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Wochenrückblick: Die Taschenlampe

Manchmal weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.

Im Zweifel öfter, als einem lieb sein kann.

Am Anfang, das ist nicht nur langweilig, sondern meistens nicht mal passend. Schließlich soll in der ersten Szene ja schon etwas Entscheidendes stecken. Ein vorausdeutendes, vielleicht ein synekdochisches Element. In der Eingangsszene sollten die ausschlaggebenden Charaktere eingeführt werden oder zumindest einer von ihnen, und es sollte um etwas gehen, was später noch wesentlich wird. Es kann nicht schaden, das generelle Thema gleich zu Beginn zu verankern. Kunstvoll und subtil etwas Alltägliches darstellen, das sich auf den großen übergeordneten Konflikt übertragen lässt, das ist sogar noch besser. Manch Dramaturg hat all das zu Lebzeiten gern ad absurdum geführt, indem er in seiner ersten Szene all das untergrub und dort Leute sich unterhalten ließ, die nie wieder auftauchten, und zwar über Fragen, die nie wieder gestellt wurden. Das konnte er sich aber nur leisten, wenn er bereits so bekannt war, dass alle wussten, dass er Ironie betrieb. So ist das leider nicht selten: Wenn der Unbekannte mit den Konventionen bricht, begeht er Fehler. Wenn der große Name es tut, ist er ein Genie.

Es lässt sich auch mittendrin beginnen, freilich. Irgendwo genau zwischen den turbulentesten Sequenzen von Akt 2 und Akt 4, irgendwo während des Mittwochs. Mit einer unscheinbaren Kleinigkeit als Ruhe vor und nach dem Sturm, was durchaus seinen kontrastierenden Wert hat. Aber es verwirrt. Glauben Sie mir, ich habe es schon versucht. Es funktioniert nur, wenn man sich zugleich auf der Metaebene darüber amüsiert, wie verwirrend es sei, mittendrin anzufangen. Dann lassen die Leute sich noch mitnehmen.

Also, was ist erfahrungsgemäß der beste Ort, der beste Zeitpunkt, an dem es anzusetzen gilt? Na klar – das Ende. Die letzten Minuten, das Schlussbild, die unwiderrufliche Endsituation. Die zeigt, was der Stand der Dinge in der Zukunft sein wird, aber nicht wie zum Teufel es dazu gekommen ist. Wirft die meisten Fragen auf und vereint oft die wertvollen Elemente von oben. Wichtige Leute, passendes Thema, häufig die treffende Location. Das Große verdichtet auf den kleinen, wegweisenden Schlusspunkt. Dort waren wir angelangt am Ende unserer Reise. Und das schien so seinen Sinn zu haben.

So habe ich in den letzten Jahren bestimmt ein Drittel aller Wochenrückblicke eröffnet. Um den Rest als erläuternde Rückblende nachzuschieben. Ich habe noch keinen adäquateren, keinen poetischeren Aufbau einer Woche gefunden. Und ich habe einige versucht.

Aber manchmal, manchmal weiß man bei all den Alternativen – Verzeihung, Varianten – gar nicht, wo man anfangen soll.

Ich führe das mal vor, und am Ende der Vorführung werde ich auf die abgelaufene Uniwoche zurückgeblickt haben.

Früher Samstagabend, 18 Uhr etwa. Es ist längst dunkel draußen. Ausnahmsweise nicht neblig. Trüb aber. Und kalt sowieso, es ist November. Na gut, könnte man einwenden, genau genommen wird es erst zehn Stunden später enden, zu zweit nach Hause gelaufen durch ein eisiges Bierstadt, in dem es zu dieser Uhrzeit noch vor ein paar Monaten bereits hell geworden wäre. Doch damit beschäftige ich mich derzeit noch nicht.

Also, Samstagabend – ich treffe auf David, der mir verrät, dass Dortmund Schalke 2:0 geschlagen hat. Normalerweise ist man in diesen Minuten zuhause, isst vielleicht gemütlich zu Abend, und schaut sich eben in der Sportschau an, dass Dortmund Schalke 2:0 geschlagen hat. Nur treffe ich nicht einfach so auf ihn, bei Rewe, um fürs Abendessen einzukaufen, oder im Bus auf dem Weg nach Hause. Nein. Ich treffe auf ihn in der Bibliothek. "Ich bin jetzt seit neun Stunden hier", meint jemand, der an mir vorbeibraust, mit einem Leipold unterm Arm, in den nächsten Read Room, wie es heißen muss. Es ist eine Atmosphäre zwischen verzweifeltem Lernwillen, der – bei den meisten zumindest – nur nach außen hin ein völlig organischer ist, und zwischen Verzweiflung ohne Lernwillen. Eine Stimmung geprägt von der gebotenen Stille in diesen Räumlichkeiten, durchsetzt von schüchternen Gesprächen, was man denn heute Abend mache. "Was hast du am Wochenende so geplant?", fragt Niklas mich. Ich kann nur den Kopf schütteln. "An welchem Wochenende?"

Viel ist nicht übrig geblieben. Auch das wird klar, während man in der nur noch halb beleuchteten Bibliothek sitzt und auf die Mainzer Straße schaut, wo die Leute nach Hause fahren, um noch halbwegs pünktlich zur Sportschau zu kommen.

Das war die Wirkung. Zu einem der neben Freitagabend heiligsten Zeitpunkte der Woche eine volle EBS.

Man hätte auch mit der Ursache eröffnen können.

Montagmorgen, 9 Uhr. Das totale Chaos. Die totale Panik. So sollte doch jede Woche beginnen. Mal wieder fühlte man sich, hier auffälliger denn je, in die Schulzeit zurückversetzt. Um genau zu sein, in ein ganz besonderes Szenario, das sich einem über die Jahre eingebrannt hat wie nur wenige andere. Das immer wiedergekehrt war, in regelmäßigen Abständen, beachtenswert verlässlich. Der ultimative Katastrophenfilm, nach dessen Wiederholung im Frühprogramm eines gefürchteten Tages, vorzugsweise eines Montags, sich die Uhr hatte stellen lassen. Man fühlte sich so ultimativ erinnert an die klassische Rückgabe einer Mathearbeit. Der Lehrer, auch wenn er mittlerweile Dozent heißt, erbost, enttäuscht ("Ihr seid hier bei Leuten, denen ihr nicht egal seid."), jeden Zuspätkommenden mit Blicken tötend. Uns ausführlich demonstrierend, was für einen Unsinn wir da fabriziert hätten, wie wenig wir ihm teils zugehört haben könnten, und wie sehr sich einige bis zum "absoluten Ernstfall" noch ins Zeug legen müssten. Es gab an diesem Montagmorgen die Probeklausur im Bürgerlichen Recht zurück.

Und die Emotionen dabei, wie angedeutet, die kannte man. Wenngleich sie in diesem nun anderen Rahmen neuerlich faszinierten. Die Spanne war weit. Es waren 14 Punkte gelungen, aber auch einer. Der Schnitt betrug 6,25. (Wobei laut des Notenspiegels, auf dem diese Zahl basierte, 95 von 88 Studenten mitgeschrieben hätten). Sven Henseler kommentierte das Ergebnis am Nachmittag mit einem aufmunternden "Das ist besser als an öffentlichen Unis". Es bedarf allerdings kaum der Erwähnung, dass das noch lang nicht zu Herrn Professor Binders Zufriedenheit gereichte. Im Gegenteil. Er wirkte aufrichtig ernüchtert und sah sich veranlasst, die folgende Besprechung in einer sogar für ihn außerordentlichen Intensität durchzuziehen. Und das obwohl ja selbst er in seiner ersten Probeklausur bekanntlich nicht über 4 Punkte hinausgekommen war. Und uns im Grunde, subtextlich, nichts anderes prophezeit hatte. Eben dazu soll die Probeklausur da gewesen sein.

Damit es am Samstagabend niemand mehr wagen sollte, Sportschau zu gucken.

Das Problem als Fußnote: Binder konnte nicht aufhören zu betonen, wie einfach die Klausur an sich gewesen sei. Und spätestens angesichts des Stellvertretungsrechts in dieser Woche scheint tatsächlich genug – um nicht zu sagen: beängstigend viel – Steigerungspotenzial noch da zu sein. Kein Wunder, dass das mit Abstand am weitesten verbreitete Ziel in den Bibliothekszimmern und auf den Fluren dieser Tage lautet: bestehen, Hauptsache bestehen.

