelmalträtierung. Eine Weltreise mit Szenenapplaus ging so zu Ende, wie sie begonnen hatte. "Ich werde Sie vermissen", meinte Herr Professor Binder. Wir lachten alle. Sofort annehmend, es mit einem Fall seines beispielhaften Sarkasmus zu tun zu haben.

"Das meine ich ernst", fügte er dann hinzu.

Womöglich ja auf ein Wiedersehen im Sachenrecht, nächsten Sommer.

Die Welt wird weiterhin an vielen Stellen grau bleiben, so oder so.

Nach Glückwünschen für den "Tag der Entscheidung" (Binder) am 13.Dezember, für die Klausur der Klausuren, folgte, nun diesmal wirklich, die letzte AG-Stunde im Strafrecht. Die erneut - finalwürdig als Teil, der für das Ganze steht - für die Zitate der Woche sorgte. Sie begann direkt mit einem Test. Völlig unangekündigt und nicht gerade einfach. Mit dem Sven, wie er danach erklärte, uns aus mehreren Gründen erschrocken hatte. Einer davon blieb besonders hängen: "Ihr müsst eins wissen: Egal, wie nett jemand zu euch ist, er kann euch immer eins reinwürgen. Speziell dann, wenn ihr es am wenigsten erwartet."

Der Mensch mag getreu Haft kein Faktenspeicher sein. Doch diese Erkenntnis wird notiert.

Sven hatte uns die Bewertungsbögen im Übrigen - unüblicherweise - zu Anfang der Stunde gegeben. Bevor er uns mit dem Test konfrontierte. Nehmen wir zu dem unüblich noch ein geschickt dazu.

Trotz allem wurde auch hier am Ende applaudiert. Und als der Applaus verklungen war, kam Sven noch mal zu mir. "Meinen Vergleich des Strafrechts hast du letzte Woche gar nicht mehr mitbekommen, oder?", fragte er. Ich hob die Augenbrauen und schüttelte den Kopf. "Wenn das Bürgerliche Recht am Anfang wie eine Taschenlampe in einem ansonsten dunklen Raum ist", meinte er, "dann ist das Strafrecht wie eine große Lampe mit gedimmtem Licht, das zwar den ganzen Raum ganz leicht erhellt, doch nichts so richtig. Man sieht alles, aber von allem nur ein bisschen."

Keine Ahnung, welche der beiden Allegorien das Leben eher trifft. Vermutlich manchmal die eine und manchmal die andere.

Es wird wohl nur durch situative Exegese zu erörtern sein. Treu und Glauben.

Als es Stunden später wieder finster wurde, ohne dass jemand einem verraten hätte, ob man nun die Taschenlampe oder den gedimmten Deckenfluter besser brauchen konnte, kam noch Englisch. Als letzte juristische Veranstaltung unseres ersten Trimesters.

Wie in der AG - auf einmal mit einem Test.

Warum er uns denn bestehen lassen solle, wollte Mr. Mehren wissen. "Damit ich den Leuten etwas zeigen kann, wenn sie mich fragen, wieso ich denn jeden einzelnen von euch habe bestehen lassen." Das Ganze natürlich in sound legal english. Was einfacher klingt, als es ist bei einer solch alltäglichen Fragestellung. Oder schreiben Sie mal einen Liebesbrief in Beamtendeutsch.

Die erste halbe Stunde zog somit noch schneller an uns vorüber als sonst ohnehin schon im Common Law. Es gab noch einen hochinteressanten zweiten Test, wenn auch ungleich entspannterer Natur, der uns Auskunft geben sollte, welcher Verhandlungstyp wir sind. Für dessen Auswertung überzogen wir freiwillig, nachdem Mr. Mehren bereits hatte Schluss machen wollen.

Die Bewertungsbögen hatten wir schon zu Anfang der Stunde erledigt.

Und so ging an diesem Mittwochabend, poetischerweise an diesem letzten Tag des November, an diesem letzten Tag eines kalten, nicht nur für seine Verhältnisse unheimlich spektakulären Monats, der Jurapart endgültig zu Ende.

Bis er uns spätestens an jenem 13.Dezember wieder einholen wird.

Was noch folgte, war das Planspiel, wie erwähnt. Das vieler Befürchtungen zum Trotz einen idealen Schlusspunkt bildete. Es war bisweilen so ein wenig wie auf einer Klassenfahrt. Man kam auf einmal unweigerlich mit Leuten in Kontakt, die man in den Korridoren zwar stets zu grüßen gepflegt hatte, und mit denen man vielleicht zwischendurch zufällig mal Circle of Death gespielt hatte - die man ansonsten aber auf ganz neue Art und Weise kennen lernte. Die man ganz anders erlebte als bisher oder als eingeschätzt.

Schon die allererste Szene des Spiels hatte besonderen Charakter. Aufgeregt wie früher bei der Zimmerverteilung für Klassenfahrten sammelte sich die Menge um den Aushang der Listen, wer mit wem die kommenden zwei Tage zusammenarbeiten würde. Herr Gleichmann tauchte mal wieder auf. Und Frau Mohr richtete zu ihrem Abschied - sie geht in Mutterschutz und wird vor unserem mythischen Umzug ins Gerichtsgebäude nicht zurückkehren - noch ein paar Worte an uns. Sie, die für fast alle von uns die erste Person von der EBS Law School war, mit der wir in Kontakt traten. Die erste Anlaufstelle, unser erstes Gesicht dieser Universität. Hier schloss sich sogar doppelt ein Kreis. Denn Frau Mohr verabschiedete sich mit jenem Leitsatz, der schon von der Einführungswoche in lebhafter Erinnerung geblieben ist: "Ich bin froh, dass ihr hier seid, jeder einzelne von euch. Alles Gute für eure Zukunft."

Ganz wie es sich für ein Staffelfinale gehörte, hatte das Planspiel daraufhin zwei Teile, die fließend ineinander übergingen. Donnerstag und Freitag. Und fand, je nach Gruppe, in allen Räumen statt, die während der zurückliegenden zehn Wochen eine Rolle gespielt hatten. Toronto, Istanbul, Seoul, Barcelona, Bilbao, Sydney, Hongkong, Accra, Bangalore und dergleichen mehr. Noch einmal eine Weltreise zum Schluss, wenn man bei der Konkurrenz spionieren wollte.

Und in diesem Zusammenhang verdeutlichte das Planspiel auch noch einmal die Relation zwischen Aufwand und Ziel eindrucksvoll. Wer sich zwei Tage lang die Seele aus dem Leib diskutiert und kalkuliert hatte für sein fiktives Unternehmen, der freute sich am Freitagabend womöglich über den höchsten Börsenwert. Und strich seine 90 ECTS ein. Doch ließen sich auch andere Maßstäbe an das Ganze anlegen. Wer wollte, konnte den Plan betonen, und wer wollte, das Spiel. Es ging nun mal nicht unbedingt nur um den größten Jahresüberschuss. 70 ECTS konnten ebenfalls viel wert sein. Inspiring Personalities.

Allein die frenetische Parteitagsstimmung bei der Verkündung der Werte, jeweils am Donnerstag und am Freitag, machte das Unterfangen auf alle Fälle lohnenswert. So erntete auch Herr Dr. Franzen Applaus. Und damit viel der Vorhang.

Ein Stückchen Freiheit zurückgewonnen.

Aber nur ein ganz kleines.

Drei Klausuren.

Es ist der zweite Advent. Es regnet im Strömen.

Wir haben alle unsere Ziele.

Und allermeistens gibt es Hindernisse. Seien es Gewohnheiten, die sich schneller einschleichen, als es nachvollziehbar erschiene. Sei es Orientierungslosigkeit - der Ruf nach einer Autorität, die uns den Weg weist. Sei es zu wenig Licht. Oder Licht nur an der falschen Stelle. Sei es die Klage aus der Rückkehr der Keilschrift, dass wir es uns immer selbst schwer machen würden. Sei es die Qual der Wahl zwischen Ja, Nein und Es kommt darauf an. Sei es Kleingeldmangel in einem Rewe Getränkemarkt oder Zeitmangel an einem Sonntagabend.

Der Psychologiestudent hat seine Seele nicht verkauft. Und er wird es nicht tun. Niemand sollte es tun. Manche tun es trotzdem. Oder vermieten oder versteigern sie gar. Es hat alles mit Zielen zu tun. Plan oder Spiel.

Entschuldigen Sie mich bitte. Ich gehe jetzt lernen.

Und dann mach ich irgendwas anderes.

