Blog

EBS BLOG

Wochenrückblick: Live und in Farbe

Karten liegen bunt auf dem Boden verstreut. Man kennt das irgendwoher. Es sind diesmal Karten nur von 10 bis Ass. Denn es ist diesmal kein Busfahren, das gespielt würde. Für eine Runde Circle of Death, geläufig auch unter einem Dutzend anderer Namen und mit einem Dutzend völlig unterschiedlicher Regeln, sind zwei Decks zusammengesucht und reduziert worden, bis nur noch die fünf höchsten Karten jeder Farbe übriggeblieben sind. Und von jenen wird nun immer eine aufgedeckt, reihum. Wobei die jeweilige Regel, die für die just aufgedeckten Karte gilt, im Grunde jedes Mal neu erklärt werden muss, da die Leute sie inmitten all der Gespräche über ganz andere Dinge zwischendurch längst wieder vergessen haben.

Und all das während die Raucher am Fenster stehen, den Flur versperrend, so wie sie sonst im Hinterhof stehen, den Weg zur Bibliothek säumend, oder vorne neben der Drehtür am Eingang. Während ein paar in der Küche stehen, dem auf solchen Partys seit jeher vielleicht beliebtesten Treffpunkt, und blau mit orange mischen, was grün ergibt. Während das eine Zimmer, in dem der Abend begonnen hat, seltsamerweise verwaist ist. Nur noch beseelt von ein paar leeren Schüsseln, die einst mit Gummibärchen und Salzstangen gefüllt gewesen sind, und von einem großen gläsernen Gefäß, in dem noch eine Handvoll Stücke Obst in der verbliebenen Bowle schwimmt. Der Rest der Leute ist im geheimen Hinterzimmer oder im Bad. Und dann liegen da noch Karten auf dem Boden verstreut, und ständig vergessen sie die Regeln.

"Ich hab mir mal euren Stundenplan angeschaut", meinte Herr Gleichmann, nach wie unser aller Programme Director und niemand Geringeres, der an diesem Montagnachmittag erstmals seit der spektakulären Wahl der Studentensprecher wieder offiziell auftauchte, "und diese Woche ist wirklich die härteste in diesem Trimester. Wenn ihr die geschafft habt, habt ihr das Schlimmste hinter euch." Immerhin das.

Umgeben von wenig Schwarz und wenig Weiß und viel Grau.

Dreizehn Veranstaltungen. Statt zehn, wie sonst üblich. Und zwei davon dreistündige Marathonvorlesungen, die die Woche gnadenlos einrahmten. Von IT bis BWL, und zwischendurch gab es tatsächlich auch noch ein bisschen Jura. Die Mittagspausen wurden mit den Selbstlerngruppen verbracht. Die Abende mit alten Gerichtsfilmen. Und ansonsten wurde es kalt. Bitterkalt. Am Freitagmorgen sahen sich die Fensterscheiben der Autos mit Eis bedeckt. So vernahm man, vom Klingeln des Weckers um kurz vor sieben geweckt, während es draußen noch dunkel (!) war, ein Geräusch, das man, kurz verwirrt, erst mal zuordnen musste, so lang war es einem schon nicht mehr untergekommen. Die Leute mussten kratzen.

Atem wurde wieder sichtbar. Zum ersten Mal seit März, seit einer so völlig anderen Zeit als heute, wurden die Mäntel wieder ausgepackt. Letzte Nacht träumte ich, es würde schneien. Und als ich vorhin ans Fenster trat, durch das eine Prise des momentan omnipräsenten Sonnenscheins in mein kühles Zimmer fiel, wunderte ich mich, kurz verwirrt, wo der Schnee denn geblieben war.

Begonnen hatte die Woche noch im frühen Herbst. Lange bevor sie enden sollte mitten im Winter. Mitten in jener Zeit auf einmal, sechs aufreibende Tage später, da die Menschen vermeintlich näher zusammenrücken.

Begonnen hatte sie, wie immer, im Strafrecht. Traditionell geprägt von weitschweifigen Geschichten aus dem schillernden Leben des Herrn Professor Haft. Der einmal mehr, in Zusammenarbeit diesmal mit Frau Thürmer und der "Computerzeit", dafür sorgte, dass "Normfall" das (Un)Wort der Woche wurde. Den Titel für den gesamten Monat Oktober hat es mittlerweile mindestens genauso sicher.