Ich hätte freilich auch weniger dramatisch anfangen können. Um womöglich einen größeren Spannungsbogen zu schaffen. Und zwar mit einer Korrektur gegenüber dem letzten Wochenrückblick. Da hatte ich mich ja im Rahmen des Trends der Stundenplanoptimierung über die etwas inkonsequente Aufteilung der Vorlesungsgruppen ausgelassen. Nun saß ich am Montagnachmittag, so wie sich das gehört, in der Bibliothek. Und neben mir David. Dem ich als einem meiner aktivsten Leser verraten hatte, dass der neuste Bericht schon draußen sei und er ihn durchaus beeinflusst habe. So las er also fleißig den "Ratschlag, der sich selbst zerstört". Und sprach mich zwischendrin an. "Der Cut zwischen den Gruppen ist übrigens bei Pa". Er nannte Christopher Park als Beispiel. (Der damals, an diesem berühmten Montagmorgen, an dem ich mich so irritiert inmitten von Leuten am Anfang des Alphabets wiedergefunden hatte, ironischerweise derjenige gewesen war, der mich anhand seines Nachnamens noch mehr verwirrt hatte). Ich überlegte kurz. Doch ehe ich gegenargumentieren konnte, ergänzte David: "Und Max Wegmann hat gewechselt. Eigentlich wäre Sindy Martin noch bei uns. Aber die beiden haben getauscht."

Hm. Damit blieb nur noch ich. Der mit dem spät abgegebenen Vertrag.

Und wir wären interessanterweise irgendwie wieder beim Thema der zweiten Woche. Dabei, dass "vieles im Leben mehr Sinn ergibt, als wir wahrnehmen".

Nur gewöhnt man sich Misstrauen nun mal leichter an als Vertrauen.

So sei das wenigstens klargestellt.

Mit dem Montagabend hätte ich wohl keinen eindringlichen Einstieg gefunden. Sven vertrat Herrn Professor Haft in der Methodenlehre, indem er uns ein paar gewohnt fachliche Tipps zum Thema Hausarbeit im Strafrecht vermittelte, die wir in den Weihnachtsferien sicherlich werden gebrauchen können. Zur nötigen Unterhaltung dienten unter anderem die längst liebgewonnen Charaktere Kevin, Doc und John Doe im entsponnenen Beispielfall. Bei allem Wert der Veranstaltung gab sie allerdings – als eine der wenigen Szenen der Woche – keinen Stoff für einen Anfang her. Erwähnt hätte ich sie natürlich trotzdem.

Anders der Mittwochmorgen. Wieder bei Sven, diesmal die altbewährte AG. Eine Version, die einerseits den gesamten Rückblick unter eine schöne Symbolik gesetzt, andererseits aber den Sinn der Überschrift sofort verraten hätte. Und ich tendiere eigentlich schon seit Längerem dazu, mir diese Enthüllung für die letzten paar Absätze aufzuheben. Doch man kann ja mit allen Konventionen brechen. Die Frage ist nur, wie die Menschen das beurteilen.

In den regulären neunzig Minuten ging es um den Versuch. Der eine oder andere wollte zwar im Rahmen des vorliegenden Falls umgehend auf den Abbruch des Versuchs hinaus; aber damit waren wir unserer Zeit voraus. Als wir erfuhren, dass es erst mal darum geht, das Losfeuern einer Rakete auf ein Wohnzimmer und das Umlenken kurz vor Zieleinkunft überhaupt als Versuchsstadium zu identifizieren, wurde es eine vergleichsweise leichte AG-Stunde.

Die entscheidende Metapher folgte erst nach der letzten Folie. Christian in Reihe eins kam, da war bereits auf die Tische geklopft worden, mit AG-Leiter Sven über das Bürgerliche Recht ins Gespräch, vermutlich noch immer aufgrund der Klausur, die zweifellos ihre Spuren hinterlassen hatte. Beim Rausgehen hörte ich noch kurz mit. Offenbar hatte sich Christian über die Unübersichtlichkeit des Gebiets zu Beginn des Studiums beklagt. Wo Sven als leidenschaftlicher Strafrechtler nur zustimmen konnte. "BGB ist für euch im Moment wie eine Taschenlampe in einem großen dunklen Raum", war seine unheimlich akkurate Allegorie. "Ihr habt nur die Lampe. Ansonsten seht ihr nichts. Und könnt nur hoffen, dass da, wo ihr gerade hin leuchtet, wirklich genug Licht ist."

Und wann hat man schon genug Licht? Selbst Goethe hat noch mehr gefordert.

Wiederum bringt mich dieser Begriff zu einem anderen Vorschlag.

"Das war die neuste Trainingseinheit für Ihren Verstand. Vielen Dank."

So schloss Herr Professor Binder seine Vorlesung am Mittwochvormittag. Es war also zum einen ein Ende, zum anderen mitten im dritten Akt und darüber hinaus kam es mir bekannt vor. Hätte eine unmittelbare Verbindung zur Vorwoche hergestellt. Kant und Orientierung und so fort. Davon abgesehen, dass es den Charakter dieser sechs Tage passend wiedergegeben hätte.

Der Mittwochabend wäre ein ähnlicher Auftakt wie der Samstagabend gewesen, nur nicht ganz so eindrucksvoll. Auch wenn ich schon da schwer überrascht war. Als ich nach Englisch, lange nach Sonnenuntergang wie immer, noch kurzerhand beschloss, mich in der nun hier schon viel zu oft erwähnten Bibliothek zu verkriechen. Wenigstens um das Gewissen zu beruhigen. Das augenblicklich zu einem schlechten wurden, als ich ankam und kaum einen freien Raum fand.

Was nicht zuletzt mal wieder die Frage aufwarf, wie das eigentlich mit einem zweiten und einem dritten Jahrgang bei uns werden soll.

Als ich zwei Stunden später ging, sagte ich noch "Gute Nacht" zu Christopher und nahm die letzte 37.

Tags darauf ließ sich dementsprechend fragen: "Und, wie lang wart ihr noch gestern noch da?" Und das ist jeher eine Frage, gewohnt aus einem völlig anderen Kontext. Bezogen auf gewichtige Wochenendabende, an denen man dann doch irgendwann müde geworden ist und im Morgengrauen nach Hause gelaufen, während die anderen noch geblieben sind, wachgehalten von einer bestimmten Person, einer Hoffnung, einem Gefühl oder etwas anderem, ob mit oder ohne Filmriss. Und nun stellte sich diese Frage an einem Donnerstagmorgen. Das hätte geschickt falsche Schlüsse beim mitdenkenden Leser provoziert, und ich hätte ihn mit den wahren Hintergründen, einer abendlichen Bibliotheksession, überraschen können. Das schien mir aber als Einstieg fast zu tragisch.

Ich kann in diesem Zusammenhang nur meine Erinnerung an die Rede meiner Mitschülerin auf unserem Abiball erneuern. Leben. Für mehr habe ich keine Zeit.

Donnerstagabend wäre ein anderer Ansatz gewesen. Drei Stunden BGB-AG, einmal nachholen von letzter Woche bitte. Bis 20 Uhr. Ein Fall um Mietverträge. Die wir noch nie hatten. Irgendwann gegen Ende meldete sich Christian und fragte, ob wir denn für die Klausur Fälle wie diesen lösen können müssten. "Keine Angst", versuchte Herr Schmidt-Nentwig ihn zu beruhigen. "Da werden nur Sachen drankommen, die ihr schon hattet." Dennoch musste Christian anmerken: "Ich finde nämlich, BGB ist so, als hätte man eine Taschenlampe in einem großen dunklen Raum, und nur an einer Stelle wäre ein bisschen Licht."

Was die Woche zwar ebenfalls prägte, ohne jedoch eine Grundlage für eine allgemeingültige Erkenntnis zu liefern – was ich also auf jeden Fall untergebracht hätte, nicht aber als Eröffnung, das waren die BWL-Vorlesungen der zweiten Wochenhälfte.

Herr Professor Tunder gelang es dabei mit seiner mitreißenden Art, das sehr gute Bild der Business-School-entsandten Gastdozenten bei uns zu komplettieren. Er baute es mit seiner Alltagsnähe und seiner atypischen Art, Geschichten zu erzählen, sogar noch aus, wenn man ehrlich ist. Seine Affinität zu aus dem Leben gegriffenem Humor, auch à la "Bitte nicht die Frauenbeauftragte benachrichtigen", war – vor allem inmitten all der Grundsätze zur Vollmacht und zur Gesamtbetrachtungslehre des Versuchs – so erfrischend, dass selbst die Kommilitoninnen am Ende applaudierten, nicht nur klopften. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Blick auf den Stundenplan die gesamte Woche lang schwergetan hatte, mich mit der Vorstellung von fünf Stunden BWL am Freitagmorgen ab 8 Uhr anzufreunden. Dann kam am Donnerstagnachmittag Herr Professor Tunder für seine erste Vorlesung. Stellte sich vorne hin, nahm alle paar Sätze einen Schluck Kaffee, und beschrieb den Ablauf einer Bang-&Olufsen-Anlagen-Einweihungsparty oder des Aufbauversuchs eines Billy-Regals (samstagabends, wenn der Mann eigentlich Sportschau gucken will!). Und auf einmal freute ich mich auf die volle Dosis am Tag darauf.

Wenn der "Dominanzanspruch des Marketings", Tunders Fach, nur genauso Realität wäre, wie er theoretisch vorhanden ist. Die Schlussstory, wie ein Mercedes-Fahrer mithilfe seines Nachbarn dazu gebracht wird, dass sein nächstes Auto ein BMW wird, war so eine Anekdote, die ich übers Studium hinaus nicht vergessen dürfte.

