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Wochenrückblick: Ein Ratschlag, der sich selbst zerstört

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben. Über das meiste davon habe ich in den letzten Jahren schon einmal in irgendeiner Form geschrieben. Oft in Wochenrückblicken, als deren allgemeingültig philosophischer Rahmen. Zuletzt häufig als Frage zu Beginn – und als Versuch einer Antwort zum Abschluss. Bisweilen auch in sonstigen Berichten, in Erzählungen, in auf ewig unvollendeten Romanen und dem einen oder anderen einer ungreifbaren Stimmung entsprungenen Gedicht. Wie man eben seine Gedanken so verarbeitet, wenn man gern schreibt.

Es gibt also vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Heute: Orientierung.

Noch schlaftrunken, gerade so den Weg zur Bushaltestelle findend, lief ich wie jeden Montagmorgen auch diesen wieder zur 37. Wobei es diesmal weitaus schlimmer war als sonst zu Wochenanfang. Nichts mit 11.30 Uhr. Es stand mal wieder eine Probeklausur an. Nach dem hundertachtzigminütigen BGB-Ungetüm der Vorwoche war nun die Methodenlehre bei Herrn Professor Haft dran. In der Hälfte der Zeit. Was selbstverständlich nicht bedeutete, dass es auch die Hälfte des Stoffes gewesen wäre.

Wir bekamen tatsächlich, schlicht und ergreifend, einen Sachverhalt. In dem wir uns freilich erst mal richtig orientieren mussten. Bewusst schreiben wir ja noch keine wirkliche Strafrechtsklausur in diesem Trimester. Aber die Probeklausur für die Methodenlehre kann natürlich trotzdem eine sein. (Denn nichts anderes als strafrechtlich zu prüfende Handlungen setzte Herr Professor Haft uns hier vor). Was ironisch klingt, ist es ausnahmsweise nicht: Wert gelegt wurde in erster Linie auf die Strukturskizze, die wir zum Fall zeichnen sollten. Möglichst nach den Vorgaben aus Hafts "Juristischer Lernschule". Die wozu dienen sollen? Klar, zunächst mal zur besseren Orientierung im Sachverhalt.

Immerhin lautet eines der zahllosen immer wiederkehrenden Dogmen, die wir seit Ende September in der berühmten einen Tour unablässig hören, dass man im Strafrecht stets mit einem Mengenproblem zu kämpfen hat. Demnach ist Strukturierung alles. Sachverhaltsebene, Personenebene, Paragraphenebene, Normalfallebene, Problemebene. Was ist passiert? In welche Komplexe lässt sich das unterteilen, was passiert ist? Kaum einen Satz predigt Herr Professor Haft so häufig wie den, dass nichts so wichtig ist wie eine gute Gliederung. Wer ist beteiligt? Aber auch: Wer ist zu prüfen? Am Montag begann ich irgendwann, mir eine Nebenfigur des Sachverhalts genauer anzuschauen, die sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben könnte. Bis mir auffiel, dass von ihr gar nichts in der Aufgabe stand. Und so fort. Welche Straftatbestände kommen infrage? Mord, Totschlag, Körperverletzung? Die nie zu vernachlässigende Sachbeschädigung des Hemdes, durch das der Dolch in das Opfer eindringt? Oder doch § 80, die Vorbereitung eines Angriffskrieges?

Und alles hat es den gleichen Zweck – sich zurechtzufinden. Und das nur in einem vergleichsweise winzigen und obendrein fiktionalen Ausschnitt unseres Lebens. Der Sachverhalt an diesem Montagmorgen besteht aus einer knappen Seite in Courier New, relativ groß.

Wie soll das denn erst in der Realität funktionieren, dieses Sichzurechtfinden, fragt man sich.

Im Anschluss an die Probeklausur, deren Ergebnis es fast noch gespannter zu erwarten gilt als das jener bei Herrn Professor Binder, wurde etwas deutlich, das sich spätestens am Mittwoch zum Thema der Woche ausweiten sollte. Die meisten blieben gleich da. Hatten die Klausur hinter sich, holten kurz Luft und blieben gleich da für die anschließende, de facto zum völlig regulären Zeitpunkt stattfindende (!) Strafrechtsvorlesung. Und das obwohl ungefähr die Hälfte von ihnen theoretisch zur anderen Gruppe gehörte.

Das hatte nichts mit fehlender Orientierung zu tun.

Es gibt seit Anbeginn des Trimesters zwei Vorlesungsgruppen. À planmäßig gut 40 Studierenden. An sich sollen sie dem Alphabet nach zugeordnet sein, und irgendwo bei K oder L oder M befände sich der Schnitt.