Wochenrückblick: Die Taschenlampe

Manchmal weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.

Im Zweifel öfter, als einem lieb sein kann.

Am Anfang, das ist nicht nur langweilig, sondern meistens nicht mal passend. Schließlich soll in der ersten Szene ja schon etwas Entscheidendes stecken. Ein vorausdeutendes, vielleicht ein synekdochisches Element. In der Eingangsszene sollten die ausschlaggebenden Charaktere eingeführt werden oder zumindest einer von ihnen, und es sollte um etwas gehen, was später noch wesentlich wird. Es kann nicht schaden, das generelle Thema gleich zu Beginn zu verankern. Kunstvoll und subtil etwas Alltägliches darstellen, das sich auf den großen übergeordneten Konflikt übertragen lässt, das ist sogar noch besser. Manch Dramaturg hat all das zu Lebzeiten gern ad absurdum geführt, indem er in seiner ersten Szene all das untergrub und dort Leute sich unterhalten ließ, die nie wieder auftauchten, und zwar über Fragen, die nie wieder gestellt wurden. Das konnte er sich aber nur leisten, wenn er bereits so bekannt war, dass alle wussten, dass er Ironie betrieb. So ist das leider nicht selten: Wenn der Unbekannte mit den Konventionen bricht, begeht er Fehler. Wenn der große Name es tut, ist er ein Genie.

Es lässt sich auch mittendrin beginnen, freilich. Irgendwo genau zwischen den turbulentesten Sequenzen von Akt 2 und Akt 4, irgendwo während des Mittwochs. Mit einer unscheinbaren Kleinigkeit als Ruhe vor und nach dem Sturm, was durchaus seinen kontrastierenden Wert hat. Aber es verwirrt. Glauben Sie mir, ich habe es schon versucht. Es funktioniert nur, wenn man sich zugleich auf der Metaebene darüber amüsiert, wie verwirrend es sei, mittendrin anzufangen. Dann lassen die Leute sich noch mitnehmen.

Also, was ist erfahrungsgemäß der beste Ort, der beste Zeitpunkt, an dem es anzusetzen gilt? Na klar – das Ende. Die letzten Minuten, das Schlussbild, die unwiderrufliche Endsituation. Die zeigt, was der Stand der Dinge in der Zukunft sein wird, aber nicht wie zum Teufel es dazu gekommen ist. Wirft die meisten Fragen auf und vereint oft die wertvollen Elemente von oben. Wichtige Leute, passendes Thema, häufig die treffende Location. Das Große verdichtet auf den kleinen, wegweisenden Schlusspunkt. Dort waren wir angelangt am Ende unserer Reise. Und das schien so seinen Sinn zu haben.

So habe ich in den letzten Jahren bestimmt ein Drittel aller Wochenrückblicke eröffnet. Um den Rest als erläuternde Rückblende nachzuschieben. Ich habe noch keinen adäquateren, keinen poetischeren Aufbau einer Woche gefunden. Und ich habe einige versucht.

Aber manchmal, manchmal weiß man bei all den Alternativen – Verzeihung, Varianten – gar nicht, wo man anfangen soll.

Ich führe das mal vor, und am Ende der Vorführung werde ich auf die abgelaufene Uniwoche zurückgeblickt haben.

Früher Samstagabend, 18 Uhr etwa. Es ist längst dunkel draußen. Ausnahmsweise nicht neblig. Trüb aber. Und kalt sowieso, es ist November. Na gut, könnte man einwenden, genau genommen wird es erst zehn Stunden später enden, zu zweit nach Hause gelaufen durch ein eisiges Bierstadt, in dem es zu dieser Uhrzeit noch vor ein paar Monaten bereits hell geworden wäre. Doch damit beschäftige ich mich derzeit noch nicht.

Also, Samstagabend – ich treffe auf David, der mir verrät, dass Dortmund Schalke 2:0 geschlagen hat. Normalerweise ist man in diesen Minuten zuhause, isst vielleicht gemütlich zu Abend, und schaut sich eben in der Sportschau an, dass Dortmund Schalke 2:0 geschlagen hat. Nur treffe ich nicht einfach so auf ihn, bei Rewe, um fürs Abendessen einzukaufen, oder im Bus auf dem Weg nach Hause. Nein. Ich treffe auf ihn in der Bibliothek. "Ich bin jetzt seit neun Stunden hier", meint jemand, der an mir vorbeibraust, mit einem Leipold unterm Arm, in den nächsten Read Room, wie es heißen muss. Es ist eine Atmosphäre zwischen verzweifeltem Lernwillen, der – bei den meisten zumindest – nur nach außen hin ein völlig organischer ist, und zwischen Verzweiflung ohne Lernwillen. Eine Stimmung geprägt von der gebotenen Stille in diesen Räumlichkeiten, durchsetzt von schüchternen Gesprächen, was man denn heute Abend mache. "Was hast du am Wochenende so geplant?", fragt Niklas mich. Ich kann nur den Kopf schütteln. "An welchem Wochenende?"

Viel ist nicht übrig geblieben. Auch das wird klar, während man in der nur noch halb beleuchteten Bibliothek sitzt und auf die Mainzer Straße schaut, wo die Leute nach Hause fahren, um noch halbwegs pünktlich zur Sportschau zu kommen.

Das war die Wirkung. Zu einem der neben Freitagabend heiligsten Zeitpunkte der Woche eine volle EBS.

Man hätte auch mit der Ursache eröffnen können.

Montagmorgen, 9 Uhr. Das totale Chaos. Die totale Panik. So sollte doch jede Woche beginnen. Mal wieder fühlte man sich, hier auffälliger denn je, in die Schulzeit zurückversetzt. Um genau zu sein, in ein ganz besonderes Szenario, das sich einem über die Jahre eingebrannt hat wie nur wenige andere. Das immer wiedergekehrt war, in regelmäßigen Abständen, beachtenswert verlässlich. Der ultimative Katastrophenfilm, nach dessen Wiederholung im Frühprogramm eines gefürchteten Tages, vorzugsweise eines Montags, sich die Uhr hatte stellen lassen. Man fühlte sich so ultimativ erinnert an die klassische Rückgabe einer Mathearbeit. Der Lehrer, auch wenn er mittlerweile Dozent heißt, erbost, enttäuscht ("Ihr seid hier bei Leuten, denen ihr nicht egal seid."), jeden Zuspätkommenden mit Blicken tötend. Uns ausführlich demonstrierend, was für einen Unsinn wir da fabriziert hätten, wie wenig wir ihm teils zugehört haben könnten, und wie sehr sich einige bis zum "absoluten Ernstfall" noch ins Zeug legen müssten. Es gab an diesem Montagmorgen die Probeklausur im Bürgerlichen Recht zurück.

Und die Emotionen dabei, wie angedeutet, die kannte man. Wenngleich sie in diesem nun anderen Rahmen neuerlich faszinierten. Die Spanne war weit. Es waren 14 Punkte gelungen, aber auch einer. Der Schnitt betrug 6,25. (Wobei laut des Notenspiegels, auf dem diese Zahl basierte, 95 von 88 Studenten mitgeschrieben hätten). Sven Henseler kommentierte das Ergebnis am Nachmittag mit einem aufmunternden "Das ist besser als an öffentlichen Unis". Es bedarf allerdings kaum der Erwähnung, dass das noch lang nicht zu Herrn Professor Binders Zufriedenheit gereichte. Im Gegenteil. Er wirkte aufrichtig ernüchtert und sah sich veranlasst, die folgende Besprechung in einer sogar für ihn außerordentlichen Intensität durchzuziehen. Und das obwohl ja selbst er in seiner ersten Probeklausur bekanntlich nicht über 4 Punkte hinausgekommen war. Und uns im Grunde, subtextlich, nichts anderes prophezeit hatte. Eben dazu soll die Probeklausur da gewesen sein.

Damit es am Samstagabend niemand mehr wagen sollte, Sportschau zu gucken.

Das Problem als Fußnote: Binder konnte nicht aufhören zu betonen, wie einfach die Klausur an sich gewesen sei. Und spätestens angesichts des Stellvertretungsrechts in dieser Woche scheint tatsächlich genug – um nicht zu sagen: beängstigend viel – Steigerungspotenzial noch da zu sein. Kein Wunder, dass das mit Abstand am weitesten verbreitete Ziel in den Bibliothekszimmern und auf den Fluren dieser Tage lautet: bestehen, Hauptsache bestehen.