Da konnte allenfalls Herr Professor Hafts Fortsetzungsgeschichte von der hässlichen Bar im Keller des Bundestags mithalten.

Es sei bei alldem aber nicht unter den Scheffel gestellt, dass auch Herr Professor Dechow am Samstag, einem nicht unbedingt glücklichen Termin fürs Lernen und Lehren, trotz aller Zahlen etwas aussprach, wozu man nur anerkennend nicken konnte. Sein pathetisches Schlusswort – und bei mir ist pathetisch ein extrem positiv besetztes Adjektiv – blieb in Erinnerung. "Außenstehende glauben immer, Rechnungswesen sei objektiv." Er hatte uns gerade die verschiedenen Rechenansätze vorgestellt, die alle zu anderen Ergebnissen führen. "Das ist es aber nicht. Es gibt so viele Schwerpunkte, die man setzen kann. Je nach Philosophie des Unternehmens. Doch so was wie ein richtiger Weg ist noch lange nicht gefunden. Es werden noch immer so viele Fehler gemacht beim Risiko-Management. Und hier kommen wir zu einem der großen Ziele der EBS. Denn wir BWLer, wir haben bis heute noch keine Möglichkeit gefunden, die alles unter einen Hut bringt. Und ihr Juristen habt sie auch noch nicht gefunden. Wir haben jetzt aber die Hoffnung, dass wir sie gemeinsam finden können."

Ich hätte auch damit beginnen können.

Aber was soll’s.

Ich wusste nun mal nicht, wo.

Nächste Woche quasi Finale. Die zehnte und letzte Vorlesungswoche dieses ersten Trimesters unseres Studentenlebens. Mit Jura gedrängt auf drei Tage und dann mit dem Planspiel.

Dann Klausuren. BWL, Methodenlehre, BGB. Das richtige Finale wohl.

Irgendwann diese Woche stand auf einmal ein Weihnachtsbaum im unserem Foyer.

Besinnlich wird es deshalb nicht werden bis zum großen 13.Dezember. Ganz und gar nicht. Noch weniger als einst in der Schule immer vor Weihnachten.

Wie enden Geschichten, von denen man nicht wusste, womit man sie denn eröffnen sollte?

Am Freitag hat es zum ersten Mal seit sieben Wochen wieder geregnet.

Ein nebliger November zählt seine letzten Tage. Er stand dem Oktober, einen Monat am Limit, im Grunde in nichts nach. Vielmehr vermischte er das neue Leben ohne Pause mit alten Elementen, von denen man fast vergessen hatte, wie sie sich anfühlten.

Wir könnten unseren Atem sehen. Kalt genug wäre es. Aber dazu bräuchten wir eine Sekunde, zum Atmen.

Es gilt nun vor allem die Taschenlampe nicht zu verlieren. Denn ohne sie wird es völlig dunkel werden. Gar keine Orientierung mehr. Die wenigsten haben Streichhölzer mit sich.

Also gilt es die Lampe gut festzuhalten. So gut es geht. Geradeaus zu leuchten, weiterzugehen ins Ungewisse. Und zu hoffen, dass die Batterien halten.

Irgendwo wird schon der Lichtschalter sein.

Wochenrückblick: Ein Ratschlag, der sich selbst zerstört

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben. Über das meiste davon habe ich in den letzten Jahren schon einmal in irgendeiner Form geschrieben. Oft in Wochenrückblicken, als deren allgemeingültig philosophischer Rahmen. Zuletzt häufig als Frage zu Beginn – und als Versuch einer Antwort zum Abschluss. Bisweilen auch in sonstigen Berichten, in Erzählungen, in auf ewig unvollendeten Romanen und dem einen oder anderen einer ungreifbaren Stimmung entsprungenen Gedicht. Wie man eben seine Gedanken so verarbeitet, wenn man gern schreibt.

Es gibt also vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Heute: Orientierung.

Noch schlaftrunken, gerade so den Weg zur Bushaltestelle findend, lief ich wie jeden Montagmorgen auch diesen wieder zur 37. Wobei es diesmal weitaus schlimmer war als sonst zu Wochenanfang. Nichts mit 11.30 Uhr. Es stand mal wieder eine Probeklausur an. Nach dem hundertachtzigminütigen BGB-Ungetüm der Vorwoche war nun die Methodenlehre bei Herrn Professor Haft dran. In der Hälfte der Zeit. Was selbstverständlich nicht bedeutete, dass es auch die Hälfte des Stoffes gewesen wäre.

Wir bekamen tatsächlich, schlicht und ergreifend, einen Sachverhalt. In dem wir uns freilich erst mal richtig orientieren mussten. Bewusst schreiben wir ja noch keine wirkliche Strafrechtsklausur in diesem Trimester. Aber die Probeklausur für die Methodenlehre kann natürlich trotzdem eine sein. (Denn nichts anderes als strafrechtlich zu prüfende Handlungen setzte Herr Professor Haft uns hier vor). Was ironisch klingt, ist es ausnahmsweise nicht: Wert gelegt wurde in erster Linie auf die Strukturskizze, die wir zum Fall zeichnen sollten. Möglichst nach den Vorgaben aus Hafts "Juristischer Lernschule". Die wozu dienen sollen? Klar, zunächst mal zur besseren Orientierung im Sachverhalt.

Immerhin lautet eines der zahllosen immer wiederkehrenden Dogmen, die wir seit Ende September in der berühmten einen Tour unablässig hören, dass man im Strafrecht stets mit einem Mengenproblem zu kämpfen hat. Demnach ist Strukturierung alles. Sachverhaltsebene, Personenebene, Paragraphenebene, Normalfallebene, Problemebene. Was ist passiert? In welche Komplexe lässt sich das unterteilen, was passiert ist? Kaum einen Satz predigt Herr Professor Haft so häufig wie den, dass nichts so wichtig ist wie eine gute Gliederung. Wer ist beteiligt? Aber auch: Wer ist zu prüfen? Am Montag begann ich irgendwann, mir eine Nebenfigur des Sachverhalts genauer anzuschauen, die sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben könnte. Bis mir auffiel, dass von ihr gar nichts in der Aufgabe stand. Und so fort. Welche Straftatbestände kommen infrage? Mord, Totschlag, Körperverletzung? Die nie zu vernachlässigende Sachbeschädigung des Hemdes, durch das der Dolch in das Opfer eindringt? Oder doch § 80, die Vorbereitung eines Angriffskrieges?

Und alles hat es den gleichen Zweck – sich zurechtzufinden. Und das nur in einem vergleichsweise winzigen und obendrein fiktionalen Ausschnitt unseres Lebens. Der Sachverhalt an diesem Montagmorgen besteht aus einer knappen Seite in Courier New, relativ groß.

Wie soll das denn erst in der Realität funktionieren, dieses Sichzurechtfinden, fragt man sich.

Im Anschluss an die Probeklausur, deren Ergebnis es fast noch gespannter zu erwarten gilt als das jener bei Herrn Professor Binder, wurde etwas deutlich, das sich spätestens am Mittwoch zum Thema der Woche ausweiten sollte. Die meisten blieben gleich da. Hatten die Klausur hinter sich, holten kurz Luft und blieben gleich da für die anschließende, de facto zum völlig regulären Zeitpunkt stattfindende (!) Strafrechtsvorlesung. Und das obwohl ungefähr die Hälfte von ihnen theoretisch zur anderen Gruppe gehörte.

Das hatte nichts mit fehlender Orientierung zu tun.

Es gibt seit Anbeginn des Trimesters zwei Vorlesungsgruppen. À planmäßig gut 40 Studierenden. An sich sollen sie dem Alphabet nach zugeordnet sein, und irgendwo bei K oder L oder M befände sich der Schnitt.

Was das in der Praxis heißt, erfuhr ich damals direkt in der allerersten Vorlesung, an einem Montagmorgen vor gefühlt sehr, sehr langer Zeit. Ganz altmodisch hatte ich mir meinen Stundenplan ausgedruckt. Dreimal draufgeschaut, mich noch mal versichert und war dann um 11.30 Uhr zum Strafrecht aufgetaucht. Um, als ich ankam, auf einmal inmitten von Leuten zu sitzen, die ich noch nie gesehen hatte.

Während der Einführungswoche nämlich hatte man, ob der Aufteilung in streng (!) alphabetische Gruppen für die meisten Veranstaltungen, nur bestimmte Kommilitoninnen und Kommilitonen kennen gelernt. Ich nun mal die mit S und T und U und V und Z und drumherum. Und plötzlich blickte ich an jenem Montag auf mich umgebende Namensschilder mit A und B und F und G und ging schon fest davon aus, mich irgendwie vertan zu haben. Orientierung sei alles.

Daraufhin war eine Weile Ruhe. Ich fand noch am selben Morgen heraus, dass ich wohl aufgrund dessen, dass ich meinen Vertrag als mit Abstand letzter abgegeben hatte, zufällig – oder via Schicksal, das wird nie klar – in jene Vorlesungsgruppe geraten bin, die zu diesem Zeitpunkt kleiner gewesen ist. Was nun mal Nummer 1 war, entgegen meines Nachnamens. Wieso ein Christopher Park oder ein Max Wegmann ebenfalls in meiner Gruppe sind, weiß allerdings kein Mensch. Erst recht nicht, wie es sein kann, dass unsere AG – die ja auf der Vorlesungsgruppe basiert – offiziell "von K bis W" heißt. Und das wo wir doch hypothetisch nur die erste Hälfte des Alphabets sein sollen. Nun ja.