Was das in der Praxis heißt, erfuhr ich damals direkt in der allerersten Vorlesung, an einem Montagmorgen vor gefühlt sehr, sehr langer Zeit. Ganz altmodisch hatte ich mir meinen Stundenplan ausgedruckt. Dreimal draufgeschaut, mich noch mal versichert und war dann um 11.30 Uhr zum Strafrecht aufgetaucht. Um, als ich ankam, auf einmal inmitten von Leuten zu sitzen, die ich noch nie gesehen hatte.

Während der Einführungswoche nämlich hatte man, ob der Aufteilung in streng (!) alphabetische Gruppen für die meisten Veranstaltungen, nur bestimmte Kommilitoninnen und Kommilitonen kennen gelernt. Ich nun mal die mit S und T und U und V und Z und drumherum. Und plötzlich blickte ich an jenem Montag auf mich umgebende Namensschilder mit A und B und F und G und ging schon fest davon aus, mich irgendwie vertan zu haben. Orientierung sei alles.

Daraufhin war eine Weile Ruhe. Ich fand noch am selben Morgen heraus, dass ich wohl aufgrund dessen, dass ich meinen Vertrag als mit Abstand letzter abgegeben hatte, zufällig – oder via Schicksal, das wird nie klar – in jene Vorlesungsgruppe geraten bin, die zu diesem Zeitpunkt kleiner gewesen ist. Was nun mal Nummer 1 war, entgegen meines Nachnamens. Wieso ein Christopher Park oder ein Max Wegmann ebenfalls in meiner Gruppe sind, weiß allerdings kein Mensch. Erst recht nicht, wie es sein kann, dass unsere AG – die ja auf der Vorlesungsgruppe basiert – offiziell "von K bis W" heißt. Und das wo wir doch hypothetisch nur die erste Hälfte des Alphabets sein sollen. Nun ja.

Dieses Chaos ist allerdings nicht für das verantwortlich zu machen, was diese Woche als neustes Unwort auftauchte. Und sich somit in die schon nach einem knappen Trimester beachtliche Ahnenreihe von Begriffen wie dem Normalfall, dem Schweinsgalopp oder dem Erlaubnistatbestandsirrtum stellte. Es wurde von einem Brief – Verzeihung: einer E-Mail! – der Studienleitung geprägt, die Mr. Mehren am Mittwochabend in unnachahmlicher Manier zu unserer Kenntnis vorlas. Es lautet Stundenplanoptimierung.

"Wie Sie wissen [und wir wissen, dass Sie wissen], sind Sie bei jeder Veranstaltung einer bestimmten Gruppe zugeordnet", heißt es in der sofort heiß diskutierten E-Mail. "Diese Zuordnung dient dazu, in jeder Veranstaltung auch in Bezug auf die Gruppengröße Ihre Studienbedingungen optimal zu gestalten. (…) In den letzten Wochen mussten wir jedoch feststellen, dass es verstärkt zu [Achtung!] 'Stundenplanoptimierungen' ohne Absprache mit dem Servicepoint oder der Studiengangsleitung gekommen ist." Angedroht wurden angesichts dessen "stichprobenartige" Kontrollen in den Vorlesungen, wer sich denn da so befinde, der gar nicht auf dem richtigen Zettel steht. Umgesetzt wurde das gleich am nächsten Tag.

Abgesehen von der E-Mail setzte sich in Englisch, das uns, erstmals wirklich pünktlich, glaube ich, mal wieder gefühlt schon in die tiefste Nacht entließ, der Trend fort, dass es dort juristischer wird. Der Unterschied zwischen deutscher und anglo-amerikanischer Schadensersatzformen, Gemeinsamkeiten in Formfragen und vieles Grundlegendes mehr. Es fühlte sich an wie eine Einführungsveranstaltung in den Allgemeinen Teil des Book of Case Law. Ze Gesetzgeber hat gesprochen.

Inmitten stichprobenartiger Anwesenheitskontrollen lief dann der Donnerstag ab. Herr Professor Binder gewährte uns einen ersten Einblick in das Stellvertretungsrecht. Das, wie bislang die meisten Themen im Bürgerlichen Recht, voll seiner Einstellung entsprach: "Die Stellvertretung ist umfassend und recht komplex." Dann der Catchphrase: "Aber Sie haben sich dieses Studium ja alle ausgesucht, weil Sie denken wollen. Hier können Sie denken."

Und damit bin ich im Grunde perfekt an jenem Punkt angelangt, der fast immer dazugehört, wenn es um ein generelles Thema geht: der Szene respektive dem Auslöser, der mich dazu gebracht hat.