Ich hätte freilich auch weniger dramatisch anfangen können. Um womöglich einen größeren Spannungsbogen zu schaffen. Und zwar mit einer Korrektur gegenüber dem letzten Wochenrückblick. Da hatte ich mich ja im Rahmen des Trends der Stundenplanoptimierung über die etwas inkonsequente Aufteilung der Vorlesungsgruppen ausgelassen. Nun saß ich am Montagnachmittag, so wie sich das gehört, in der Bibliothek. Und neben mir David. Dem ich als einem meiner aktivsten Leser verraten hatte, dass der neuste Bericht schon draußen sei und er ihn durchaus beeinflusst habe. So las er also fleißig den "Ratschlag, der sich selbst zerstört". Und sprach mich zwischendrin an. "Der Cut zwischen den Gruppen ist übrigens bei Pa". Er nannte Christopher Park als Beispiel. (Der damals, an diesem berühmten Montagmorgen, an dem ich mich so irritiert inmitten von Leuten am Anfang des Alphabets wiedergefunden hatte, ironischerweise derjenige gewesen war, der mich anhand seines Nachnamens noch mehr verwirrt hatte). Ich überlegte kurz. Doch ehe ich gegenargumentieren konnte, ergänzte David: "Und Max Wegmann hat gewechselt. Eigentlich wäre Sindy Martin noch bei uns. Aber die beiden haben getauscht."

Hm. Damit blieb nur noch ich. Der mit dem spät abgegebenen Vertrag.

Und wir wären interessanterweise irgendwie wieder beim Thema der zweiten Woche. Dabei, dass "vieles im Leben mehr Sinn ergibt, als wir wahrnehmen".

Nur gewöhnt man sich Misstrauen nun mal leichter an als Vertrauen.

So sei das wenigstens klargestellt.

Mit dem Montagabend hätte ich wohl keinen eindringlichen Einstieg gefunden. Sven vertrat Herrn Professor Haft in der Methodenlehre, indem er uns ein paar gewohnt fachliche Tipps zum Thema Hausarbeit im Strafrecht vermittelte, die wir in den Weihnachtsferien sicherlich werden gebrauchen können. Zur nötigen Unterhaltung dienten unter anderem die längst liebgewonnen Charaktere Kevin, Doc und John Doe im entsponnenen Beispielfall. Bei allem Wert der Veranstaltung gab sie allerdings – als eine der wenigen Szenen der Woche – keinen Stoff für einen Anfang her. Erwähnt hätte ich sie natürlich trotzdem.

Anders der Mittwochmorgen. Wieder bei Sven, diesmal die altbewährte AG. Eine Version, die einerseits den gesamten Rückblick unter eine schöne Symbolik gesetzt, andererseits aber den Sinn der Überschrift sofort verraten hätte. Und ich tendiere eigentlich schon seit Längerem dazu, mir diese Enthüllung für die letzten paar Absätze aufzuheben. Doch man kann ja mit allen Konventionen brechen. Die Frage ist nur, wie die Menschen das beurteilen.

In den regulären neunzig Minuten ging es um den Versuch. Der eine oder andere wollte zwar im Rahmen des vorliegenden Falls umgehend auf den Abbruch des Versuchs hinaus; aber damit waren wir unserer Zeit voraus. Als wir erfuhren, dass es erst mal darum geht, das Losfeuern einer Rakete auf ein Wohnzimmer und das Umlenken kurz vor Zieleinkunft überhaupt als Versuchsstadium zu identifizieren, wurde es eine vergleichsweise leichte AG-Stunde.

Die entscheidende Metapher folgte erst nach der letzten Folie. Christian in Reihe eins kam, da war bereits auf die Tische geklopft worden, mit AG-Leiter Sven über das Bürgerliche Recht ins Gespräch, vermutlich noch immer aufgrund der Klausur, die zweifellos ihre Spuren hinterlassen hatte. Beim Rausgehen hörte ich noch kurz mit. Offenbar hatte sich Christian über die Unübersichtlichkeit des Gebiets zu Beginn des Studiums beklagt. Wo Sven als leidenschaftlicher Strafrechtler nur zustimmen konnte. "BGB ist für euch im Moment wie eine Taschenlampe in einem großen dunklen Raum", war seine unheimlich akkurate Allegorie. "Ihr habt nur die Lampe. Ansonsten seht ihr nichts. Und könnt nur hoffen, dass da, wo ihr gerade hin leuchtet, wirklich genug Licht ist."

Und wann hat man schon genug Licht? Selbst Goethe hat noch mehr gefordert.

Wiederum bringt mich dieser Begriff zu einem anderen Vorschlag.

"Das war die neuste Trainingseinheit für Ihren Verstand. Vielen Dank."

So schloss Herr Professor Binder seine Vorlesung am Mittwochvormittag. Es war also zum einen ein Ende, zum anderen mitten im dritten Akt und darüber hinaus kam es mir bekannt vor. Hätte eine unmittelbare Verbindung zur Vorwoche hergestellt. Kant und Orientierung und so fort. Davon abgesehen, dass es den Charakter dieser sechs Tage passend wiedergegeben hätte.

Der Mittwochabend wäre ein ähnlicher Auftakt wie der Samstagabend gewesen, nur nicht ganz so eindrucksvoll. Auch wenn ich schon da schwer überrascht war. Als ich nach Englisch, lange nach Sonnenuntergang wie immer, noch kurzerhand beschloss, mich in der nun hier schon viel zu oft erwähnten Bibliothek zu verkriechen. Wenigstens um das Gewissen zu beruhigen. Das augenblicklich zu einem schlechten wurden, als ich ankam und kaum einen freien Raum fand.

Was nicht zuletzt mal wieder die Frage aufwarf, wie das eigentlich mit einem zweiten und einem dritten Jahrgang bei uns werden soll.

Als ich zwei Stunden später ging, sagte ich noch "Gute Nacht" zu Christopher und nahm die letzte 37.

Tags darauf ließ sich dementsprechend fragen: "Und, wie lang wart ihr noch gestern noch da?" Und das ist jeher eine Frage, gewohnt aus einem völlig anderen Kontext. Bezogen auf gewichtige Wochenendabende, an denen man dann doch irgendwann müde geworden ist und im Morgengrauen nach Hause gelaufen, während die anderen noch geblieben sind, wachgehalten von einer bestimmten Person, einer Hoffnung, einem Gefühl oder etwas anderem, ob mit oder ohne Filmriss. Und nun stellte sich diese Frage an einem Donnerstagmorgen. Das hätte geschickt falsche Schlüsse beim mitdenkenden Leser provoziert, und ich hätte ihn mit den wahren Hintergründen, einer abendlichen Bibliotheksession, überraschen können. Das schien mir aber als Einstieg fast zu tragisch.

Ich kann in diesem Zusammenhang nur meine Erinnerung an die Rede meiner Mitschülerin auf unserem Abiball erneuern. Leben. Für mehr habe ich keine Zeit.

Donnerstagabend wäre ein anderer Ansatz gewesen. Drei Stunden BGB-AG, einmal nachholen von letzter Woche bitte. Bis 20 Uhr. Ein Fall um Mietverträge. Die wir noch nie hatten. Irgendwann gegen Ende meldete sich Christian und fragte, ob wir denn für die Klausur Fälle wie diesen lösen können müssten. "Keine Angst", versuchte Herr Schmidt-Nentwig ihn zu beruhigen. "Da werden nur Sachen drankommen, die ihr schon hattet." Dennoch musste Christian anmerken: "Ich finde nämlich, BGB ist so, als hätte man eine Taschenlampe in einem großen dunklen Raum, und nur an einer Stelle wäre ein bisschen Licht."

Was die Woche zwar ebenfalls prägte, ohne jedoch eine Grundlage für eine allgemeingültige Erkenntnis zu liefern – was ich also auf jeden Fall untergebracht hätte, nicht aber als Eröffnung, das waren die BWL-Vorlesungen der zweiten Wochenhälfte.

Herr Professor Tunder gelang es dabei mit seiner mitreißenden Art, das sehr gute Bild der Business-School-entsandten Gastdozenten bei uns zu komplettieren. Er baute es mit seiner Alltagsnähe und seiner atypischen Art, Geschichten zu erzählen, sogar noch aus, wenn man ehrlich ist. Seine Affinität zu aus dem Leben gegriffenem Humor, auch à la "Bitte nicht die Frauenbeauftragte benachrichtigen", war – vor allem inmitten all der Grundsätze zur Vollmacht und zur Gesamtbetrachtungslehre des Versuchs – so erfrischend, dass selbst die Kommilitoninnen am Ende applaudierten, nicht nur klopften. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Blick auf den Stundenplan die gesamte Woche lang schwergetan hatte, mich mit der Vorstellung von fünf Stunden BWL am Freitagmorgen ab 8 Uhr anzufreunden. Dann kam am Donnerstagnachmittag Herr Professor Tunder für seine erste Vorlesung. Stellte sich vorne hin, nahm alle paar Sätze einen Schluck Kaffee, und beschrieb den Ablauf einer Bang-&Olufsen-Anlagen-Einweihungsparty oder des Aufbauversuchs eines Billy-Regals (samstagabends, wenn der Mann eigentlich Sportschau gucken will!). Und auf einmal freute ich mich auf die volle Dosis am Tag darauf.