Dieses Chaos ist allerdings nicht für das verantwortlich zu machen, was diese Woche als neustes Unwort auftauchte. Und sich somit in die schon nach einem knappen Trimester beachtliche Ahnenreihe von Begriffen wie dem Normalfall, dem Schweinsgalopp oder dem Erlaubnistatbestandsirrtum stellte. Es wurde von einem Brief – Verzeihung: einer E-Mail! – der Studienleitung geprägt, die Mr. Mehren am Mittwochabend in unnachahmlicher Manier zu unserer Kenntnis vorlas. Es lautet Stundenplanoptimierung.

"Wie Sie wissen [und wir wissen, dass Sie wissen], sind Sie bei jeder Veranstaltung einer bestimmten Gruppe zugeordnet", heißt es in der sofort heiß diskutierten E-Mail. "Diese Zuordnung dient dazu, in jeder Veranstaltung auch in Bezug auf die Gruppengröße Ihre Studienbedingungen optimal zu gestalten. (…) In den letzten Wochen mussten wir jedoch feststellen, dass es verstärkt zu [Achtung!] 'Stundenplanoptimierungen' ohne Absprache mit dem Servicepoint oder der Studiengangsleitung gekommen ist." Angedroht wurden angesichts dessen "stichprobenartige" Kontrollen in den Vorlesungen, wer sich denn da so befinde, der gar nicht auf dem richtigen Zettel steht. Umgesetzt wurde das gleich am nächsten Tag.

Abgesehen von der E-Mail setzte sich in Englisch, das uns, erstmals wirklich pünktlich, glaube ich, mal wieder gefühlt schon in die tiefste Nacht entließ, der Trend fort, dass es dort juristischer wird. Der Unterschied zwischen deutscher und anglo-amerikanischer Schadensersatzformen, Gemeinsamkeiten in Formfragen und vieles Grundlegendes mehr. Es fühlte sich an wie eine Einführungsveranstaltung in den Allgemeinen Teil des Book of Case Law. Ze Gesetzgeber hat gesprochen.

Inmitten stichprobenartiger Anwesenheitskontrollen lief dann der Donnerstag ab. Herr Professor Binder gewährte uns einen ersten Einblick in das Stellvertretungsrecht. Das, wie bislang die meisten Themen im Bürgerlichen Recht, voll seiner Einstellung entsprach: "Die Stellvertretung ist umfassend und recht komplex." Dann der Catchphrase: "Aber Sie haben sich dieses Studium ja alle ausgesucht, weil Sie denken wollen. Hier können Sie denken."

Und damit bin ich im Grunde perfekt an jenem Punkt angelangt, der fast immer dazugehört, wenn es um ein generelles Thema geht: der Szene respektive dem Auslöser, der mich dazu gebracht hat.

Öffentliches Recht gab es noch, mit seinen Rechtsstaats- und Sozialstaatsprinzipien, und eine weitere schöne Ausgabe der Strafrechts-AG beim guten Sven, dann war Schluss. Der Freitag bekam die Gelegenheit, seinem Namen gerecht zu werden. BWL wurde ja schließlich viermal verschoben.

Als Ausgleich steht eine Sechstagewoche bevor, mit dem vollen Programm Rechnungswesen und Co. Freitag und Samstag. Wobei Till und ich für Samstag bereits die Vorlesungsgruppen getauscht haben. Und das angemeldet, beim sagenumwobenen Servicepoint, der mittlerweile sogar zusammen geschrieben wird. Artige Studenten.

Jedenfalls – woran orientieren wir uns denn? In der AG zum Strafrecht hieß der Schauplatz neben dem aktuellen Fall, welch ersterer eben auch regelmäßig den Reiz der lebendigen Veranstaltung ausmacht, autoritäres Denken. Eines der längsten Kapitel in Hafts "Juristischer Lernschule" ziert genau diese Überschrift. Autoritäres Denken. Jura-Studenten lernen seit jeher, indem sie sich auf Autoritäten berufen. Auf herrschende Meinungen, abweichende, aber vertretbare Ansichten und historische Rechtsprechungen. Aber da "der Mensch kein Datenspeicher ist" und diese Art zu lernen keinen selbstständigen Juristen ausbildet, kritisiert Haft sie in seiner gewohnt nachdrücklichen Weise. Getreu Kant, getreu dem Ideal des in der Schule schon jahrelang gepredigten sapere aude. Sich an die zu halten, die sich Experten nennen, ohne zu hinterfragen, ist immerhin nicht nur dumm. Es ist auch gefährlich.

Konfuzius hat in diesem Zusammenhang dem Menschen dreierlei Wege zu gesprochen, "klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste." Ein typisches Zitat, das viele tief seufzend unterschreiben werden.

Am Donnerstagnachmittag in der AG stellte sich anhand des neuen Falles wie üblich zunächst die Frage, wie wir ihn vom Bauchgefühl her beurteilen würden. David meldete sich, wie man das kennt. Und gab seine Auffassung zum Besten. "Damit bist du mehr oder weniger komplett im Einklang mit der herrschenden Meinung", sagte Sven, der Leiter, am Ende der Rede. "Wenn du das immer bist, werden deine Klausuren immer auf einem respektablen Niveau sein. So kann eigentlich nichts schiefgehen. Doch die richtig guten, die herausragenden Klausuren sind die, die etwas Neues bringen."

In der Folge entbrannte, wie man es in unserer AG ebenfalls kennt, eine kleine Diskussion um autoritäres und selbstständiges Denken. Es fielen ein paar aufs große Ganze übertragbare Aussagen. Eine davon veranlasste David, mich zu inspirieren. "Marvin", sagte er, und ich drehte mich zu ihm um, "das musst du dieses Mal zum Thema im Wochenrückblick machen."

Blinde Orientierung gemäß einer Hierarchie erscheint also Unsinn. Vorbilder schön und gut. Selbstredend herrschen die ominösen herrschenden Meinungen oft nicht umsonst. Doch ohne weiteres hingenommen werden und auswendig gelernt sollten sie dennoch nicht. Auch wenn das wie der einfachste Weg wirken mag. Gehorsam ohne eigenes Denken wird missbraucht und führt zu noch mehr Gehorsam und noch weniger eigenem Denken. Kant wusste, dass der Verstand etwas ist, das ständig trainiert werden will.

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Aber was ist die Alternative? Das Paradoxe ist, dass die einem leider niemand liefern kann. Selbst wenn sie jemand hätte – akzeptierten und übernähmen wir sie, würden wir nur wieder jemand anderem folgen. Und die Antwort, die Alternative, wie immer sie aussehen möge, wäre ad absurdum geführt. Deshalb hilft nur der unpräzise oberste Befehl, selbst zu denken. Wir erinnern uns an die SLG-Aufgabe der ersten Woche, die sich um den Mann drehte, der ein völlig neues StGB veröffentlichen wollte mit seinen eigenen Gesetzen – verbunden mit der Frage, ob das zulässig sei. Natürlich, lautete damals die Lösung. Nur so entstehe wissenschaftlicher Fortschritt.

Und was für die Wissenschaft gilt, gilt nicht selten auch im übrigen Leben.

Hören Sie auf mich.

Wochenrückblick: Ein Ziel in der Ferne und ein Ziel in der Nähe

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Die Stelle ist leider etwas zu lang. Sie ist zu lang, um über der Drehtür am Eingang des EBS Law School zu prangen. Sie ist zu lang, um auf das berühmte Banner zu passen, das immer ein halbes Jahr im Voraus für den nächsten Tag der offenen Tür rausgehängt wird. Verzeihung: open day.

Sie ist zu lang, um sie unter jedes Schreiben – oder, was heute wohl treffender ist: unter jede E-Mail – zu setzen, so wie es bei uns in der Schule immer mit irgendeinem Zitat von Maria Montessori gemacht wurde. Sie ist zu lang für ein Motto und wohl nicht pathetisch genug formuliert für eine Präambel.

Aber sie ist nicht zu lang, um sie sich zu Herzen zu nehmen.

Das große Stundenplanchaos ging, aller hehren Ziele ungeachtet, unbeeindruckt weiter in dieser Woche.

