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Wochenrückblick: Selbst wenn früher alles besser war

"Sie denken nun vermutlich: Na gut, beim Rücktritt mag der Vertrag aufgehoben werden, und alles wird einfach, wie es vorher war", sagte Herr Professor Nietsch in einem beiläufigen Ton, der verdeutlichen sollte, dass, was nun folgen würde, das Selbstverständlichste von der Welt sei, und bewies mit dem, was tatsächlich folgte, einem Dogma, das den Menschen - nicht nur, aber wohl vor allem - in seinen jungen Jahren ähnlich prägen muss wie Weisheiten von der Grauheit des Lebens oder dem Grundsatz, dass es keinen Grundsatz ohne Ausnahme gebe, bewies damit, dass dieser beiläufige, selbstverständliche Ton nicht von ungefähr kam; "Aber dem ist nicht so. Es wird nämlich nie so, wie es vorher war."

Es ist so eine Aussage, zu der wahrscheinlich ein jeder von uns eine Menge zu erzählen hätte. Erfahrungen, Schlussfolgerungen, Regeln und vielleicht sogar - Ausnahmen. Ich versuche ja eigentlich jede Woche, mir eine solche Aussage zu suchen.

Und nun - nach all dem, was wir schon zu diesem Thema erlebt haben - will das Schuldrecht uns mit einer solchen Nachdrücklichkeit lehren, dass nichts je wieder so wird, wie es einmal gewesen ist. Hmm. Eine Partei tritt vom Vertrag zurück. Nehmen wir an, sie sei dazu berechtigt. Wir sind schließlich nicht einfach so berechtigt, von allem zurückzutreten, was wir so angezettelt haben. Das Rechtsgeschäft wird also vernichtet. Die ursprünglichen Ansprüche erlöschen. Die bereits erbrachten Leistungen sind zurückzugewähren. Aber ist das denn immer so simpel möglich? Kann schlicht zurückgewährt werden, was man einander zuvor gegeben hat? Und so getan, als sei nie etwas passiert?

Und als sei das noch nicht problematisch genug, sind auch noch die gezogenen Nutzungen herauszugeben. Das, was uns das Schuldverhältnis gebracht hat, sollen Zurücktretender und Rücktrittgegner sich gegenseitig zurückgeben. Jeder Gewinn soll an den gehen, der ihn gehabt hätte, wenn es nie zum Vertrag gekommen wäre. Keiner soll von dem profitieren, was passiert ist, wenn der Rücktritt erfolgt. Es soll eben geschehen, was nötig ist, damit es sich so anfühlt, als sei alles wie vorher.

Doch die Frage bleibt: Ist das möglich? Absatz 2 springt sofort in die Lücke, die sich ergibt, und ruft laut: Nein. Er regelt die Pflicht zum Wertersatz, falls "die Herausgabe nach der Natur des Erlangten ausgeschlossen ist". Falls "verbraucht, veräußert, belastet, verarbeitet oder umgestaltet" wurde. Falls also in irgendeiner Form Verschlechterung oder Untergang dessen eingetreten ist, was gegeben wurde und nun zurückzugewähren wäre. Nur was "die bestimmungsgemäße Ingebrauchnahme" verursacht haben soll, "bleibt außer Betracht". Na dann.

Bestimmungsgemäß begann jedenfalls auch die vergangene Woche. Im Grunde war sie dies komplett. Das Besondere lag in erster Linie darin, dass es nun tatsächlich dem Ende zugeht. Dem nächsten Ende. Und man es erstmals spürte. Es war so eine typische Folge vor dem Staffelfinale. In der alle Handlungsstränge drinsteckten. Alle wichtigen Charaktere. In der ausnahmsweise einmal mehr nach vorn als zurück geschaut wird. In der sich alles gemächlich zuspitzt und vorbereitet wird. In der die Gewohnheiten, die die Staffel hervorgebracht hat, noch einmal fast überzeichnet dargestellt werden, welche Demonstration das Bewusstsein schärft dafür, dass sie bald erst einmal wieder Geschichte sein werden. Auch wenn es nicht wieder so werden mag, wie es vor ihnen war.

"Willkommen zur achten AG-Stunde im Schuldrecht", eröffnete schon Caroline Fündling am Montagmorgen das Ganze in ihrer üblichen Weise. In dieser ersten Woche seit Anfang des Jahres, in der man mal wieder wusste, die wievielte des Trimesters es eigentlich ist, kam kurz Verwunderung auf. Die achte? Dann fiel einem wieder ein, dass die erste AG-Stunde für dieses Fach, das sich gegen Ende hin Mal für Mal zu größeren Lebensweisheiten aufzuschwingen scheint, ja in Woche zwei gewesen war. Und die letzte in der ersten Woche der Klausurenphase sein wird.

Genauso wie es noch zwei Übungen im Strafrecht geben wird nach dem regulärem Ende der Vorlesungszeit kommenden Freitag. Und die letzte Vorlesung Schuldrecht höchstselbst auf den 23. verschoben worden ist. Na klar - als "Plenumssitzung". Etwa in der heimlichen Erwartung, unmittelbar nach der "US Law"-Klausur werde die Motivation an einem Freitagmittag ohnehin nicht sehr groß sein? "Ich würde Ihnen wirklich empfehlen, auch an diesem Freitag zu erscheinen", sprach Herr Professor Nietsch auf alle Fälle. "Es wird noch einmal sehr wichtig werden. Und ich habe den Termin extra so gelegt, dass Sie alle kommen können." Das zumindest stimmt.