Wenn der "Dominanzanspruch des Marketings", Tunders Fach, nur genauso Realität wäre, wie er theoretisch vorhanden ist. Die Schlussstory, wie ein Mercedes-Fahrer mithilfe seines Nachbarn dazu gebracht wird, dass sein nächstes Auto ein BMW wird, war so eine Anekdote, die ich übers Studium hinaus nicht vergessen dürfte.

Da konnte allenfalls Herr Professor Hafts Fortsetzungsgeschichte von der hässlichen Bar im Keller des Bundestags mithalten.

Es sei bei alldem aber nicht unter den Scheffel gestellt, dass auch Herr Professor Dechow am Samstag, einem nicht unbedingt glücklichen Termin fürs Lernen und Lehren, trotz aller Zahlen etwas aussprach, wozu man nur anerkennend nicken konnte. Sein pathetisches Schlusswort – und bei mir ist pathetisch ein extrem positiv besetztes Adjektiv – blieb in Erinnerung. "Außenstehende glauben immer, Rechnungswesen sei objektiv." Er hatte uns gerade die verschiedenen Rechenansätze vorgestellt, die alle zu anderen Ergebnissen führen. "Das ist es aber nicht. Es gibt so viele Schwerpunkte, die man setzen kann. Je nach Philosophie des Unternehmens. Doch so was wie ein richtiger Weg ist noch lange nicht gefunden. Es werden noch immer so viele Fehler gemacht beim Risiko-Management. Und hier kommen wir zu einem der großen Ziele der EBS. Denn wir BWLer, wir haben bis heute noch keine Möglichkeit gefunden, die alles unter einen Hut bringt. Und ihr Juristen habt sie auch noch nicht gefunden. Wir haben jetzt aber die Hoffnung, dass wir sie gemeinsam finden können."

Ich hätte auch damit beginnen können.

Aber was soll’s.

Ich wusste nun mal nicht, wo.

Nächste Woche quasi Finale. Die zehnte und letzte Vorlesungswoche dieses ersten Trimesters unseres Studentenlebens. Mit Jura gedrängt auf drei Tage und dann mit dem Planspiel.

Dann Klausuren. BWL, Methodenlehre, BGB. Das richtige Finale wohl.

Irgendwann diese Woche stand auf einmal ein Weihnachtsbaum im unserem Foyer.

Besinnlich wird es deshalb nicht werden bis zum großen 13.Dezember. Ganz und gar nicht. Noch weniger als einst in der Schule immer vor Weihnachten.

Wie enden Geschichten, von denen man nicht wusste, womit man sie denn eröffnen sollte?

Am Freitag hat es zum ersten Mal seit sieben Wochen wieder geregnet.

Ein nebliger November zählt seine letzten Tage. Er stand dem Oktober, einen Monat am Limit, im Grunde in nichts nach. Vielmehr vermischte er das neue Leben ohne Pause mit alten Elementen, von denen man fast vergessen hatte, wie sie sich anfühlten.

Wir könnten unseren Atem sehen. Kalt genug wäre es. Aber dazu bräuchten wir eine Sekunde, zum Atmen.

Es gilt nun vor allem die Taschenlampe nicht zu verlieren. Denn ohne sie wird es völlig dunkel werden. Gar keine Orientierung mehr. Die wenigsten haben Streichhölzer mit sich.

Also gilt es die Lampe gut festzuhalten. So gut es geht. Geradeaus zu leuchten, weiterzugehen ins Ungewisse. Und zu hoffen, dass die Batterien halten.

Irgendwo wird schon der Lichtschalter sein.

Wochenrückblick: Ein Ratschlag, der sich selbst zerstört

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben. Über das meiste davon habe ich in den letzten Jahren schon einmal in irgendeiner Form geschrieben. Oft in Wochenrückblicken, als deren allgemeingültig philosophischer Rahmen. Zuletzt häufig als Frage zu Beginn – und als Versuch einer Antwort zum Abschluss. Bisweilen auch in sonstigen Berichten, in Erzählungen, in auf ewig unvollendeten Romanen und dem einen oder anderen einer ungreifbaren Stimmung entsprungenen Gedicht. Wie man eben seine Gedanken so verarbeitet, wenn man gern schreibt.

Es gibt also vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Heute: Orientierung.

Noch schlaftrunken, gerade so den Weg zur Bushaltestelle findend, lief ich wie jeden Montagmorgen auch diesen wieder zur 37. Wobei es diesmal weitaus schlimmer war als sonst zu Wochenanfang. Nichts mit 11.30 Uhr. Es stand mal wieder eine Probeklausur an. Nach dem hundertachtzigminütigen BGB-Ungetüm der Vorwoche war nun die Methodenlehre bei Herrn Professor Haft dran. In der Hälfte der Zeit. Was selbstverständlich nicht bedeutete, dass es auch die Hälfte des Stoffes gewesen wäre.

Wir bekamen tatsächlich, schlicht und ergreifend, einen Sachverhalt. In dem wir uns freilich erst mal richtig orientieren mussten. Bewusst schreiben wir ja noch keine wirkliche Strafrechtsklausur in diesem Trimester. Aber die Probeklausur für die Methodenlehre kann natürlich trotzdem eine sein. (Denn nichts anderes als strafrechtlich zu prüfende Handlungen setzte Herr Professor Haft uns hier vor). Was ironisch klingt, ist es ausnahmsweise nicht: Wert gelegt wurde in erster Linie auf die Strukturskizze, die wir zum Fall zeichnen sollten. Möglichst nach den Vorgaben aus Hafts "Juristischer Lernschule". Die wozu dienen sollen? Klar, zunächst mal zur besseren Orientierung im Sachverhalt.

Immerhin lautet eines der zahllosen immer wiederkehrenden Dogmen, die wir seit Ende September in der berühmten einen Tour unablässig hören, dass man im Strafrecht stets mit einem Mengenproblem zu kämpfen hat. Demnach ist Strukturierung alles. Sachverhaltsebene, Personenebene, Paragraphenebene, Normalfallebene, Problemebene. Was ist passiert? In welche Komplexe lässt sich das unterteilen, was passiert ist? Kaum einen Satz predigt Herr Professor Haft so häufig wie den, dass nichts so wichtig ist wie eine gute Gliederung. Wer ist beteiligt? Aber auch: Wer ist zu prüfen? Am Montag begann ich irgendwann, mir eine Nebenfigur des Sachverhalts genauer anzuschauen, die sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben könnte. Bis mir auffiel, dass von ihr gar nichts in der Aufgabe stand. Und so fort. Welche Straftatbestände kommen infrage? Mord, Totschlag, Körperverletzung? Die nie zu vernachlässigende Sachbeschädigung des Hemdes, durch das der Dolch in das Opfer eindringt? Oder doch § 80, die Vorbereitung eines Angriffskrieges?

Und alles hat es den gleichen Zweck – sich zurechtzufinden. Und das nur in einem vergleichsweise winzigen und obendrein fiktionalen Ausschnitt unseres Lebens. Der Sachverhalt an diesem Montagmorgen besteht aus einer knappen Seite in Courier New, relativ groß.

Wie soll das denn erst in der Realität funktionieren, dieses Sichzurechtfinden, fragt man sich.

Im Anschluss an die Probeklausur, deren Ergebnis es fast noch gespannter zu erwarten gilt als das jener bei Herrn Professor Binder, wurde etwas deutlich, das sich spätestens am Mittwoch zum Thema der Woche ausweiten sollte. Die meisten blieben gleich da. Hatten die Klausur hinter sich, holten kurz Luft und blieben gleich da für die anschließende, de facto zum völlig regulären Zeitpunkt stattfindende (!) Strafrechtsvorlesung. Und das obwohl ungefähr die Hälfte von ihnen theoretisch zur anderen Gruppe gehörte.

Das hatte nichts mit fehlender Orientierung zu tun.