Der Montag begann schon mal für alle wesentlich – oder wie es juristisch hieße: nicht unwesentlich – früher als sonst. Probeklausur Bürgerliches Recht. Die erwähnte. 180 Minuten, von 8 Uhr an. Herr Binder gelang es, von fast allem ein bisschen was einzubringen. Gefühlt stieg so die Realitätsnähe der ganzen Veranstaltung. Herrschende Meinung im Anschluss war jedenfalls, dass man tatsächlich mit Schwierigerem gerechnet hatte. Wie früher in der Pause nach der Mathearbeit, in der man fleißig Ergebnisse verglich, während die große Anspannung langsam abfiel; es sei ja gar nicht so schlimm gewesen. Wobei die Mathearbeit dann rätselhafterweise erfahrungsgemäß doch katastrophal ausfiel. Trotz Herrn Hafts prägender Aussage "Nichts, was Sie in der Schule gelernt haben, wird Ihnen im Jura-Studium weiterhelfen" baut unser langfristiges Ausbildungssystem aber bekanntlich sinnvoll aufeinander auf. Sie entsinnen sich vielleicht der Rückkehr der Keilschrift, wo ich das feststellte. In diesem Sinne haben viele mittlerweile aus den Mathearbeiten der Vergangenheit gelernt. Einschätzungen direkt danach sind schön und gut. Mehr nicht. "Ich hab zwar ein gutes Gefühl", meinte Niklas. "Aber vor allem bei Jura muss das ja nichts heißen." Wir werden sehen, wie immer.

Schluss war damit für den ersten Tag der Woche allerdings noch längst nicht. Wer noch verwöhnt war von dreistündigen Abiturklausuren, vor und nach denen erst mal eine Woche Urlaub lag, hatte sich umzustellen. Immerhin verspätete sich Herr Professor Hafts Flieger aus München und verkürzte so die Vorlesung Strafrecht erheblich. Noch wie erwartet die zur Verspätung gehörige Story erzählt, blieb gar nicht mehr viel Raum für Unterlassungsdelikte, das Thema dieser Woche. Gut, dass Nr. 8 als mit das einfachste unserer zehn Module fürs erste Trimester gilt. Und dass es am Donnerstag von Herrn Dr. Henseler a.k.a. Sven gewohnt anschaulich (nach)bearbeitet wurde.

Die zweite Vorlesung beim guten Herrn Haft stand am Dienstag an. Erstaunlicherweise zur gewohnten Zeit um 11.30 Uhr. Eine entscheidende Außerplanmäßigkeit musste dann aber doch sein. Das Ganze fand als erste Lehrveranstaltung überhaupt bei uns als "Plenarsitzung" statt, wie Frau Arndt es hochtrabend nannte. Wohl um geschickt davon abzulenken, dass das de facto bedeutete: mit zu vielen Leuten in einem zu kleinen Raum.

Der Einwand wird kommen, es gebe ja wenigstens neuerdings Lavaliermikrofone statt der schon so klassisch gewordenen Handmikrofone, die den Dozenten immer ein bisschen den Anschein eines Wettermoderators zu geben pflegten. Wenn sich Herr Professor Haft allerdings nunmehr in die falsche Richtung dreht, sehen sich seine Geschichten und Ausführungen regelmäßig von einer wunderbaren Variante des berühmten Rückkopplungspfeifens begleitet. – Noch ist nicht alles ausgefeilt. Doch man beachte das Fazit, dass das nachzusehen ist. Zum einen sind wir nun mal die allerersten. Und zum anderen ehrt unsere liebe Uni die Mühe in vielen Fällen genug, um Holprigkeiten verzeihlich zu machen. Getreu der Sichtweise von Sven, unserem Strafrechts-AG-Leiter, die mir am vergangenen Samstag so ausschlaggebend erschien, dass ich sie zum Kern meines Berichts für die EBS-Jahreszeitschrift erhob: ""Klar habt ihr hier viel Stoff. Aber weißt du, was das Entscheidende ist? Weißt du, warum ich glaube, dass das hier funktionieren wird? Das sind wirklich gute Leute, die das hier aufziehen – Leute, die Ahnung haben. Und vor allem Leute, denen ihr nicht egal seid."

Am Mittwoch fiel dann erstmals sogar "BGB" aus, wie es so schön kurz heißt. Herr Professor Binders Erkältung hatte sich laut E-Mail inzwischen "entzündlich entwickelt". Und ein Stellvertreter gemäß § 164 ff. fand sich diesmal nicht. Umso tapferer so oder so, dass Herr Professor Binder sich tags darauf direkt wieder zurückmeldete. Wohl aber so tapfer wie bitter nötig. Obwohl wir seit Anbeginn des Trimesters im berühmten, von Binder selbst geprägten "Schweinsgalopp" durch den Allgemeinen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches preschen, muss vermutlich schon diese eine fehlende Stunde nachgeholt werden. Wer keine Zeit hat, muss sich welche nehmen.

Das galt wie für jeden Tag derzeit auch für den Donnerstag. Ob es sich vor dem 14.Dezember, vor der letzten Klausur, noch mal ändert, bleibt ohnehin zu bezweifeln. Im "BGB" drehte sich alles, im Vergleich zu sonst abermals verdichtet, um formbedürftige und nichtige Rechtsgeschäfte. Man lernte Tatsachen wie jene, dass eine Schenkung an sich formbedürftig ist. Wenn ich also in einer Bar eine Frau zu einem Glas Sekt einlade, ist das an sich ein Rechtsgeschäft, das der Schriftform bedarf – dessen Mündlichkeit also nicht genügt, damit es wirksam wäre. Sinnvollerweise – und zum Glück – wird der Formmangel aber mit der effektiven Erfüllung der Schenkung, also dem Kauf und der Übereignung des Glases Sekt an die Angebetete, "geheilt", also nachträglich rechtskräftig. Bevor das geschehen ist, besteht allerdings kein Anspruch auf die Umsetzung des Schenkungsversprechens. Merken. Könnte eines Tages noch mal wichtig werden.

Danach gilt es im Grunde nur noch Herr Schmidt-Nentwigs Empfehlung vom Freitagmittag zu erwähnen. Die er uns gab in der einzigen Veranstaltung, die wir an diesem Tag hatten. Für die wir also eigens kamen. Die selbstverständlich verlegt worden war. So wie das im Trend ist. Und die dadurch, wie sie verlegt worden war, die Pläne einiger, für ein langes Wochenende nach Hause zu fahren, jäh durchkreuzt hatte. Die sich aber mehr denn je lohnte.

Herr Schmidt-Nentwig sprach jedenfalls über Klausuren. Erzählte, dass er sein Zweites Staatsexamen seinerzeit in zwei der gewährten fünf Stunden fertiggebracht hätte. Ohne einmal ins Gesetz zu schauen. Wovon er uns dringend abriet, möge es bei ihm auch gutgegangen sein. So oder so legte auch er uns etwas ans Herz. Etwas, mit dem man meine Eingangszeilen ergänzen sollte.

"Studieren Sie ernsthaft. Denken Sie nicht nur an Klausuren, Examensnoten und Berufschancen. Denken Sie an den Augenblick, in dem ein Mensch vor Ihnen erscheint, dessen Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn Sie sich dann sagen können: 'Ich habe alles zur Vorbereitung auf diesen Augenblick getan, was ich tun konnte', dann haben Sie richtig studiert."

Das sind die abschließenden Worte von Herrn Professor Hafts "Juristischer Lernschule". Einem seiner zwei Bücher, die wir am ersten Tag in unseren schönen EBS-Taschen vorgefunden haben. Genau genommen eines Buches, das, wenngleich mit Anekdoten aus der Rechtswelt angereichert, ein Buch über Methoden ist. Das die klassische Auslegung von Gesetzen aufs Schärfste kritisiert und stattdessen Struktur- und Normalfalldenken lehrt. Es sind die abschließenden Worte des abschließenden Kapitels "Und die Moral?". In dem es darum geht, was wir tun, wenn wir eines Tages herausfinden, dass wir für unseren Mandanten in Wahrheit viel mehr Geld hätten herausholen können und er durch einen Fehler von uns viel schlechter gestellt ist? Sagen wir es ihm? Rechne ich mehr Stunden ab, als ich geleistet habe? Kann ich vor Gericht den Mörder als Unschuldigen verteidigen, wenn ich weiß, dass er ein Mörder ist?

Hafts unheimlich weitreichendes, bemerkenswertes Schlusswort war so oder so mein Zitat der Woche. Und ihm ist eigentlich nur noch Herr Schmidt-Nentwigs angedeutete Empfehlung hinzuzufügen, als es in der AG mal wieder um Prüfungen ging. Denn auch wenn wir diese nicht als Endziel vor Augen haben sollen, müssen wir sie letztlich irgendwie bewältigen.

Beide Einstellungen, Herrn Hafts und die folgende, zusammengenommen, ergeben, jedenfalls, so glaube ich, den optimalen Juristen – was per Definition heißt: den idealen Juristen, der zugleich realistisch ist. Erreichbar. Also das, was wir anstreben sollten.

"Wenn Sie eine Klausur schreiben", sprach Herr Schmidt-Nentwig, pausierte und fuhr dann schnell fort: "Denken Sie an das erste Bier danach."

Wochenrückblick: De brevitate vitae

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Sonntagabend diesmal. Es sind 17 Grad gewesen heute. Anfang November. Wieder warm, nach wie vor. Immer diese falschen Prophezeiungen. Dunkel ist es mittlerweile geworden, weitgehend, und die Tage war es auch schon wieder neblig. Aber kalt, kalt wird es nur nachts. Wobei die Nacht sich derzeit ja unaufhaltsam ausdehnt. Den Abend einnimmt, den Nachmittag einnimmt, den Morgen einnimmt, alles schluckt und für sich beansprucht und dadurch wächst und wächst. Und auf diese Weise wird es doch kälter.