Öffentliches Recht gab es noch, mit seinen Rechtsstaats- und Sozialstaatsprinzipien, und eine weitere schöne Ausgabe der Strafrechts-AG beim guten Sven, dann war Schluss. Der Freitag bekam die Gelegenheit, seinem Namen gerecht zu werden. BWL wurde ja schließlich viermal verschoben.

Als Ausgleich steht eine Sechstagewoche bevor, mit dem vollen Programm Rechnungswesen und Co. Freitag und Samstag. Wobei Till und ich für Samstag bereits die Vorlesungsgruppen getauscht haben. Und das angemeldet, beim sagenumwobenen Servicepoint, der mittlerweile sogar zusammen geschrieben wird. Artige Studenten.

Jedenfalls – woran orientieren wir uns denn? In der AG zum Strafrecht hieß der Schauplatz neben dem aktuellen Fall, welch ersterer eben auch regelmäßig den Reiz der lebendigen Veranstaltung ausmacht, autoritäres Denken. Eines der längsten Kapitel in Hafts "Juristischer Lernschule" ziert genau diese Überschrift. Autoritäres Denken. Jura-Studenten lernen seit jeher, indem sie sich auf Autoritäten berufen. Auf herrschende Meinungen, abweichende, aber vertretbare Ansichten und historische Rechtsprechungen. Aber da "der Mensch kein Datenspeicher ist" und diese Art zu lernen keinen selbstständigen Juristen ausbildet, kritisiert Haft sie in seiner gewohnt nachdrücklichen Weise. Getreu Kant, getreu dem Ideal des in der Schule schon jahrelang gepredigten sapere aude. Sich an die zu halten, die sich Experten nennen, ohne zu hinterfragen, ist immerhin nicht nur dumm. Es ist auch gefährlich.

Konfuzius hat in diesem Zusammenhang dem Menschen dreierlei Wege zu gesprochen, "klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste." Ein typisches Zitat, das viele tief seufzend unterschreiben werden.

Am Donnerstagnachmittag in der AG stellte sich anhand des neuen Falles wie üblich zunächst die Frage, wie wir ihn vom Bauchgefühl her beurteilen würden. David meldete sich, wie man das kennt. Und gab seine Auffassung zum Besten. "Damit bist du mehr oder weniger komplett im Einklang mit der herrschenden Meinung", sagte Sven, der Leiter, am Ende der Rede. "Wenn du das immer bist, werden deine Klausuren immer auf einem respektablen Niveau sein. So kann eigentlich nichts schiefgehen. Doch die richtig guten, die herausragenden Klausuren sind die, die etwas Neues bringen."

In der Folge entbrannte, wie man es in unserer AG ebenfalls kennt, eine kleine Diskussion um autoritäres und selbstständiges Denken. Es fielen ein paar aufs große Ganze übertragbare Aussagen. Eine davon veranlasste David, mich zu inspirieren. "Marvin", sagte er, und ich drehte mich zu ihm um, "das musst du dieses Mal zum Thema im Wochenrückblick machen."

Blinde Orientierung gemäß einer Hierarchie erscheint also Unsinn. Vorbilder schön und gut. Selbstredend herrschen die ominösen herrschenden Meinungen oft nicht umsonst. Doch ohne weiteres hingenommen werden und auswendig gelernt sollten sie dennoch nicht. Auch wenn das wie der einfachste Weg wirken mag. Gehorsam ohne eigenes Denken wird missbraucht und führt zu noch mehr Gehorsam und noch weniger eigenem Denken. Kant wusste, dass der Verstand etwas ist, das ständig trainiert werden will.

Es gibt vieles, was wir alle brauchen, aber nur wenige von uns haben.

Aber was ist die Alternative? Das Paradoxe ist, dass die einem leider niemand liefern kann. Selbst wenn sie jemand hätte – akzeptierten und übernähmen wir sie, würden wir nur wieder jemand anderem folgen. Und die Antwort, die Alternative, wie immer sie aussehen möge, wäre ad absurdum geführt. Deshalb hilft nur der unpräzise oberste Befehl, selbst zu denken. Wir erinnern uns an die SLG-Aufgabe der ersten Woche, die sich um den Mann drehte, der ein völlig neues StGB veröffentlichen wollte mit seinen eigenen Gesetzen – verbunden mit der Frage, ob das zulässig sei. Natürlich, lautete damals die Lösung. Nur so entstehe wissenschaftlicher Fortschritt.

Und was für die Wissenschaft gilt, gilt nicht selten auch im übrigen Leben.

Hören Sie auf mich.

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