Es gibt seit Anbeginn des Trimesters zwei Vorlesungsgruppen. À planmäßig gut 40 Studierenden. An sich sollen sie dem Alphabet nach zugeordnet sein, und irgendwo bei K oder L oder M befände sich der Schnitt.

Was das in der Praxis heißt, erfuhr ich damals direkt in der allerersten Vorlesung, an einem Montagmorgen vor gefühlt sehr, sehr langer Zeit. Ganz altmodisch hatte ich mir meinen Stundenplan ausgedruckt. Dreimal draufgeschaut, mich noch mal versichert und war dann um 11.30 Uhr zum Strafrecht aufgetaucht. Um, als ich ankam, auf einmal inmitten von Leuten zu sitzen, die ich noch nie gesehen hatte.

Während der Einführungswoche nämlich hatte man, ob der Aufteilung in streng (!) alphabetische Gruppen für die meisten Veranstaltungen, nur bestimmte Kommilitoninnen und Kommilitonen kennen gelernt. Ich nun mal die mit S und T und U und V und Z und drumherum. Und plötzlich blickte ich an jenem Montag auf mich umgebende Namensschilder mit A und B und F und G und ging schon fest davon aus, mich irgendwie vertan zu haben. Orientierung sei alles.

Daraufhin war eine Weile Ruhe. Ich fand noch am selben Morgen heraus, dass ich wohl aufgrund dessen, dass ich meinen Vertrag als mit Abstand letzter abgegeben hatte, zufällig – oder via Schicksal, das wird nie klar – in jene Vorlesungsgruppe geraten bin, die zu diesem Zeitpunkt kleiner gewesen ist. Was nun mal Nummer 1 war, entgegen meines Nachnamens. Wieso ein Christopher Park oder ein Max Wegmann ebenfalls in meiner Gruppe sind, weiß allerdings kein Mensch. Erst recht nicht, wie es sein kann, dass unsere AG – die ja auf der Vorlesungsgruppe basiert – offiziell "von K bis W" heißt. Und das wo wir doch hypothetisch nur die erste Hälfte des Alphabets sein sollen. Nun ja.

Dieses Chaos ist allerdings nicht für das verantwortlich zu machen, was diese Woche als neustes Unwort auftauchte. Und sich somit in die schon nach einem knappen Trimester beachtliche Ahnenreihe von Begriffen wie dem Normalfall, dem Schweinsgalopp oder dem Erlaubnistatbestandsirrtum stellte. Es wurde von einem Brief – Verzeihung: einer E-Mail! – der Studienleitung geprägt, die Mr. Mehren am Mittwochabend in unnachahmlicher Manier zu unserer Kenntnis vorlas. Es lautet Stundenplanoptimierung.

"Wie Sie wissen [und wir wissen, dass Sie wissen], sind Sie bei jeder Veranstaltung einer bestimmten Gruppe zugeordnet", heißt es in der sofort heiß diskutierten E-Mail. "Diese Zuordnung dient dazu, in jeder Veranstaltung auch in Bezug auf die Gruppengröße Ihre Studienbedingungen optimal zu gestalten. (…) In den letzten Wochen mussten wir jedoch feststellen, dass es verstärkt zu [Achtung!] 'Stundenplanoptimierungen' ohne Absprache mit dem Servicepoint oder der Studiengangsleitung gekommen ist." Angedroht wurden angesichts dessen "stichprobenartige" Kontrollen in den Vorlesungen, wer sich denn da so befinde, der gar nicht auf dem richtigen Zettel steht. Umgesetzt wurde das gleich am nächsten Tag.

Abgesehen von der E-Mail setzte sich in Englisch, das uns, erstmals wirklich pünktlich, glaube ich, mal wieder gefühlt schon in die tiefste Nacht entließ, der Trend fort, dass es dort juristischer wird. Der Unterschied zwischen deutscher und anglo-amerikanischer Schadensersatzformen, Gemeinsamkeiten in Formfragen und vieles Grundlegendes mehr. Es fühlte sich an wie eine Einführungsveranstaltung in den Allgemeinen Teil des Book of Case Law. Ze Gesetzgeber hat gesprochen.

Inmitten stichprobenartiger Anwesenheitskontrollen lief dann der Donnerstag ab. Herr Professor Binder gewährte uns einen ersten Einblick in das Stellvertretungsrecht. Das, wie bislang die meisten Themen im Bürgerlichen Recht, voll seiner Einstellung entsprach: "Die Stellvertretung ist umfassend und recht komplex." Dann der Catchphrase: "Aber Sie haben sich dieses Studium ja alle ausgesucht, weil Sie denken wollen. Hier können Sie denken."

Und damit bin ich im Grunde perfekt an jenem Punkt angelangt, der fast immer dazugehört, wenn es um ein generelles Thema geht: der Szene respektive dem Auslöser, der mich dazu gebracht hat.

Öffentliches Recht gab es noch, mit seinen Rechtsstaats- und Sozialstaatsprinzipien, und eine weitere schöne Ausgabe der Strafrechts-AG beim guten Sven, dann war Schluss. Der Freitag bekam die Gelegenheit, seinem Namen gerecht zu werden. BWL wurde ja schließlich viermal verschoben.

Als Ausgleich steht eine Sechstagewoche bevor, mit dem vollen Programm Rechnungswesen und Co. Freitag und Samstag. Wobei Till und ich für Samstag bereits die Vorlesungsgruppen getauscht haben. Und das angemeldet, beim sagenumwobenen Servicepoint, der mittlerweile sogar zusammen geschrieben wird. Artige Studenten.

Jedenfalls – woran orientieren wir uns denn? In der AG zum Strafrecht hieß der Schauplatz neben dem aktuellen Fall, welch ersterer eben auch regelmäßig den Reiz der lebendigen Veranstaltung ausmacht, autoritäres Denken. Eines der längsten Kapitel in Hafts "Juristischer Lernschule" ziert genau diese Überschrift. Autoritäres Denken. Jura-Studenten lernen seit jeher, indem sie sich auf Autoritäten berufen. Auf herrschende Meinungen, abweichende, aber vertretbare Ansichten und historische Rechtsprechungen. Aber da "der Mensch kein Datenspeicher ist" und diese Art zu lernen keinen selbstständigen Juristen ausbildet, kritisiert Haft sie in seiner gewohnt nachdrücklichen Weise. Getreu Kant, getreu dem Ideal des in der Schule schon jahrelang gepredigten sapere aude. Sich an die zu halten, die sich Experten nennen, ohne zu hinterfragen, ist immerhin nicht nur dumm. Es ist auch gefährlich.

Konfuzius hat in diesem Zusammenhang dem Menschen dreierlei Wege zu gesprochen, "klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste." Ein typisches Zitat, das viele tief seufzend unterschreiben werden.

Am Donnerstagnachmittag in der AG stellte sich anhand des neuen Falles wie üblich zunächst die Frage, wie wir ihn vom Bauchgefühl her beurteilen würden. David meldete sich, wie man das kennt. Und gab seine Auffassung zum Besten. "Damit bist du mehr oder weniger komplett im Einklang mit der herrschenden Meinung", sagte Sven, der Leiter, am Ende der Rede. "Wenn du das immer bist, werden deine Klausuren immer auf einem respektablen Niveau sein. So kann eigentlich nichts schiefgehen. Doch die richtig guten, die herausragenden Klausuren sind die, die etwas Neues bringen."

In der Folge entbrannte, wie man es in unserer AG ebenfalls kennt, eine kleine Diskussion um autoritäres und selbstständiges Denken. Es fielen ein paar aufs große Ganze übertragbare Aussagen. Eine davon veranlasste David, mich zu inspirieren. "Marvin", sagte er, und ich drehte mich zu ihm um, "das musst du dieses Mal zum Thema im Wochenrückblick machen."

Blinde Orientierung gemäß einer Hierarchie erscheint also Unsinn. Vorbilder schön und gut. Selbstredend herrschen die ominösen herrschenden Meinungen oft nicht umsonst. Doch ohne weiteres hingenommen werden und auswendig gelernt sollten sie dennoch nicht. Auch wenn das wie der einfachste Weg wirken mag. Gehorsam ohne eigenes Denken wird missbraucht und führt zu noch mehr Gehorsam und noch weniger eigenem Denken. Kant wusste, dass der Verstand etwas ist, das ständig trainiert werden will.