So oder so – der Horizont ist gerade noch so dunkelrot. Es ist der einzige Zeitpunkt des Tages, zu dem die Wolken dunkler sind als der Himmel, an dem sie stehen. Blätter wirbeln durch die Luft, fallen scharenweise zu Boden. Ihre Farbe haben sie verloren. Sie sind einst grün gewesen. Dann gelb und rot und vieles mehr. Und nun sind sie grau, grau wie das Leben, in dem es immer darauf ankommt.

Morgen erste Probeklausur Bürgerliches Recht. Vergangenes Wochenende ist letztlich doch niemand nach Mainz gefahren, um sich Ersatz für die tägliche Dosis Bibliothek zu holen. "Ab nächstem Freitag wird erst mal hauptsächlich gelernt", verkündete Jonas am Montagmorgen im Bus. Nur weicht leider kaum ein Plan häufiger von der Realität ab als dieser. Es ist immer so ein bisschen wie mit dem Kind, das eine Münze bemüht (ungeachtet dessen, dass es in der juristischen Welt keine Entscheidungen durch Münzwurf geben mag): "Papa, ich habe beschlossen, eine Münze dafür zu werfen, was ich jetzt tue. Das finde fair. Sagen wir – bei Kopf gehe ich ins Schwimmbad. Bei Zahl gehe ich ein Eis essen. Und wenn die Münze auf ihrem Rand stehen bleibt, mache ich meine Hausaufgaben."

Es kommt eben so viel anderes dazu, jedes Mal. Das Wetter ist wie sooft das berühmte letzte Mal im Jahr schön und will genutzt werden. Es ist Hochheimer Markt. Man hat ewig nicht vernünftig gepokert. Diesen und jene ewig nicht gesehen. Von der Selbstlerngruppe bekommt man morgen Ärger, wenn man seine Aufgabe nicht noch schnell erledigt – oder sie sich zumindest so intensiv anschaut, dass es sich anderntags ausreichend improvisieren lässt. Der Wochenrückblick muss geschrieben werden. "Ich hab immer noch nicht deinen Blog gelesen", meint Till am Mittwoch oder so zu mir, was mittlerweile schon ein Running Gag geworden ist. Er finde schlichtweg keine Zeit. "Wenn du schon keine Zeit findest, ihn zu lesen", fällt mir einmal dazu ein, "stell dir mal vor, du müsstest Zeit haben, ihn zu schreiben."

Es ist nun mal alles schwierig zu unterscheiden. Was lässt sich verschieben, was streichen, was ist die sinnvollste Reihenfolge? Und vielleicht der wichtigste Punkt von allen: Was ist zu viel? Zeitmangel ist eines meiner allerliebsten Themen in all den Jahren, in denen ich jetzt schon auf Alltagswochen zurückblicke. Oder wie Robert Lembke einmal meinte: "Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist."

Also, wie kam es denn hierzu? Mal abseits des langfristigen Prozesses seit Mitte September, der das Ganze angestoßen hat, als ein Sommer ohne Einschränkungen zu Ende gegangen war. Am Montag war die sonnige Luft, wie angedeutet, noch erfüllt von hehren Vorhaben. Irritierend wirkte da erst mal nur der Blick auf den Stundenplan. Den hatte Herr Professor Haft nämlich in ein völliges Chaos gestürzt. Aus irgendeinem Grunde, so hieß es, sei er an seinen üblichen zwei Vorlesungstagen zu Beginn der Woche nicht da. Und so musste wohl oder übel alles verschoben werden. Aber auch wirklich alles.

So nahm das bunte Treiben in dieser Woche ausnahmsweise seinen Lauf bei Herrn Professor Binder. "Sie haben ein paar Wochen gebraucht", eröffnete er seine Vorlesung mit hörbar erkältungsleidender Stimme, "aber jetzt haben Sie mich geschafft." Das Mikrophon auf volle Lautstärke gedreht, schlug er sich dennoch durch. "Was ich nicht alles für Sie tue", bemerkte er zwischendurch, als er einmal mehr einen Schluck Wasser nehmen musste, damit es überhaupt weiterging. Und da hatte er Recht. Was dementsprechend für noch vollumfänglichere Aufmerksamkeit sorgte als ohnehin schon immer im Bürgerlichen Recht. Der flüchtige Blick aus dem Fenster wird ja auch bereits bestraft, in etwa so wie früher beim Lesen in der Schule ("Du bist dran!" – "Äh… wo sind wir?"); wir erinnern uns. Belohnt wurde der Einsatz unseres Dozenten dann abschließend auch mit einer besonders anerkennenden Version des klassischen Auf-die-Tische-Klopfens, längst obligatorisch am Ende jeder Veranstaltung.

Am Mittwoch war Herr Professor Binder dann nicht mehr da.

Dafür tauchte am Montagnachmittag Herr Gleichmann mal wieder auf. Und wenn das der Fall ist, wird es erfahrungsgemäß ernst. Infoveranstaltung Prüfungsordnung und –regularien. So ernst wurde es diesmal. Frau Caseroli, unterstützt von Frau Niemann und eben Herrn Gleichmann, vermittelte uns einen Einblick in all das, womit wir uns in den kommenden viereinhalb Jahren dreizehn Mal in mehr oder weniger umfassender Breite werden herumschlagen schlagen müssen, zum ersten Mal im kommenden Monat: Sie verriet uns, wie denn das Klausurenleben auf der EBS abläuft.

Genau genommen müssen wir uns ja jetzt schon damit herumschlagen. Nicht nur weil morgen die erste Probeklausur unseres Studiums ansteht. Sondern auch weil wir uns dieser Tage bereits anmelden müssen für die Klausuren im Dezember. "Bei uns ist es so, dass Sie sich selbst für die Klausuren anmelden müssen", bekräftigte Frau Caseroli am Montagnachmittag. Wie bei manch englischem Begriff hier wird allerdings nicht ganz klar, wieso eigentlich.

Das Durcheinander wider alle Gewohnheiten, die sich in sieben Wochen schon herausgebildet haben, setzte sich am Mittwoch nahtlos fort. Herr Professor Binder fehlte, wurde aber von einem Lehrstuhl-Kollegen würdig vertreten. "Herr Binder hat mir extra etwas weniger Stoff für heute mitgegeben. Ich denke, wir werden etwas früher fertig werden als geplant." Wir wurden drei Minuten früher fertig. So ist es eben, das Bürgerliche Recht. Wenn Zeit für Zwischenfragen gewährt wird, gibt es auch Zwischenfragen. Aber so blieb wenigstens das gleich wie gewohnt. Und man hatte etwas Neues zum allumfassenden Thema Zeit.

An altbekannter Stelle war immerhin Englisch geblieben. Mittwochabend, mit Sonnenuntergang beginnend. Und ein wenig überzogen wurde auch da, so wie sich das gehört. Bis wir mit dem Sprachlichen – den beliebtesten und bedeutendsten Fehlern der Allgemeinheit im Rahmen der letzten Hausaufgaben – und dem Inhaltlichen – ersten Fällen nach Case-Law-Prinzip – durch waren, das dauerte nun mal.

Der Donnerstag kam dann auf einmal ohne Bürgerliches Recht aus. Dafür feierte Herr Professor Haft seine Rückkehr. Dessentwegen ja alles ursprünglich verschoben worden war. Etwas ironisch wurde das Ganze nur dadurch, dass die zweite Vorlesung im Strafrecht auch noch ausfiel, und das obwohl der gute Mann ja wieder da war. Und die Methodenlehre bei ihm gleich mit. Aber gut. Man nimmt schließlich jede Stunde, die man bekommen kann.

Zur fantastischen Zeit von 15 Uhr begann dann am Freitag die BWL-Vorlesung bei Niels Dechow, PhD – so viel Zeit muss sein, mag sie auch rar sein. Und abgesehen von Mr. Mehrens konstant beachtlicher Quote an wunderlichen Vergleichen, witzigen Alltagswahrheiten und grotesken Zeichnungen in Englisch, gingen die zwei Stunden beim Gastdozenten aus Oestrich-Winkel als die launigsten der bisherigen Wochen durch. Und zugleich steckte in jedem guten Spruch ein Stückchen Controlling-Erkenntnis, das sich so noch eindringlicher vermittelt sah. In Kopenhagen und Oxford lernt man so etwas offensichtlich. Freuen wir uns also auf Teil 2 bei Herrn Professor Dechow. Wenngleich der mittlerweile schon wieder dreimal verschoben wurde.

Zur weit weniger fantastischen Zeit von 8 Uhr begann dafür am Samstagmorgen die AG Strafrecht bei Herrn Dr. Henseler (oder vorzugweise auch: bei Sven). Zu der ich – im Gegensatz zur Nachmittagsvorlesung am Vortag (!) – als so ziemlich einziger pünktlich kam. Und wieso? Weil ich in der Annahme von zuhause losfuhr, die AG fange um acht an. Vor der Uni stand ich um fünf nach acht. Was darauf schließen lässt, dass ich, hätte ich mich nicht vertan, genauso zu spät gekommen wäre wie alle anderen. Aber so läuft das manchmal.

