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Wochenrückblick: Live und in Farbe

Karten liegen bunt auf dem Boden verstreut. Man kennt das irgendwoher. Es sind diesmal Karten nur von 10 bis Ass. Denn es ist diesmal kein Busfahren, das gespielt würde. Für eine Runde Circle of Death, geläufig auch unter einem Dutzend anderer Namen und mit einem Dutzend völlig unterschiedlicher Regeln, sind zwei Decks zusammengesucht und reduziert worden, bis nur noch die fünf höchsten Karten jeder Farbe übriggeblieben sind. Und von jenen wird nun immer eine aufgedeckt, reihum. Wobei die jeweilige Regel, die für die just aufgedeckten Karte gilt, im Grunde jedes Mal neu erklärt werden muss, da die Leute sie inmitten all der Gespräche über ganz andere Dinge zwischendurch längst wieder vergessen haben.

Und all das während die Raucher am Fenster stehen, den Flur versperrend, so wie sie sonst im Hinterhof stehen, den Weg zur Bibliothek säumend, oder vorne neben der Drehtür am Eingang. Während ein paar in der Küche stehen, dem auf solchen Partys seit jeher vielleicht beliebtesten Treffpunkt, und blau mit orange mischen, was grün ergibt. Während das eine Zimmer, in dem der Abend begonnen hat, seltsamerweise verwaist ist. Nur noch beseelt von ein paar leeren Schüsseln, die einst mit Gummibärchen und Salzstangen gefüllt gewesen sind, und von einem großen gläsernen Gefäß, in dem noch eine Handvoll Stücke Obst in der verbliebenen Bowle schwimmt. Der Rest der Leute ist im geheimen Hinterzimmer oder im Bad. Und dann liegen da noch Karten auf dem Boden verstreut, und ständig vergessen sie die Regeln.

"Ich hab mir mal euren Stundenplan angeschaut", meinte Herr Gleichmann, nach wie unser aller Programme Director und niemand Geringeres, der an diesem Montagnachmittag erstmals seit der spektakulären Wahl der Studentensprecher wieder offiziell auftauchte, "und diese Woche ist wirklich die härteste in diesem Trimester. Wenn ihr die geschafft habt, habt ihr das Schlimmste hinter euch." Immerhin das.

Umgeben von wenig Schwarz und wenig Weiß und viel Grau.

Dreizehn Veranstaltungen. Statt zehn, wie sonst üblich. Und zwei davon dreistündige Marathonvorlesungen, die die Woche gnadenlos einrahmten. Von IT bis BWL, und zwischendurch gab es tatsächlich auch noch ein bisschen Jura. Die Mittagspausen wurden mit den Selbstlerngruppen verbracht. Die Abende mit alten Gerichtsfilmen. Und ansonsten wurde es kalt. Bitterkalt. Am Freitagmorgen sahen sich die Fensterscheiben der Autos mit Eis bedeckt. So vernahm man, vom Klingeln des Weckers um kurz vor sieben geweckt, während es draußen noch dunkel (!) war, ein Geräusch, das man, kurz verwirrt, erst mal zuordnen musste, so lang war es einem schon nicht mehr untergekommen. Die Leute mussten kratzen.

Atem wurde wieder sichtbar. Zum ersten Mal seit März, seit einer so völlig anderen Zeit als heute, wurden die Mäntel wieder ausgepackt. Letzte Nacht träumte ich, es würde schneien. Und als ich vorhin ans Fenster trat, durch das eine Prise des momentan omnipräsenten Sonnenscheins in mein kühles Zimmer fiel, wunderte ich mich, kurz verwirrt, wo der Schnee denn geblieben war.

Begonnen hatte die Woche noch im frühen Herbst. Lange bevor sie enden sollte mitten im Winter. Mitten in jener Zeit auf einmal, sechs aufreibende Tage später, da die Menschen vermeintlich näher zusammenrücken.

Begonnen hatte sie, wie immer, im Strafrecht. Traditionell geprägt von weitschweifigen Geschichten aus dem schillernden Leben des Herrn Professor Haft. Der einmal mehr, in Zusammenarbeit diesmal mit Frau Thürmer und der "Computerzeit", dafür sorgte, dass "Normfall" das (Un)Wort der Woche wurde. Den Titel für den gesamten Monat Oktober hat es mittlerweile mindestens genauso sicher.

