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Wochenrückblick: Einen Moment, bitte

Gut, dass ich gewartet habe.

Würde ich mir das nur öfter denken. Es ist eines meiner größten Themen der letzten zwölf Monate. Warten oder nicht mehr warten. "Ein so großer Teil unseres Lebens ist also nur ein ständiges Warten, ein ständiges Hinarbeiten auf einen im Gesamten so kleinen Teil unserer Zeit." - März 2011, wann auch sonst. Oder auch: "Wie lang darf ein Mensch warten, wie lang kann er warten? Wie lang sollte er warten - und was kann er anderes tun? Manchmal habe ich den Eindruck: gar nichts. Manchmal habe ich den Eindruck: alles." - Juni desselben chaotischen Jahres, im letzten Rückblick meiner Schullaufbahn damals. Zu überstürzen, das scheint immer das Schlimmste zu sein. Aber was ist an zu spät schon besser als zu früh?

Diesmal ist es gut, dass ich eine Woche gewartet habe.

Es hat nicht an Karneval gelegen. Oder an Fasching oder Fastnacht, oder was immer davon für Sie dieses außerordentliche Ritual zwischen Winter und Ostern am treffendsten benennt. Es hatte vielleicht gar keine rationalen Gründe. Es war vielleicht nur dieses Gefühl, dass es sich lohnen würde zu warten. Um das Ganze mal wieder von einem anderen Blickwinkel aus zu sehen. Wobei sich immer die Frage stellt, ob der Blickwinkel wirklich jedes Mal ein größerer, ein höherer, ein weiserer und umfassenderer ist, ob er sich wirklich schrittweise einer wissenden Art Vogelperspektive annähert und immer mehr begriffen und überblickt wird - oder ob er, ganz im Gegenteil, immer tiefer in die Materie hineingeht und irgendwann alles aus der Mitte betrachtet, in all seiner Ungeordnetheit und Konfusion und vor allem in der Nähe, die es dann doch hat. Oder ob sie gar mehr und minder jedes Mal gleich weit weg ist, diese Position, von der aus man auf alles schaut, und nur von Zeit zu Zeit die Richtung eine andere ist. Worin läge denn der wahre Fortschritt? Eine Woche ist nicht lang.

Andererseits aber kann eine Woche natürlich immer entscheidend sein, immer. Wenn es um Klausuren geht, etwa. Nicht nur beim Schreiben, wo erfahrungsgemäß das richtige Lernen selten mehr als sieben Tage im Voraus in Angriff genommen wird. Auch bei der lieben Rückgabe.

Es hatte sofort große Aufruhe gegeben. Die zweite Strafrechtsklausur, für die meisten ein willkommener Verbesserungsversuch, für einige aber eben auch die zweite Chance zu bestehen, vier Wochen nach der ersten - in Ordnung. Ist ja nicht so, dass man nicht für beide ohnehin dasselbe lernen müsste. Die Ergebnisse der ersten aber erst am Tag vor oder gar am Tag der zweiten Klausur zu erfahren, kommenden Dienstagmorgen also - nicht so in Ordnung. Wir wollen ja wissen, woran wir sind. Worum es geht bei der zweiten Runde. Um ein, zwei Punkte, die in vier Jahren niemanden mehr kümmern, oder darum, wenn auch ein zweites Mal nicht bestanden würde, jetzt schon diesen einen ominösen "Joker" für die ersten sieben Trimester zu verspielen. Darum, das Ziel, das ja womöglich das berühmte "4 Gewinnt" übersteigt, schon erreicht zu haben und das ausnehmende Gefühl genießen zu können, eine Klausur ohne jeden Druck zu schreiben. Oder doch darum, noch etwas draufzupacken, um, was vor allem zu Anfang eines Studiums wie Jura für den Atem langfristig so wichtig sein kann, zufrieden zu sein.

Vor diesem Hintergrund wurde also umgehend auf den Korridoren zwischen den Vorlesungen und - wie sich das heute gehört, natürlich auch auf Facebook - agitiert, als es hieß, die Noten gebe es erst so kurz vor der zweiten Klausur zurück, dass man unmöglich sein Lernen auf sie einstellen könnte.

Und so wie ACTA erst einmal in die Untiefen einer "eingehenden Prüfung" abgeschoben wurde, so kam auch hier die Reaktion sofort. Rückgabe und Besprechung der Klausur am Dienstag vor der zweiten. Die Meldung machte vorletzten Freitag die Runde, ehe die Leute noch missmutig ins Karnevalwochenende gegangen wären. Realisiert sah sie sich am Dienstag darauf. (Man kommt ja durcheinander, wenn man mal auf zwei Wochen zurückschaut).