Immerhin konnten – respektive mussten – wir in diesem Zusammenhang einmal ausprobieren, wie man denn auf den Campus kommt, wenn er eigentlich geschlossen ist. Die Drehtür war nicht zu drehen. Die Eingangstür direkt daneben reagierte auf keine Studentenkarte. Demnach musste einmal ums Gebäude herumgelaufen werden, bis zur Tür bei der Bibliothek. Und tada, dort blinkte tatsächlich ein grünes Licht. Und ehe man sich versah, stand man im Innenhof. Weil ich ausnahmsweise nicht noch mal zur Sicherheit auf den Plan geschaut hatte, war ich so zwar noch vor unserem AG-Leiter da. Dadurch bot sich aber immerhin eines dieser etwas unwirklichen Bilder des täglichen Lebens, die ich so liebe. Samstagmorgen, 8.05 Uhr, allein in der EBS. Was ist schon Zeit?

Hoffen wir jedenfalls, dass wir es eines Tages wieder wissen. Ich meine: Dafür tun wir das hier ja. Zum einen aus schwer zuzugebender Affinität zu ein bisschen Geld, wie Mr. Mehren betonen würde. Zum anderen aber nicht zuletzt, um irgendwann ein Stück von der Zeit nachholen zu können, die wir heute aufwenden und aufwenden müssen, und zwar dann, in dieser malerischen Zukunft, möglichst ohne Sorgen. Möglichst ohne jede Stunde Freizeit, jede Stunde, die wir genießen, danach bemessen zu müssen, wie viel wir nun wieder hätten verdienen können, hätten wir gearbeitet. Es ist wie bei Momo mit den grauen Herren, nur in unserem Fall bitte ohne betrügerische Absicht: Wir investieren Zeit, um Zeit zu gewinnen, früher oder später.

Doch – ich erinnere mich noch sehr gut an die Rede einer Mitschülerin auf unserem Abiball. Sie fiel mir wieder ein, als ich am Freitagabend, anstatt zu lernen, auf dem Hochheimer Markt mit jemandem darüber sprach, dass ja bald bei mir die ersten Klausuren anstünden, und man sich in der Theorie schier endlos auf sie vorbereiten könnte. Die Kernbotschaft dieser Abiball-Rede lautete damals, dass das ja alles schön und gut sei: Abitur mit 18, 19; ein Sommer mit Nebenjob; ein Studium ab Herbst, dessen Noten der Grundstein für alles Weitere sein sollen; der Einstieg ins Berufsleben fünf Jahre später. Doch während wir diesen strikten Plan voller Ambition ausführen, sollten wir uns immer zurücklehnen. Versuchen, das bisschen Abstand von allem einzunehmen, das es überhaupt nur gibt. Und uns die Frage stellen: Ist der schnellste Weg der beste? Sind wir sicher, dass wir nichts versäumt haben, wenn wir mit 24 fertig sind und in einer großen Kanzlei unterkommen? Lässt Zeit sich ewig aufholen? Oder gibt es vielleicht doch einen gewissen Abschnitt im Leben, in der sie wichtiger ist, in der sie ganz anders genutzt wird, in der sie wertvoller sein kann als später? Wenn wir in unserer Vorbereitung aufs restliche Leben, die nun mal in diesen jungen Jahren stattfindet, alles sofort machen und am besten noch perfekt, alles als erster und so bald, wie es geht, kurzum: wenn wir keine Minute verpassen – haben wir dann wirklich keine Minute verpasst?

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Dann fügte er an: "Und damit haben sie es weitergebracht als alle anderen."

Wochenrückblick: K, S und T im Getränkemarkt

Samstagabend halb neun, man geht einkaufen. Es ist für Ende Oktober ein warmer Tag gewesen, sonnig. Aber jetzt ist es dunkel geworden. Und damit auch kühl. Nicht kalt, das wird noch kommen. Nur kühl. Es scheint ganz leicht neblig zu sein. Die Straßenlaternen mit ihrem Natriumdampfgelb durchdringen die abendliche Herbstluft nur halbherzig. Vielleicht ist auch die Brille beschlagen oder schmutzig.

Üblicherweise finden sich die Leute zu dieser Zeit der Woche entweder auf dem Boden sitzend vor einem Haufen verstreut umherliegender Karten wieder oder in der Bibliothek. Doch die ist an diesem Wochenende geschlossen. Irgendwas IT-Mäßiges wird umgestellt. Womöglich hat Professor Haft schon wieder eine neue Version des Normfall-Managers entwickelt, die bestimmt noch strukturierter wäre als die aktuelle. So oder so - keine Bibliothek an diesem Samstag. Einige sind in Oestrich. Halloweenparty. Dabei ist doch erst der Neunundzwanzigste. Und wenn sich sonst kein Zeitpunkt in der Woche findet, zu dem es sich einkaufen gehen lässt, muss es eben dieser sein.

Ich fahre also zum altehrwürdigen Rewe Getränkemarkt in Bierstadt, durch den subtilen Nebel, während die Frontscheibenheizung ganze Arbeit leistet. Nichts los auf den Straßen. An einem Abend am Wochenende noch vor ein paar Wochen hätte ich am Fußgängerweg an der Poststraße halten müssen, um eine Gruppe Jugendlicher rüberzulassen, auf ihrem sicheren Weg in Richtung Gegend Fliednerschule, wieso auch immer. Vor mir hätte eine 23 gehalten, und es wäre eine Armada von Leuten ausgestiegen, wohl aus der Stadt kommend, auf dem Weg nach Hause, um eine Stunde später wieder zurück in die Stadt zu fahren. Und im Getränkemarkt wäre ich umgeben gewesen von Gleichaltrigen, die sich, wild gestikulierend vor dem Alkoholregal stehend, unentschlossen gegenseitig beratschlagt hätten, ob Wodka oder Rum.

Aber wie sieht es wirklich aus? Ich kann mit knapp 60 durch Bierstadt Mitte brausen. Niemand verlangt, über die Straße gelassen zu werden. Vor mir hält eine 24, aus der eine ältere Frau steigt. Ob sie um elf noch einmal aufbrechen wird, um etwas trinken zu gehen, bleibt zu bezweifeln. Und im Getränkemarkt ist der einzig Gleichaltrige der aufgeweckte Kassierer. Niemand vor mir am Pfandautomaten. Der Sicherheitschef des Ladens mit seiner Krawatte und seiner Langeweile schaut mich grimmig an. Und der einzige, den ich sonst noch sehe, ist ein Typ irgendwo mitten in diesem undefinierbaren Erwachsenenalter mit seiner Frau oder Freundin oder Schwester, die aber so wesentlich jünger ist als er, dass sie auch seine Tochter sein könnte, und die ihm dabei hilft, das Gekaufte wieder vom Band in den Wagen zu packen. Das Gekaufte. Ein paar Flaschen Erdinger und ein paar Flaschen Öttinger Export. Von keinem von beiden ein Kasten. Nur ein paar Flaschen.

Es ist ein milder Oktober gewesen. Der Frost und der Traum vom Schnee vom vergangenen Wochenende bestätigen als Ausnahme. Dennoch ist man nunmehr mittendrin. Mitten im Herbst, mitten im Studium. Heute wird die Uhr umgestellt. Winterzeit.

Ich kaufe einen Kasten Cola. Nicht ein paar Flaschen. Einen Kasten. Und genau genommen ist mehr Fanta drin als Cola und auch eine Reihe Sprite. Aber es kostet ja alles gleich viel. Und sonst? Ich muss rechnen. Der Kasten kostet knapp 11€. Plus horrenden 3,30€ Pfand. Ich habe 15,50€ bar dabei. Und 1,80€ vom Pfandautomaten. Den Blick über das Regal mit den Tortillas schweifen lassend, habe ich gesehen, dass es tatsächlich wieder Heißen Met gibt. Winterzeit. Muss gekauft werden, allein aus nostalgischen Gründen. Damit bin ich jedenfalls bei 17,08€. Minus Pfand. Sind 15,28€. Kommt hin. Gerade so. Wie hieß das noch? Iudex non calculat? Es gilt eben nichts uneingeschränkt. Es kommt immer darauf an.

Pause.

Vorsatz und Fahrlässigkeit. Die andere Welt. Oder - nein, wir wissen doch: die gleiche Welt. Nur völlig, völlig anders betrachtet.

Also, wenn ich nun bei Rewe Getränkemarkt doch nicht genug Geld gehabt hätte? Und daraufhin beschlossen, den aufgeweckten gleichaltrigen Kassierer zu erschießen? Stattdessen aber versehentlich den grimmigen Sicherheitschef getroffen? Was ist das dann? Mord, weil aus niedersten Beweggründen? Totschlag? Oder doch versuchter Totschlag am einen und fahrlässige Tötung am anderen? Schließlich habe ich ja nicht in der Absicht gehandelt, den Sicherheitstyp zur Strecke zu bringen, und dieser Teil ist nur als Unfall passiert. Während der, für den ich das Motiv hatte, ja überlebt hat. (Mal ganz davon abgesehen, dass ich in der Praxis wohl beide hätte umlegen müssen, um durchzukommen, ohne den Heißen Met stornieren zu müssen).