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Aber was ist die Alternative? Das Paradoxe ist, dass die einem leider niemand liefern kann. Selbst wenn sie jemand hätte – akzeptierten und übernähmen wir sie, würden wir nur wieder jemand anderem folgen. Und die Antwort, die Alternative, wie immer sie aussehen möge, wäre ad absurdum geführt. Deshalb hilft nur der unpräzise oberste Befehl, selbst zu denken. Wir erinnern uns an die SLG-Aufgabe der ersten Woche, die sich um den Mann drehte, der ein völlig neues StGB veröffentlichen wollte mit seinen eigenen Gesetzen – verbunden mit der Frage, ob das zulässig sei. Natürlich, lautete damals die Lösung. Nur so entstehe wissenschaftlicher Fortschritt.

Und was für die Wissenschaft gilt, gilt nicht selten auch im übrigen Leben.

Hören Sie auf mich.

Wochenrückblick: Ein Ziel in der Ferne und ein Ziel in der Nähe

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Die Stelle ist leider etwas zu lang. Sie ist zu lang, um über der Drehtür am Eingang des EBS Law School zu prangen. Sie ist zu lang, um auf das berühmte Banner zu passen, das immer ein halbes Jahr im Voraus für den nächsten Tag der offenen Tür rausgehängt wird. Verzeihung: open day.

Sie ist zu lang, um sie unter jedes Schreiben – oder, was heute wohl treffender ist: unter jede E-Mail – zu setzen, so wie es bei uns in der Schule immer mit irgendeinem Zitat von Maria Montessori gemacht wurde. Sie ist zu lang für ein Motto und wohl nicht pathetisch genug formuliert für eine Präambel.

Aber sie ist nicht zu lang, um sie sich zu Herzen zu nehmen.

Das große Stundenplanchaos ging, aller hehren Ziele ungeachtet, unbeeindruckt weiter in dieser Woche.

Der Montag begann schon mal für alle wesentlich – oder wie es juristisch hieße: nicht unwesentlich – früher als sonst. Probeklausur Bürgerliches Recht. Die erwähnte. 180 Minuten, von 8 Uhr an. Herr Binder gelang es, von fast allem ein bisschen was einzubringen. Gefühlt stieg so die Realitätsnähe der ganzen Veranstaltung. Herrschende Meinung im Anschluss war jedenfalls, dass man tatsächlich mit Schwierigerem gerechnet hatte. Wie früher in der Pause nach der Mathearbeit, in der man fleißig Ergebnisse verglich, während die große Anspannung langsam abfiel; es sei ja gar nicht so schlimm gewesen. Wobei die Mathearbeit dann rätselhafterweise erfahrungsgemäß doch katastrophal ausfiel. Trotz Herrn Hafts prägender Aussage "Nichts, was Sie in der Schule gelernt haben, wird Ihnen im Jura-Studium weiterhelfen" baut unser langfristiges Ausbildungssystem aber bekanntlich sinnvoll aufeinander auf. Sie entsinnen sich vielleicht der Rückkehr der Keilschrift, wo ich das feststellte. In diesem Sinne haben viele mittlerweile aus den Mathearbeiten der Vergangenheit gelernt. Einschätzungen direkt danach sind schön und gut. Mehr nicht. "Ich hab zwar ein gutes Gefühl", meinte Niklas. "Aber vor allem bei Jura muss das ja nichts heißen." Wir werden sehen, wie immer.

Schluss war damit für den ersten Tag der Woche allerdings noch längst nicht. Wer noch verwöhnt war von dreistündigen Abiturklausuren, vor und nach denen erst mal eine Woche Urlaub lag, hatte sich umzustellen. Immerhin verspätete sich Herr Professor Hafts Flieger aus München und verkürzte so die Vorlesung Strafrecht erheblich. Noch wie erwartet die zur Verspätung gehörige Story erzählt, blieb gar nicht mehr viel Raum für Unterlassungsdelikte, das Thema dieser Woche. Gut, dass Nr. 8 als mit das einfachste unserer zehn Module fürs erste Trimester gilt. Und dass es am Donnerstag von Herrn Dr. Henseler a.k.a. Sven gewohnt anschaulich (nach)bearbeitet wurde.

Die zweite Vorlesung beim guten Herrn Haft stand am Dienstag an. Erstaunlicherweise zur gewohnten Zeit um 11.30 Uhr. Eine entscheidende Außerplanmäßigkeit musste dann aber doch sein. Das Ganze fand als erste Lehrveranstaltung überhaupt bei uns als "Plenarsitzung" statt, wie Frau Arndt es hochtrabend nannte. Wohl um geschickt davon abzulenken, dass das de facto bedeutete: mit zu vielen Leuten in einem zu kleinen Raum.

Der Einwand wird kommen, es gebe ja wenigstens neuerdings Lavaliermikrofone statt der schon so klassisch gewordenen Handmikrofone, die den Dozenten immer ein bisschen den Anschein eines Wettermoderators zu geben pflegten. Wenn sich Herr Professor Haft allerdings nunmehr in die falsche Richtung dreht, sehen sich seine Geschichten und Ausführungen regelmäßig von einer wunderbaren Variante des berühmten Rückkopplungspfeifens begleitet. – Noch ist nicht alles ausgefeilt. Doch man beachte das Fazit, dass das nachzusehen ist. Zum einen sind wir nun mal die allerersten. Und zum anderen ehrt unsere liebe Uni die Mühe in vielen Fällen genug, um Holprigkeiten verzeihlich zu machen. Getreu der Sichtweise von Sven, unserem Strafrechts-AG-Leiter, die mir am vergangenen Samstag so ausschlaggebend erschien, dass ich sie zum Kern meines Berichts für die EBS-Jahreszeitschrift erhob: ""Klar habt ihr hier viel Stoff. Aber weißt du, was das Entscheidende ist? Weißt du, warum ich glaube, dass das hier funktionieren wird? Das sind wirklich gute Leute, die das hier aufziehen – Leute, die Ahnung haben. Und vor allem Leute, denen ihr nicht egal seid."

Am Mittwoch fiel dann erstmals sogar "BGB" aus, wie es so schön kurz heißt. Herr Professor Binders Erkältung hatte sich laut E-Mail inzwischen "entzündlich entwickelt". Und ein Stellvertreter gemäß § 164 ff. fand sich diesmal nicht. Umso tapferer so oder so, dass Herr Professor Binder sich tags darauf direkt wieder zurückmeldete. Wohl aber so tapfer wie bitter nötig. Obwohl wir seit Anbeginn des Trimesters im berühmten, von Binder selbst geprägten "Schweinsgalopp" durch den Allgemeinen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches preschen, muss vermutlich schon diese eine fehlende Stunde nachgeholt werden. Wer keine Zeit hat, muss sich welche nehmen.

Das galt wie für jeden Tag derzeit auch für den Donnerstag. Ob es sich vor dem 14.Dezember, vor der letzten Klausur, noch mal ändert, bleibt ohnehin zu bezweifeln. Im "BGB" drehte sich alles, im Vergleich zu sonst abermals verdichtet, um formbedürftige und nichtige Rechtsgeschäfte. Man lernte Tatsachen wie jene, dass eine Schenkung an sich formbedürftig ist. Wenn ich also in einer Bar eine Frau zu einem Glas Sekt einlade, ist das an sich ein Rechtsgeschäft, das der Schriftform bedarf – dessen Mündlichkeit also nicht genügt, damit es wirksam wäre. Sinnvollerweise – und zum Glück – wird der Formmangel aber mit der effektiven Erfüllung der Schenkung, also dem Kauf und der Übereignung des Glases Sekt an die Angebetete, "geheilt", also nachträglich rechtskräftig. Bevor das geschehen ist, besteht allerdings kein Anspruch auf die Umsetzung des Schenkungsversprechens. Merken. Könnte eines Tages noch mal wichtig werden.

Danach gilt es im Grunde nur noch Herr Schmidt-Nentwigs Empfehlung vom Freitagmittag zu erwähnen. Die er uns gab in der einzigen Veranstaltung, die wir an diesem Tag hatten. Für die wir also eigens kamen. Die selbstverständlich verlegt worden war. So wie das im Trend ist. Und die dadurch, wie sie verlegt worden war, die Pläne einiger, für ein langes Wochenende nach Hause zu fahren, jäh durchkreuzt hatte. Die sich aber mehr denn je lohnte.

Herr Schmidt-Nentwig sprach jedenfalls über Klausuren. Erzählte, dass er sein Zweites Staatsexamen seinerzeit in zwei der gewährten fünf Stunden fertiggebracht hätte. Ohne einmal ins Gesetz zu schauen. Wovon er uns dringend abriet, möge es bei ihm auch gutgegangen sein. So oder so legte auch er uns etwas ans Herz. Etwas, mit dem man meine Eingangszeilen ergänzen sollte.