Andererseits zeigt sich da mal deutlich, wie alles ineinander übergreift. Was für eine Kontinuität in so einem Alltagsleben steckt. Alles, was passiert, spielt noch einmal eine Rolle, eines Tages. Was freilich nicht nur für Montag bis Freitag gilt, ganz und gar nicht.

Interessant ist bei den Strafrechtsklausuren allerdings noch, dass es auf einmal möglich ist, sie eine komplette Woche früher fertig korrigiert auszuhändigen. Sobald nur kollektiver Einspruch eingelegt wird. Es scheint ja nicht so schwer gewesen zu sein, im Endeffekt.

Bemerkenswert waren darüber hinaus absolut noch die beiden Schuldrecht-Sessions der Vorvorwoche. Nicht nur dass Herr Professor Nietsch es als schade empfand, am Donnerstag noch mit Krawatte vor uns stehen zu können ("In Hessen wird das nun mal leider nicht so hochgehalten"). Zudem deutete der § 827 BGB mit dem Titel "Ausschluss und Minderung der Verantwortlichkeit" mit seinen "geistigen Getränken" für viele eindrucksvoll aufs Wochenende voraus. Und Herr Professor Nietsch sprach - es ging um irgendeinen fieberhaften Streitstand - in einem dieser zivilrechttypischen Momente des Stirnrunzelns und/oder Augenbrauenhebens seitens der atemlosen Studenten, in deren verwunderte Gesichter er dabei sah, einen Satz, der mir danach noch eine Weile in den Ohren klang. "Ich kann Ihren Wunsch nach Orientierung verstehen", beteuerte er.

Was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben, nicht wahr?

Jura ist und bleibt nun mal das Leben. So ein Studium ist und bleibt das Leben. Klar - das Leben an sich ist noch viel mehr. Aber all seine wesentlichen Teile sind wie das Leben selbst.

So wie das BGB aus Allgemeinem und Besonderem Teil besteht und das Schuldrecht als Teil des Besonderen Teils noch einmal seinerseits einen Allgemeinen und einen Besonderen Teil hat. Die Frage ist immer nur, was für eine Woche es gewesen ist, die den Blickwinkel verschoben hat.

Auch die beiden SLG-Feedback-Veranstaltungen der Donnerstagabende erweiterten durchaus die Sicht auf die Dinge. Vor der Zäsur des närrischen Treibens war es Herr Schmidt-Nentwig, der wie immer subsidiär zu etwaigen Fragen, die auch fleißig gestellt wurden, anhand eines anschaulichen Beispiels einen Tatbestand seiner Wahl mit uns auskundschaftete. Diesmal war es die Schlägerei. Wobei seine Schilderung ihres Normalfalls - eine Szene auf der Erbenheimer Kerb, auf der plötzlich ein paar Nordenstadter Jungs auftauchen - so eine Art Schilderung ist, die einem beim nächsten Mal, da man es mit § 231 zu tun hat, wieder vor Augen stehen wird. Und die man dann hoffentlich verbinden kann mit all dem strafrechtlichen Inhalt, mit dem er sie ausschmückte.

Und auch sieben Tage später blieb eine Handvoll trotziger Studenten an einem ohnehin langen Donnerstag noch ein bisschen länger. (Und ja, ich wehre mich gegen das politisch korrekte Monster "Studierende", zumal sich ja mit Berufung auf Haft - Fußnote folgt - feststellen lässt, dass das grammatische Geschlecht nichts mit dem tatsächlich zu tun hat). Nach Fastnacht war es der gute alte Sven Henseler, der zunächst kurz auf die letzten SLG-Aufgaben einging. Nach ihnen ist die Veranstaltung ja immer noch benannt. Aber erneut wurde schnell deutlich, dass es anderes gab, was auf der Studentenseele brannte. Sven stellte ausführlich den Theorienstreit um die actio libera in causa dar, der daran erinnerte, wieso Herr Professor Kment sich bei jeder Gelegenheit darüber zu beschweren pflegt, dass im Strafrecht ja sowieso alles nur umstritten sei. Und danach wurden Fragen querbeet beantwortet, auch nach offiziellem Schluss der Veranstaltung noch, und rundum lohnte sich das Ganze mal wieder.

Ob denn heute der neue Wochenrückblick endlich online käme, fragte Sven mich noch beim Rausgehen, da waren die Lichter im Foyer längst ausgegangen.

Da musste ich beichten, dass die letzte Woche als erste hier an der EBS keinen eigenen Rückblick bekommen hatte. "Dafür gibt’s Anfang nächster Woche wieder einen, dann quasi für beide", stellte ich in Aussicht. - "Dann ist ja gut", meinte Sven nur und ging.