Was ist also bedingter Vorsatz, was grobe Fahrlässigkeit? Die Grenze liegt wie immer in der heißgeliebten Grauzone. Wenn jemand den Getränkemarkt in die Luft jagt, nur um Versicherungsbetrug zu begehen, und dabei kommen Menschen um - Vorsatz oder Fahrlässigkeit, was deren Leben betrifft? Wie groß muss das Wissen um den Ausgang einer Tat sein - wie hoch die Wahrscheinlichkeit -, um ein nicht vorhandenes Wollen auszugleichen? Und wie hoch der Wunsch, wenn es dann doch durch absurde Umstände passiert? Schon in den SLGs der Vorwoche hatte das Thema für die lebhaftesten Diskussionen gesorgt, die dieses Format bislang hervorbrachte. Das setzte sich nahtlos fort.

Nahtlos fort setzte sich das Ganze dann auch in der entsprechenden Strafrechts-AG von Herrn Henseler. Der sich mittlerweile fakultativ "Sven" nennen und duzen lässt, so ist das. Inhaltlich ging es in seiner Stunde, wie das eben auch so ist, gleichermaßen um die Prüfung von Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Besonders interessant wird das Ganze nicht zuletzt beim Versuch. Angenommen, ich habe meine Waffe zuhause vergessen, und mir bleibt nichts anderes übrig, als den Heißen Met zurück ins Regal zu stellen. Mein Gift habe ich aber selbstverständlich dabei. Also öffne ich die Flasche, gebe ein paar Milligramm Rizin dazu, verschließe sie, Profi wie ich bin, völlig unkenntlich wieder und stelle sie an ihren angestammten Platz. Wer immer sie trinkt, wird dran glauben müssen. Wenn ich nun weiß, dass der arme quirlige Kassierer sich nach Feierabend - der ja bald ist -, immer eine Flasche aus dem Regal genehmigt, töte ich ihn dann hiermit vorsätzlich? Wenn es eine beliebige Flasche aus dem gesamten Laden ist? Wenn es definitiv eine Flasche Heißer Met ist? Und was, wenn doch wieder, was ich ja immer noch nicht wollte, obwohl er so grimmig schaut, der Sicherheitschef draufgeht?

Die Betrachtungen dieser Woche zeigten auch wieder etwas ganz anderes: Strafrecht muss mit ein wenig Humor genommen werden. Wir brauchen nämlich für alles unsere Beispiele. Und jenseits des unspektakulären Normalfalls wird es nun mal im Zweifel irgendwann abstrus. Oder zumindest - mehr oder minder freiwillig - komisch.

Mit vollumfänglichem Vorsatz komisch wurde es wie gewohnt am Mittwochabend. Nachdem sich am Vorabend noch der Filmclub und seine treuen Anhänger die zweiten achtzig Minuten von "Zeugen der Anklage" gegeben hatten, stand nun Englisch auf dem Programm. Was ja laut Mr. Mehren von nun an kein "Englisch" mehr sein soll, sondern faktisch Common Law, ganz nach dem Wortlaut des Stundenplans ausgelegt. Und so wurden auch gleich die ersten Unterschiede, Vor- und Nachteile des angloamerikanischen Rechtssystems im Vergleich mit dem unsrigen bekanntermaßen unterhaltsam beleuchtet. Und in Erinnerung blieb vor allem Mr. Mehrens Begrüßung. Ich übersetze mal ins Deutsche, damit Word mir nicht zu viel unterstreicht und ich auch nicht die Spracheinstellung ändern muss: "Meine Damen und Herren, normalerweise würde ich sie jetzt freundlich willkommen heißen, so wie jede Woche. Aber diesmal muss ich leider ernst beginnen. Am Samstag bin ich einer Gruppe von drei EBS-Studenten in der Innenstadt begegnet. Sie waren von der Law School. Es war niemand aus ihrer Gruppe." - In Englisch sind wir in vier Gruppen eingeteilt. - "Ich werde keine Namen nennen. Aber es war Samstagnachmittag um vier Uhr. Mitten in der Innenstadt. Und keiner von den drei EBS-Studenten war betrunken. Meine Damen und Herren, das kann nicht sein."

Und zwischenzeitlich hatte er einen wirklich dazu gebracht, Schlimmes zu ahnen.

Wäre ich also ein paar Stunden früher im Getränkemarkt gewesen - ich hätte anscheinend immer noch niemanden getroffen.

Der Donnerstag bot daraufhin wie immer die volle Breitseite Bürgerlicher Recht. Herr Binder eröffnete den Reigen um viertel vor zehn. Anfechtung von Willenserklärungen. Geheimer Vorbehalt, Scheinerklärung, Irrtum. Wenn ich nun davon ausgegangen bin, Heißer Met sei ein Badreiniger und kein Honigglühwein, kann ich den Kaufvertrag zwischen mir und Rewe Getränkemarkt anfechten? Was, wenn er fälschlicherweise als Badreiniger etikettiert gewesen wäre? Oder wenn der Kassierer und ich - er ist ja immerhin in meinem Alter, der gute Kollege - nur so getan hätten, als hätte ich den Heißen Met rechtskräftig erworben, damit ich ihm direkt im Anschluss dem Sicherheitschef verkaufen kann, der nichts Böses ahnt und sich einen schönen Feierabend damit machen will? Obwohl ich in Wahrheit gar nichts gekauft habe und wir den armen Mann nur über den Tisch ziehen wollten? Immerhin habe ich ja jetzt seine 2,99€ - und de facto für die Flasche nichts bezahlt. Der Kassierer und ich haben ein Scheingeschäft abgeschlossen. Das ist nichtig. Der Sicherheitschef kann das beanstanden. Oder mich einfach noch mal mit einem seiner geradezu professionell grimmigen Blicke bedenken. Dann werde ich ihm die 3€ wohl von allein zurückgeben.

Einen Hauch von Irritation versprühte dann nur noch der Donnerstagnachmittag. Auf einmal stand nicht Frau, sondern Herr Schmidt-Nentwig vor uns. Erläuterte, seine Frau habe einen Bandscheibenvorfall. Er, der er ja immerhin bei uns im Haus zwei weitere AGs ohnehin leitet, werde erst mal für sie einspringen. "Macht meine Frau das so ähnlich?", lautete seine Frage am Ende der vollgepackten neunzig Minuten, die auch noch auf hundertachtzig hätten ausgeweitet werden können. "Ja", war die einhellige Antwort. Na dann ist ja gut.

Wir sollten allerdings weiterhin die Protokolle seiner Frau schicken, betonte Herr Schmidt-Nentwig, nicht ihm. "Der Kopf ist ja noch dran." Richtige Einstellung.

Und so wurde es ganz langsam Wochenende. Zeitmanagement war mal wieder alles. Die lieben Freunde der Vorlesungsgruppe 2 mussten sogar an ihrem Samstag irgendwie sechs Stunden Uni einbringen.

Und das wo die Tage doch jetzt gefühlt noch kürzer geworden sind. Wo es noch früher finster wird. Und etwas früher hell, okay - aber wen interessiert das schon? Als Jurastudent bekommt man wenigstens das ja nicht allzu oft mit.

So oder so - Winterzeit. Noch ist es mild. Aber dieser Oktober ohne Atempause neigt sich dem Ende. November. Die nächste Staffel kommt bestimmt. Vermutlich mit genau jener altbekannten Aura lyrischer Dunkelheit und alles infrage stellender Romantik, die die langen Wochen zwischen dem Frühherbst mit seinem Neuerungswahn und Weihnachten mit seiner Verlässlichkeit nun mal bringen.

Am Montag der erste Vorbote. Infoveranstaltung zu den Prüfungsregularien.

Umso wertvoller die abseitigen Momente zwischendurch.

Samstagabend halb neun: Rewe Getränkemarkt. Eigentlich wollte ich noch Wasser kaufen. Keinen Kasten. Nur ein paar Flaschen. Doch die 15,50€ sind voll ausgereizt. Man kann nicht alles haben.

Immerhin verlasse ich den Laden ohne Mord und ohne Totschlag, ohne Stornierung und ohne Scheingeschäft. Ich bin einfach nur rechtmäßiger Eigentümer eines Kastens "Cola" und einer einsamen Flasche Heißer Met geworden.

Wobei… ich… für den Kasten… ja Pfand bezahlt habe. Und zwar nicht zu wenig. Ich habe ihn quasi für 3,30€ geliehen.

Also stimmt nicht mal das.

Doch ob Sie's glauben oder nicht - das ist mir egal in diesem Moment. Es ist egal.

Ich packe alles in den Kofferraum, steige ein, schalte die Nebelscheinwerfer an und fahre einfach nach Hause.

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