Im Rahmen seiner Methodenlehre führte der Entwickler des Normfall-Managers Höchstselbst uns dann am Dienstag vor, wie eigentlich unser Gedächtnis funktioniert. Ultrakurzzeit, Kurzzeit, Langzeit, wie eine Information wohin gerät, wie wir filtern, und vor allem weshalb es sinnvoller ist, die berühmten "Fertigkeiten" zu lernen und keine BGH-Entscheidungen auswendig. Und natürlich wie einprägsam die Zahl drei ist. Dabei fiel mir eines deutlicher auf denn je – dass man es, zumindest was ebendiese Methodik-Vorlesung einmal die Woche betrifft, wirklich dem Business-School-Kollegen aus meinem Kurs im Casino nachmachen könnte, wenn man wollte. Auf die Frage hin, wie er es sich eigentlich leisten könne, andauernd unter der Woche den Spätkurs zu machen – von 22 Uhr bis 1 –, erwiderte der nur gelassen: "Ich geh morgen sowieso zu keiner Vorlesung. Ich lern einfach ab Ende November die Skripts auswendig. Davon hab ich mehr." Im Falle von Herr Haft könnte man sich zuhause hinsetzen und seine zwei Bücher durchblättern. Die wir am allerersten Tag in unseren Welcome Packages gefunden haben. Und man hätte all die Storys und Modelle schon mal gehört. So verschmitzt und besonnen vorgetragen bekommen, wie wenn man sich doch auf den Weg zum 1.Ring macht, hätte man sie freilich nicht.

Der Dienstag war daraufhin als Dienstag kaum wiederzuerkennen. Üblicherweise eine entspannte, rettende 11.30-Uhr-bis-13.00-Uhr-und-dann-Schluss-Ruheinsel, mutierte er in dieser "härtesten Woche des Trimesters" zu einem 11.30-Uhr-bis-18.15-Uhr-Ungetüm. Unter anderem dank der besagten "Computerzeit" bei Frau Thürmer, bekannt noch aus der mittlerweile längst legendären Einführungswoche. Ein Programmpunkt, dessen landläufiger Name Mr. Mehren bei jeder Erwähnung in seine Kindergartenzeit zurückwarf: "Gerade war Schlafenszeit. Jetzt ist Essenszeit. Dann haben wir Computerzeit."

Dem nicht genug, hatten wir am Mittwoch zu einer gänzlich ungewohnten Zeit auf der Matte zu stehen. Den AG’s lässt sich schließlich nicht mit dem Business-School-Prinzip beikommen. So kurzweilig und in seiner im positiven Sinne sokratischen Form an den guten alten Unterricht in der Schule erinnernd sie nämlich sind, so wichtig sind sie auch. Fallbearbeitungen zu den Themen der letzten Vorlesung. Das ist es schließlich, woraus unser Klausurenleben in den nächsten Jahren bestehen wird. Und ach ja, nebenbei wird in den AG’s auch die Anwesenheit festgestellt.

Dass wir diesmal um Punkt 9 antanzen mussten anstatt um 9.45 Uhr wie gewohnt, war trotzdem seltsam. Und keiner verstand letztlich so recht, wieso. Am besten machte man es wie Max. Der kam einfach um 9.45 Uhr. Und wirkte, als er hereinkam, fast so, als betrachte er sich als pünktlich und wundere sich, warum wir denn schon angefangen hätten.

Herr Henseler hatte sich so oder so mal wieder einen bemerkenswert kreativen Fall ausgedacht. Wobei "ausgedacht" so gar nicht stimmte. Kreativ war er zwar. "Doch die absurdesten Fällen sind aus dem wahren Leben."

Zunächst war mit "Dietmar-Otto Corn" nach bekanntem Prinzip ein weiterer Charakter eingeführt worden, der natürlich von seinen Freunden nur "Doc" genannt wird (so wie Tim-Victor Schaufenster nun mal TV-Show genannt wird). Und dann das: "Doc hat einen genialen Plan ausgearbeitet, wie er reich werden kann. Dazu steht ihm aber John Doe im Weg. Um diesen loszuwerden, nimmt er Einfluss auf Kevin. Diesem spielt er vor, dass die gesamten Einwohner von Wiesbaden vom Katzenkönig bedroht und an Halloween getötet werden. Zunächst ist dies Kevin egal, da er nicht in Wiesbaden wohnt. Nach und nach kann Doc ihn jedoch von der Gefährlichkeit des Katzenkönigs überzeugen, da es sich bei diesem um den Herrscher des Planeten Mars handelt und er deswegen über große Macht verfügt. Kevin willigt schließlich ein, John Doe zu töten, da hierdurch der Katzenkönig besänftigt werden kann.