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Das sind die abschließenden Worte von Herrn Professor Hafts "Juristischer Lernschule". Einem seiner zwei Bücher, die wir am ersten Tag in unseren schönen EBS-Taschen vorgefunden haben. Genau genommen eines Buches, das, wenngleich mit Anekdoten aus der Rechtswelt angereichert, ein Buch über Methoden ist. Das die klassische Auslegung von Gesetzen aufs Schärfste kritisiert und stattdessen Struktur- und Normalfalldenken lehrt. Es sind die abschließenden Worte des abschließenden Kapitels "Und die Moral?". In dem es darum geht, was wir tun, wenn wir eines Tages herausfinden, dass wir für unseren Mandanten in Wahrheit viel mehr Geld hätten herausholen können und er durch einen Fehler von uns viel schlechter gestellt ist? Sagen wir es ihm? Rechne ich mehr Stunden ab, als ich geleistet habe? Kann ich vor Gericht den Mörder als Unschuldigen verteidigen, wenn ich weiß, dass er ein Mörder ist?

Hafts unheimlich weitreichendes, bemerkenswertes Schlusswort war so oder so mein Zitat der Woche. Und ihm ist eigentlich nur noch Herr Schmidt-Nentwigs angedeutete Empfehlung hinzuzufügen, als es in der AG mal wieder um Prüfungen ging. Denn auch wenn wir diese nicht als Endziel vor Augen haben sollen, müssen wir sie letztlich irgendwie bewältigen.

Beide Einstellungen, Herrn Hafts und die folgende, zusammengenommen, ergeben, jedenfalls, so glaube ich, den optimalen Juristen – was per Definition heißt: den idealen Juristen, der zugleich realistisch ist. Erreichbar. Also das, was wir anstreben sollten.

"Wenn Sie eine Klausur schreiben", sprach Herr Schmidt-Nentwig, pausierte und fuhr dann schnell fort: "Denken Sie an das erste Bier danach."

Wochenrückblick: De brevitate vitae

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Sonntagabend diesmal. Es sind 17 Grad gewesen heute. Anfang November. Wieder warm, nach wie vor. Immer diese falschen Prophezeiungen. Dunkel ist es mittlerweile geworden, weitgehend, und die Tage war es auch schon wieder neblig. Aber kalt, kalt wird es nur nachts. Wobei die Nacht sich derzeit ja unaufhaltsam ausdehnt. Den Abend einnimmt, den Nachmittag einnimmt, den Morgen einnimmt, alles schluckt und für sich beansprucht und dadurch wächst und wächst. Und auf diese Weise wird es doch kälter.

So oder so – der Horizont ist gerade noch so dunkelrot. Es ist der einzige Zeitpunkt des Tages, zu dem die Wolken dunkler sind als der Himmel, an dem sie stehen. Blätter wirbeln durch die Luft, fallen scharenweise zu Boden. Ihre Farbe haben sie verloren. Sie sind einst grün gewesen. Dann gelb und rot und vieles mehr. Und nun sind sie grau, grau wie das Leben, in dem es immer darauf ankommt.

Morgen erste Probeklausur Bürgerliches Recht. Vergangenes Wochenende ist letztlich doch niemand nach Mainz gefahren, um sich Ersatz für die tägliche Dosis Bibliothek zu holen. "Ab nächstem Freitag wird erst mal hauptsächlich gelernt", verkündete Jonas am Montagmorgen im Bus. Nur weicht leider kaum ein Plan häufiger von der Realität ab als dieser. Es ist immer so ein bisschen wie mit dem Kind, das eine Münze bemüht (ungeachtet dessen, dass es in der juristischen Welt keine Entscheidungen durch Münzwurf geben mag): "Papa, ich habe beschlossen, eine Münze dafür zu werfen, was ich jetzt tue. Das finde fair. Sagen wir – bei Kopf gehe ich ins Schwimmbad. Bei Zahl gehe ich ein Eis essen. Und wenn die Münze auf ihrem Rand stehen bleibt, mache ich meine Hausaufgaben."

Es kommt eben so viel anderes dazu, jedes Mal. Das Wetter ist wie sooft das berühmte letzte Mal im Jahr schön und will genutzt werden. Es ist Hochheimer Markt. Man hat ewig nicht vernünftig gepokert. Diesen und jene ewig nicht gesehen. Von der Selbstlerngruppe bekommt man morgen Ärger, wenn man seine Aufgabe nicht noch schnell erledigt – oder sie sich zumindest so intensiv anschaut, dass es sich anderntags ausreichend improvisieren lässt. Der Wochenrückblick muss geschrieben werden. "Ich hab immer noch nicht deinen Blog gelesen", meint Till am Mittwoch oder so zu mir, was mittlerweile schon ein Running Gag geworden ist. Er finde schlichtweg keine Zeit. "Wenn du schon keine Zeit findest, ihn zu lesen", fällt mir einmal dazu ein, "stell dir mal vor, du müsstest Zeit haben, ihn zu schreiben."

Es ist nun mal alles schwierig zu unterscheiden. Was lässt sich verschieben, was streichen, was ist die sinnvollste Reihenfolge? Und vielleicht der wichtigste Punkt von allen: Was ist zu viel? Zeitmangel ist eines meiner allerliebsten Themen in all den Jahren, in denen ich jetzt schon auf Alltagswochen zurückblicke. Oder wie Robert Lembke einmal meinte: "Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist."

Also, wie kam es denn hierzu? Mal abseits des langfristigen Prozesses seit Mitte September, der das Ganze angestoßen hat, als ein Sommer ohne Einschränkungen zu Ende gegangen war. Am Montag war die sonnige Luft, wie angedeutet, noch erfüllt von hehren Vorhaben. Irritierend wirkte da erst mal nur der Blick auf den Stundenplan. Den hatte Herr Professor Haft nämlich in ein völliges Chaos gestürzt. Aus irgendeinem Grunde, so hieß es, sei er an seinen üblichen zwei Vorlesungstagen zu Beginn der Woche nicht da. Und so musste wohl oder übel alles verschoben werden. Aber auch wirklich alles.

So nahm das bunte Treiben in dieser Woche ausnahmsweise seinen Lauf bei Herrn Professor Binder. "Sie haben ein paar Wochen gebraucht", eröffnete er seine Vorlesung mit hörbar erkältungsleidender Stimme, "aber jetzt haben Sie mich geschafft." Das Mikrophon auf volle Lautstärke gedreht, schlug er sich dennoch durch. "Was ich nicht alles für Sie tue", bemerkte er zwischendurch, als er einmal mehr einen Schluck Wasser nehmen musste, damit es überhaupt weiterging. Und da hatte er Recht. Was dementsprechend für noch vollumfänglichere Aufmerksamkeit sorgte als ohnehin schon immer im Bürgerlichen Recht. Der flüchtige Blick aus dem Fenster wird ja auch bereits bestraft, in etwa so wie früher beim Lesen in der Schule ("Du bist dran!" – "Äh… wo sind wir?"); wir erinnern uns. Belohnt wurde der Einsatz unseres Dozenten dann abschließend auch mit einer besonders anerkennenden Version des klassischen Auf-die-Tische-Klopfens, längst obligatorisch am Ende jeder Veranstaltung.

Am Mittwoch war Herr Professor Binder dann nicht mehr da.

Dafür tauchte am Montagnachmittag Herr Gleichmann mal wieder auf. Und wenn das der Fall ist, wird es erfahrungsgemäß ernst. Infoveranstaltung Prüfungsordnung und –regularien. So ernst wurde es diesmal. Frau Caseroli, unterstützt von Frau Niemann und eben Herrn Gleichmann, vermittelte uns einen Einblick in all das, womit wir uns in den kommenden viereinhalb Jahren dreizehn Mal in mehr oder weniger umfassender Breite werden herumschlagen schlagen müssen, zum ersten Mal im kommenden Monat: Sie verriet uns, wie denn das Klausurenleben auf der EBS abläuft.

Genau genommen müssen wir uns ja jetzt schon damit herumschlagen. Nicht nur weil morgen die erste Probeklausur unseres Studiums ansteht. Sondern auch weil wir uns dieser Tage bereits anmelden müssen für die Klausuren im Dezember. "Bei uns ist es so, dass Sie sich selbst für die Klausuren anmelden müssen", bekräftigte Frau Caseroli am Montagnachmittag. Wie bei manch englischem Begriff hier wird allerdings nicht ganz klar, wieso eigentlich.