Im Strafrecht ging es in dieser Woche dafür ziemlich bunt weiter. Herr Professor Haft vergnügte sich und uns weiterhin mit den Beleidigungsdelikten, die zu seinen Lieblingstatbeständen im StGB zu gehören scheinen. In der AG bei Herrn Schmidt-Nentwig ging es dagegen um den Erpresserischen Menschenraub und die Geiselnahme, die im Rahmen der Straftaten gegen die Freiheit gefühlsmäßig vor drei Wochen in der gemütlichen Rosenmontagsvorlesung hätten drankommen sollen, das aber nicht taten. Und für die immerhin im Normalfall der gleiche Strafrahmen gilt wie für den klassischen Totschlag. Und da ihnen jeweils der Raub respektive die Erpressung innewohnen, mussten die gleich noch mit behandelt werden. Während sich die SLG-Aufgaben der Woche mit Verletzung des persönlichen Lebens- und Geheimbereichs befassten. Und Haft sich hier sowohl mit Namen der Beteiligten ("Bundespräsident Wolf von im Schafspelz") als auch mit den Sachverhalten so richtig ausgetobt hatte. Buntes Treiben im Strafrecht und seinen verschiedenen Modi also, einmal mehr.

In VWL machte sich dann erstmals bemerkbar, dass ja bald tatsächlich Klausuren anstehen sollen. Die wirklich überzeugende Klausurenstimmung/-panik hat bislang nämlich noch nicht aufkommen wollen.

Zum einen wird es nicht eine einzige juristische Prüfung geben am Ende dieses so "zentralen" zweiten Trimesters. Was verwunderlich klingt. Aber über den Allgemeinen Teil des so voller Weisheiten steckenden Schuldrechts allein lässt sich nun mal schlecht etwas schreiben. Der so unerlässliche Besondere im Sommer gehört nun mal dazu.

Zum anderen weiß man bei den de facto zu absolvierenden Klausuren der kommenden beiden Wochen entweder noch nicht so recht, womit man eigentlich zu rechnen hat, oder man weiß es genau, und es ist harmlos. Rechtsinformatik ist für die meisten wie ein 5:0, das höchstens noch ein 6:0 oder, wenn man unkonzentriert herangeht, ein 5:1 werden kann. Also reine Ergebniskosmetik, vielleicht noch gut für das ominöse Auslandsranking. Wer nämlich in der Methodenlehre vergangenen Dezember mindestens acht Punkte hatte, ist schon durch. Der Rest muss und sollte es irgendwie bewerkstelligen, mit beiden Klausuren zusammen auf ebendiese magischen acht zu kommen.

Und die anderen zwei Klausuren? Bei US Laws ist irgendwie noch einiges im Unklaren. Mehrens Horrorgeschichte von den vielzitierten 70%, die in Frankfurt bei diesem Test regelmäßig durchfallen, schwebt natürlich noch immer mit. Die Materie selbst wirkt machbar. Multiple Choice ist angekündigt worden. Und ein Essay. Zeit wird nicht ewig sein - zwei Stunden, nun gut.

VWL wurde jedenfalls am Mittwoch etwas klarer. Herr Professor Demougin warf ein paar Beispielfragen an die Leinwand. Und wer schon begonnen hatte mit dem empfohlenen Buch zu lernen, nickte wohl. Die anderen wussten ab da immerhin grob, was noch zu tun wäre.

Und noch bevor das Wochenende verdeutlichte, dass Woche und Ende so allmählich mehr und mehr ineinander übergehen, um schon mal auf die Ferien vorzubereiten - ganz anders im Vergleich zur gnadenlosen Schlussphase des ersten Trimesters - folgte, wie erwähnt, die bekannte Prise Schuldrecht zum Ausklang.

"Es wird nämlich nie so, wie es vorher war", meinte Herr Professor Nietsch da.

Ein leises Raunen ging durch die Menge.

Ganz ähnlich wie damals, als Herr Professor Binder das Leben grau genannt hatte. Immer wieder diese Aussagen, die sich auf 112 Jahre alte Paragraphen beziehen und auf Sachverhalte anzuwenden sind, in denen auf die abgefahrenste Art Ming-Vasen zerstört und Mohnbrötchen verkauft werden - und die sich gleichsam so nachdrücklich übertragen lassen. Das Leben von einer besonderen Seite eben.

Heißt die Schlussfolgerung daraus denn nun, dass wir doch lieber warten sollten? Bevor wir einen Vertrag schließen, nach dem nichts mehr so werden kann, wie es vorher war? Weil nichts je völlig nichtig und vergessen wird? Weil es immer einen Vertrauensschaden gibt?

Hat nun doch mancher Grundsatz einfach keine Ausnahme?

Und ist das vielleicht die Ausnahme?

Nun: Ohne Vertrauen durch die Welt zu gehen, ist noch nie der richtige Weg gewesen. Und sich Risiken völlig zu verschließen, funktioniert nicht. Womöglich stoßen wir ja eines Tages auf die entscheidende Ausnahme, bei der doch einmal alles wird, wie es vorher war.

Und wenn nicht, dann hat auch das so seinen Sinn. Jede Handlung hat ihre Folgen, und wenn sie da sind, sind sie da. Wie Jack im Serienfinale von Lost so eindringlich betonte: "Trust me, everything matters."

Denn: Wenn von allem immer schlichtweg zurückgetreten werden könnte, und alles würde so wie vorher - welchen Wert hätten unsere Entscheidungen schon noch?

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