Strafbarkeit von Kevin?"

Nach einem wahren Fall im Deutschland des Jahres 1986.

Ähnlich unterhaltsam wurde es dann auch in der Komplementär-AG-Stunde bei Frau Schmidt-Nentwig am Donnerstag. Im Bürgerlichen Recht war es in dieser Woche um Abgabe und Zugang von Willenserklärungen gegangen. Wenn ich jemandem um 21 Uhr ein Fax in sein Büro schicke, in dem ich mitteile, dass ich etwas von ihm kaufen will, ihm aber um 23.30 Uhr eine E-Mail schreibe, in der ich es mir schon wieder anders überlegt habe, bin ich dann zum Kauf verpflichtet oder nicht? Er ist schließlich längst zuhause. Und liest doch die E-Mail zuerst. Und wundert sich, was genau ich denn da widerrufe. Obwohl ich mich doch zwischenzeitlich rechtskräftig zum Kauf verpflichtet hatte.

Alles mal wieder grau, nicht wahr?

Bürgerliches Recht ist und bleibt jedenfalls eine faszinierend präzise und mitunter überraschende Betrachtung dessen, was wir gutgläubig unseren Alltag nennen.

Und es mag hart gewesen sein, zum Abschluss dieser endlosen Woche, am Freitag, auch noch früh aufstehen zu müssen. Die Leute Eis kratzen zu hören, im Dunkeln. Und sich zu den drei Stunden BWL zu schleppen – zu den drei Stunden Rechnungswesen, wenn man ehrlich ist, die es noch zu verfolgen galt. Es mag hart gewesen sein. Aber danach war es hinter uns. "Das Schlimmste."

Jetzt ist Halbzeit.

Und in der kurzen Halbzeitpause wurden fleißig Karten auf dem Boden verteilt. Da es ist auch erlaubt, mal die Regeln zu vergessen. Wir müssen uns ja sonst schon so viel merken, unablässig.

Aber eines zeigte sich, spätestens am Wochenende, spätestens zwischen der Bowle und den Rauchern und der Küche. Wobei es sich immer wieder zeigt, schon länger. Doch spätestens da. Und nicht nur in der Art und Weise, wie die Karten verstreut herumlagen.

Das Leben ist selten schwarz/weiß, Herr Binder. Da haben Sie Recht. Das gilt es festzuhalten. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Aber etwas anderes ist entscheidend. Etwas anderes müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir es gerade nicht merken. Wenn es uns gerade nicht vorgeführt wird, samstagabends, oder wann auch immer.

Kalt, eiskalt. Voller harter, langer Tage. Und grau. Das Leben ist oft genug grau.

Aber etwas anderes ist Entscheidend. Wenn schon nicht schwarz oder weiß.

So kann es doch bunt sein.

  •  
  • 0 Comment(s)
  •  

Your comment

Notify me when someone adds another comment to this post

back

« October 2011»
S M T W T F S
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31          

Blog rolls

Archive

  • [-]2014(1)
    • [-]January(1)
  • [-]2013(5)
    • [-]December(1)
    • [-]November(1)
    • [-]October(3)
  • [-]2012(14)
    • [-]October(2)
    • [-]March(2)
    • [-]February(8)
    • [-]January(2)
  • [-]2011(47)
  • [-]2010(97)

Copy and paste this link into your RSS news reader

RSS 0.91Posts
RSS 2.0Posts

Social Bookmarking

This is hot

Career Forum
10554 times viewed
22.09.2010 23:03
In Focus: Barcelona
8119 times viewed
27.04.2010 15:00
Learning German as a Foreign Language
7978 times viewed
02.06.2010 10:00
Life in Germany vs. Life in South Africa
7501 times viewed
31.03.2010 15:00

Blogger

Marvin
Law School Student

Chris
Master Student USA / Germany

Felix
Master Student / YGL curriculum

Nina
Bachelor Student

Trevor
Master Student South Africa

Vikram
MBA Student India / YGL curriculum