Das Durcheinander wider alle Gewohnheiten, die sich in sieben Wochen schon herausgebildet haben, setzte sich am Mittwoch nahtlos fort. Herr Professor Binder fehlte, wurde aber von einem Lehrstuhl-Kollegen würdig vertreten. "Herr Binder hat mir extra etwas weniger Stoff für heute mitgegeben. Ich denke, wir werden etwas früher fertig werden als geplant." Wir wurden drei Minuten früher fertig. So ist es eben, das Bürgerliche Recht. Wenn Zeit für Zwischenfragen gewährt wird, gibt es auch Zwischenfragen. Aber so blieb wenigstens das gleich wie gewohnt. Und man hatte etwas Neues zum allumfassenden Thema Zeit.

An altbekannter Stelle war immerhin Englisch geblieben. Mittwochabend, mit Sonnenuntergang beginnend. Und ein wenig überzogen wurde auch da, so wie sich das gehört. Bis wir mit dem Sprachlichen – den beliebtesten und bedeutendsten Fehlern der Allgemeinheit im Rahmen der letzten Hausaufgaben – und dem Inhaltlichen – ersten Fällen nach Case-Law-Prinzip – durch waren, das dauerte nun mal.

Der Donnerstag kam dann auf einmal ohne Bürgerliches Recht aus. Dafür feierte Herr Professor Haft seine Rückkehr. Dessentwegen ja alles ursprünglich verschoben worden war. Etwas ironisch wurde das Ganze nur dadurch, dass die zweite Vorlesung im Strafrecht auch noch ausfiel, und das obwohl der gute Mann ja wieder da war. Und die Methodenlehre bei ihm gleich mit. Aber gut. Man nimmt schließlich jede Stunde, die man bekommen kann.

Zur fantastischen Zeit von 15 Uhr begann dann am Freitag die BWL-Vorlesung bei Niels Dechow, PhD – so viel Zeit muss sein, mag sie auch rar sein. Und abgesehen von Mr. Mehrens konstant beachtlicher Quote an wunderlichen Vergleichen, witzigen Alltagswahrheiten und grotesken Zeichnungen in Englisch, gingen die zwei Stunden beim Gastdozenten aus Oestrich-Winkel als die launigsten der bisherigen Wochen durch. Und zugleich steckte in jedem guten Spruch ein Stückchen Controlling-Erkenntnis, das sich so noch eindringlicher vermittelt sah. In Kopenhagen und Oxford lernt man so etwas offensichtlich. Freuen wir uns also auf Teil 2 bei Herrn Professor Dechow. Wenngleich der mittlerweile schon wieder dreimal verschoben wurde.

Zur weit weniger fantastischen Zeit von 8 Uhr begann dafür am Samstagmorgen die AG Strafrecht bei Herrn Dr. Henseler (oder vorzugweise auch: bei Sven). Zu der ich – im Gegensatz zur Nachmittagsvorlesung am Vortag (!) – als so ziemlich einziger pünktlich kam. Und wieso? Weil ich in der Annahme von zuhause losfuhr, die AG fange um acht an. Vor der Uni stand ich um fünf nach acht. Was darauf schließen lässt, dass ich, hätte ich mich nicht vertan, genauso zu spät gekommen wäre wie alle anderen. Aber so läuft das manchmal.

Immerhin konnten – respektive mussten – wir in diesem Zusammenhang einmal ausprobieren, wie man denn auf den Campus kommt, wenn er eigentlich geschlossen ist. Die Drehtür war nicht zu drehen. Die Eingangstür direkt daneben reagierte auf keine Studentenkarte. Demnach musste einmal ums Gebäude herumgelaufen werden, bis zur Tür bei der Bibliothek. Und tada, dort blinkte tatsächlich ein grünes Licht. Und ehe man sich versah, stand man im Innenhof. Weil ich ausnahmsweise nicht noch mal zur Sicherheit auf den Plan geschaut hatte, war ich so zwar noch vor unserem AG-Leiter da. Dadurch bot sich aber immerhin eines dieser etwas unwirklichen Bilder des täglichen Lebens, die ich so liebe. Samstagmorgen, 8.05 Uhr, allein in der EBS. Was ist schon Zeit?

Hoffen wir jedenfalls, dass wir es eines Tages wieder wissen. Ich meine: Dafür tun wir das hier ja. Zum einen aus schwer zuzugebender Affinität zu ein bisschen Geld, wie Mr. Mehren betonen würde. Zum anderen aber nicht zuletzt, um irgendwann ein Stück von der Zeit nachholen zu können, die wir heute aufwenden und aufwenden müssen, und zwar dann, in dieser malerischen Zukunft, möglichst ohne Sorgen. Möglichst ohne jede Stunde Freizeit, jede Stunde, die wir genießen, danach bemessen zu müssen, wie viel wir nun wieder hätten verdienen können, hätten wir gearbeitet. Es ist wie bei Momo mit den grauen Herren, nur in unserem Fall bitte ohne betrügerische Absicht: Wir investieren Zeit, um Zeit zu gewinnen, früher oder später.

Doch – ich erinnere mich noch sehr gut an die Rede einer Mitschülerin auf unserem Abiball. Sie fiel mir wieder ein, als ich am Freitagabend, anstatt zu lernen, auf dem Hochheimer Markt mit jemandem darüber sprach, dass ja bald bei mir die ersten Klausuren anstünden, und man sich in der Theorie schier endlos auf sie vorbereiten könnte. Die Kernbotschaft dieser Abiball-Rede lautete damals, dass das ja alles schön und gut sei: Abitur mit 18, 19; ein Sommer mit Nebenjob; ein Studium ab Herbst, dessen Noten der Grundstein für alles Weitere sein sollen; der Einstieg ins Berufsleben fünf Jahre später. Doch während wir diesen strikten Plan voller Ambition ausführen, sollten wir uns immer zurücklehnen. Versuchen, das bisschen Abstand von allem einzunehmen, das es überhaupt nur gibt. Und uns die Frage stellen: Ist der schnellste Weg der beste? Sind wir sicher, dass wir nichts versäumt haben, wenn wir mit 24 fertig sind und in einer großen Kanzlei unterkommen? Lässt Zeit sich ewig aufholen? Oder gibt es vielleicht doch einen gewissen Abschnitt im Leben, in der sie wichtiger ist, in der sie ganz anders genutzt wird, in der sie wertvoller sein kann als später? Wenn wir in unserer Vorbereitung aufs restliche Leben, die nun mal in diesen jungen Jahren stattfindet, alles sofort machen und am besten noch perfekt, alles als erster und so bald, wie es geht, kurzum: wenn wir keine Minute verpassen – haben wir dann wirklich keine Minute verpasst?

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Dann fügte er an: "Und damit haben sie es weitergebracht als alle anderen."

« Juli 2014»
S M T W T F S
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31    

Letzte Beiträge

#šest – Nasvidenje (Rehearsals for Departure)
23.01.2014 13:58
#pet - Tolar
08.12.2013 11:00
#štiri – Midva
13.11.2013 11:40
#tri – Sedem ur in štirideset minut
23.10.2013 11:54

Blog rolls

Archiv

  • [-]2014(1)
    • [-]Januar(1)
  • [-]2013(5)
    • [-]Dezember(1)
    • [-]November(1)
    • [-]Oktober(3)
  • [-]2012(14)
    • [-]Oktober(2)
    • [-]März(2)
    • [-]Februar(8)
    • [-]Januar(2)
  • [-]2011(47)
  • [-]2010(97)

Kopieren Sie diesen Link in Ihren RSS Reader

RSS 0.91Posts
RSS 2.0Posts

Social Bookmarking

Meist gelesene Posts

Career Forum
16634 times viewed
22.09.2010 23:03
Learning German as a Foreign Language
9981 times viewed
02.06.2010 10:00
In Focus: Barcelona
9513 times viewed
27.04.2010 15:00
Life in Germany vs. Life in South Africa
9225 times viewed
31.03.2010 15:00

Blogger

Marvin
Law School Student

Chris
Master Student USA / Germany

Felix
Master Student / YGL curriculum

Nina
Bachelor Student

Trevor
Master Student South Africa

Vikram
MBA Student India / YGL curriculum

Letzte Beiträge

#šest – Nasvidenje (Rehearsals for Departure)
23.01.2014 13:58
#pet - Tolar
08.12.2013 11:00
#štiri – Midva
13.11.2013 11:40
#tri – Sedem ur in štirideset minut
23.10.2013 11:54