Im Rahmen seiner Methodenlehre führte der Entwickler des Normfall-Managers Höchstselbst uns dann am Dienstag vor, wie eigentlich unser Gedächtnis funktioniert. Ultrakurzzeit, Kurzzeit, Langzeit, wie eine Information wohin gerät, wie wir filtern, und vor allem weshalb es sinnvoller ist, die berühmten "Fertigkeiten" zu lernen und keine BGH-Entscheidungen auswendig. Und natürlich wie einprägsam die Zahl drei ist. Dabei fiel mir eines deutlicher auf denn je – dass man es, zumindest was ebendiese Methodik-Vorlesung einmal die Woche betrifft, wirklich dem Business-School-Kollegen aus meinem Kurs im Casino nachmachen könnte, wenn man wollte. Auf die Frage hin, wie er es sich eigentlich leisten könne, andauernd unter der Woche den Spätkurs zu machen – von 22 Uhr bis 1 –, erwiderte der nur gelassen: "Ich geh morgen sowieso zu keiner Vorlesung. Ich lern einfach ab Ende November die Skripts auswendig. Davon hab ich mehr." Im Falle von Herr Haft könnte man sich zuhause hinsetzen und seine zwei Bücher durchblättern. Die wir am allerersten Tag in unseren Welcome Packages gefunden haben. Und man hätte all die Storys und Modelle schon mal gehört. So verschmitzt und besonnen vorgetragen bekommen, wie wenn man sich doch auf den Weg zum 1.Ring macht, hätte man sie freilich nicht.

Der Dienstag war daraufhin als Dienstag kaum wiederzuerkennen. Üblicherweise eine entspannte, rettende 11.30-Uhr-bis-13.00-Uhr-und-dann-Schluss-Ruheinsel, mutierte er in dieser "härtesten Woche des Trimesters" zu einem 11.30-Uhr-bis-18.15-Uhr-Ungetüm. Unter anderem dank der besagten "Computerzeit" bei Frau Thürmer, bekannt noch aus der mittlerweile längst legendären Einführungswoche. Ein Programmpunkt, dessen landläufiger Name Mr. Mehren bei jeder Erwähnung in seine Kindergartenzeit zurückwarf: "Gerade war Schlafenszeit. Jetzt ist Essenszeit. Dann haben wir Computerzeit."

Dem nicht genug, hatten wir am Mittwoch zu einer gänzlich ungewohnten Zeit auf der Matte zu stehen. Den AG’s lässt sich schließlich nicht mit dem Business-School-Prinzip beikommen. So kurzweilig und in seiner im positiven Sinne sokratischen Form an den guten alten Unterricht in der Schule erinnernd sie nämlich sind, so wichtig sind sie auch. Fallbearbeitungen zu den Themen der letzten Vorlesung. Das ist es schließlich, woraus unser Klausurenleben in den nächsten Jahren bestehen wird. Und ach ja, nebenbei wird in den AG’s auch die Anwesenheit festgestellt.

Dass wir diesmal um Punkt 9 antanzen mussten anstatt um 9.45 Uhr wie gewohnt, war trotzdem seltsam. Und keiner verstand letztlich so recht, wieso. Am besten machte man es wie Max. Der kam einfach um 9.45 Uhr. Und wirkte, als er hereinkam, fast so, als betrachte er sich als pünktlich und wundere sich, warum wir denn schon angefangen hätten.

Herr Henseler hatte sich so oder so mal wieder einen bemerkenswert kreativen Fall ausgedacht. Wobei "ausgedacht" so gar nicht stimmte. Kreativ war er zwar. "Doch die absurdesten Fällen sind aus dem wahren Leben."

Zunächst war mit "Dietmar-Otto Corn" nach bekanntem Prinzip ein weiterer Charakter eingeführt worden, der natürlich von seinen Freunden nur "Doc" genannt wird (so wie Tim-Victor Schaufenster nun mal TV-Show genannt wird). Und dann das: "Doc hat einen genialen Plan ausgearbeitet, wie er reich werden kann. Dazu steht ihm aber John Doe im Weg. Um diesen loszuwerden, nimmt er Einfluss auf Kevin. Diesem spielt er vor, dass die gesamten Einwohner von Wiesbaden vom Katzenkönig bedroht und an Halloween getötet werden. Zunächst ist dies Kevin egal, da er nicht in Wiesbaden wohnt. Nach und nach kann Doc ihn jedoch von der Gefährlichkeit des Katzenkönigs überzeugen, da es sich bei diesem um den Herrscher des Planeten Mars handelt und er deswegen über große Macht verfügt. Kevin willigt schließlich ein, John Doe zu töten, da hierdurch der Katzenkönig besänftigt werden kann.

Strafbarkeit von Kevin?"

Nach einem wahren Fall im Deutschland des Jahres 1986.

Ähnlich unterhaltsam wurde es dann auch in der Komplementär-AG-Stunde bei Frau Schmidt-Nentwig am Donnerstag. Im Bürgerlichen Recht war es in dieser Woche um Abgabe und Zugang von Willenserklärungen gegangen. Wenn ich jemandem um 21 Uhr ein Fax in sein Büro schicke, in dem ich mitteile, dass ich etwas von ihm kaufen will, ihm aber um 23.30 Uhr eine E-Mail schreibe, in der ich es mir schon wieder anders überlegt habe, bin ich dann zum Kauf verpflichtet oder nicht? Er ist schließlich längst zuhause. Und liest doch die E-Mail zuerst. Und wundert sich, was genau ich denn da widerrufe. Obwohl ich mich doch zwischenzeitlich rechtskräftig zum Kauf verpflichtet hatte.