Im Bus nach Hause schliefen daraufhin die Leute um einen herum unaufhaltsam ein. Woher auch immer sie kamen und wohin sie wollten, nach acht. Den Kopf an die großen, von außen mit Werbung verzierten Fensterscheiben gelehnt. Oder sie waren sogar längst schon eingeschlafen. Es war nicht genau auszumachen. So oder so wurde klar, dass es spät geworden war und man selbst noch immer nicht zuhause. Gut nur, dass Donnerstag Donnerstag ist. Oder wie das Programm im Kulturpalast donnerstagabends immer heißt: Morgen ist Freitag.

Zwischendurch gab es ein spektakuläres Wochenende. In erster Linie geprägt von der Erkenntnis, dass es auch Mitte Februar irgendwann morgens hell wird. Bei einer ganz anderen Form des Spät-nach-Hause-Kommens. So ging dann der Wochenrückblick drauf.

Am Rosenmontag herrschte dann eine eigenwillige Stimmung am Campus. Der an diesem Tag eher wie eine überspezialisierte private Berufsschule wirkte. (Andere Parameter für die Größe einer Bildungsinstitution sind mir auf die Schnelle nicht eingefallen). In der Schuldrechts-AG, mit dem Blick auf die Busse, fanden sich immerhin fünf Leute ein. Als ich zwei Minuten vor regulärem Beginn als erster den völlig verwaisten Raum betrat, war ich froh, als direkt nach mir wenigstens Frau Fündling kam. Und dann eben doch noch ein paar tapfere Kollegen.

In der Vorlesung bei Herrn Professor Haft waren es dann schon ganze vierzehn Leute geworden. Knapp vorbei an den mythischen fünfzig, die man mal als theoretische Größe unserer Vorlesungsgruppe 1 gehört hat. Eine Quote, die dem zwischenzeitlich lautgewordenen Plan, am Rosenmontag aus Protest geschlossen nicht aufzutauchen, nun mal Rechnung trug. Der letztlich eben doch nicht verwirklicht wurde. Zum einen aufgrund der berechtigten Skepsis, dass die Veranstaltungen an diesem Tag dann schlichtweg bei Gelegenheit "wiederholt" würden. Und zum anderen weil bei solchen Aktionen sowieso immer trotzdem irgendjemand kommt.

Von Vor- und Nachwirkungen des Wochenendes zwischendrin einmal abgesehen, waren es aber zwei typische Wochen inmitten so eines Trimesters. Mit Noten, mit studentischer Auflehnung gegen die Organisation, mit leidenschaftlichen Diskussionen bei den Grundrechten. Die zweite Woche dabei deutlich vollgepackter, von einer stattlichen Rechtsinformatik-Session abgeschlossen, die zumindest zeitlich auf zwei Tage zusammendrängte, was sich, vorsichtig dosiert, über ein ganzes Spring Term hätte verteilen lassen. Aber alles Absicht. Schließlich ist es nicht bei allem sinnvoll, es über Wochen immer wieder aufzunehmen. Bei allem spaced learning, das Herr Professor Demougin zu Recht predigt.

Und nun - Herr Gleichmann will schon den "Endspurt" sehen. So ist das ja ohnehin immer: Es gibt kaum einen Mittelteil. Aller Anfang ist schwer und lang. Und ehe man sich versieht, ist schon wieder das Ende in Sicht. Der Blickwinkel, wie hoch er auch sein mag, befasst sich nie so ausführlich mit der Gegenwart, wie sie es verdient hätte.

Bleibt noch Zeit für Grüße. Nach Frankreich zum Beispiel. Oder an den Korrektor, der sich der eigenen zweiten Strafrechtsklausur widmen wird. Seien Sie einfach gut gelaunt, wenn Sie sich die Arbeit vornehmen. Ist sowieso ein guter Rat.

Diesmal ist es gut, dass ich eine Woche gewartet habe.

Denn mittlerweile, ja mittlerweile scheint es Frühling geworden zu sein. Andere Zeit, andere Welt - es ist sowieso wieder alles wandelbarer denn je. Am Samstag ließ sich zum ersten Mal seit Oktober mal wieder Tischtennis spielen. Eines dieser Anzeichen.

Es ist nun wirklich, endlich ein Spring Term.

Zeit für zweite Chancen einmal mehr, nicht nur am Dienstagmorgen. Es kann immer besser werden.

Das zugrunde gelegt, wäre alles Warten Zeitverschwendung.

Aber es stimmt nun mal nicht.

Was das Eis uns gelehrt hat, war schließlich eben genau, dass manchmal auch Geduld erforderlich ist. Mehr, als lieb wäre.

Doch - warten Sie …

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