Alles mal wieder grau, nicht wahr?

Bürgerliches Recht ist und bleibt jedenfalls eine faszinierend präzise und mitunter überraschende Betrachtung dessen, was wir gutgläubig unseren Alltag nennen.

Und es mag hart gewesen sein, zum Abschluss dieser endlosen Woche, am Freitag, auch noch früh aufstehen zu müssen. Die Leute Eis kratzen zu hören, im Dunkeln. Und sich zu den drei Stunden BWL zu schleppen – zu den drei Stunden Rechnungswesen, wenn man ehrlich ist, die es noch zu verfolgen galt. Es mag hart gewesen sein. Aber danach war es hinter uns. "Das Schlimmste."

Jetzt ist Halbzeit.

Und in der kurzen Halbzeitpause wurden fleißig Karten auf dem Boden verteilt. Da es ist auch erlaubt, mal die Regeln zu vergessen. Wir müssen uns ja sonst schon so viel merken, unablässig.

Aber eines zeigte sich, spätestens am Wochenende, spätestens zwischen der Bowle und den Rauchern und der Küche. Wobei es sich immer wieder zeigt, schon länger. Doch spätestens da. Und nicht nur in der Art und Weise, wie die Karten verstreut herumlagen.

Das Leben ist selten schwarz/weiß, Herr Binder. Da haben Sie Recht. Das gilt es festzuhalten. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Aber etwas anderes ist entscheidend. Etwas anderes müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir es gerade nicht merken. Wenn es uns gerade nicht vorgeführt wird, samstagabends, oder wann auch immer.

Kalt, eiskalt. Voller harter, langer Tage. Und grau. Das Leben ist oft genug grau.

Aber etwas anderes ist Entscheidend. Wenn schon nicht schwarz oder weiß.

So kann es doch bunt sein.

Wochenrückblick: Entscheidungen, aber keine Münze

Es gibt immer drei Möglichkeiten. Genau drei. Entweder Ja. Oder nein. Oder: Es kommt darauf an. Zumindest in der juristischen Welt. Und ebendiese juristische Welt spiegelt die übrige Welt überaus treffend wieder. Das ist vergangene Woche schon klargeworden.

Herr Professor Binder jedenfalls verdeutlichte es am Donnerstag noch mal in eindrucksvollem Maße, als er, sachlich, mit vollkommenem Ernst und ohne jeden Ton von beabsichtigter Zweideutigkeit, als es ganz allgemein um Entscheidungen im Bürgerlichen Recht ging, sagte: "Das Leben ist nicht schwarz/weiß. Nie. Das Leben ist grau."

Denn das ist – jene, die bereits im Rahmen der Schule meine Wochenrückblicke verfolgt haben, werden es wissen – eine der allerwesentlichsten Erkenntnisse, die mir die letzten zwei Jahre beigebracht haben. Nicht zuletzt Teile dieses Jahres 2011. Lange bevor das Studium begann und man es mir sagte.

Die Frage bei alldem lautet unterm Strich aber nun mal immer nur: Worauf kommt es denn an? Die Antworten sind so facettenreich und einleuchtend wie bestreitbar. Doch wir haben ja gelernt: kein richtig und kein falsch. Nur vertretbar oder nicht vertretbar.

Herr Professor Haft stand vor uns, in einer bilderbuchgleichen schwarzen Robe, von der er behauptete, sie einst von einem Kollegen geklaut zu haben. Respektive entliehen und nie zurückgegeben. Was vielleicht nicht ursprünglich rechtlich auf dasselbe hinausläuft, letztlich tatsächlich aber sehr wohl.

Er stand also vor uns, Montagnachmittag – demnächst wird man Abend sagen müssen –, und vor uns lag seine Vorlesung zur Methodenlehre. Über die wir ja angeblich im Dezember auch eine Klausur schreiben sollen. Herr Professor Haft wollte also mit seiner im Endeffekt geklauten Robe einen Staatsanwalt darstellen. Sie stand ihm auch ziemlich gut. "Moot court", murmelten sofort die ersten, was nichts anderes als ein fiktives Gericht ist. Aber uns Studierenden des deutschen Rechtssystem wurde wie sooft bislang nur der englische Begriff eingetrichtert.

Herr Professor Haft begann damit, sich selbst zu charakterisieren. Als einen jungen, unerfahrenen Staatsanwalt, just sein Studium hinter sich, zu Fehlern neigend. Er benannte den Richter und seine Schöffen, insgesamt fünf Leute aus der ersten Reihe. Selbst schuld, wer sich dahin setzt. Wobei die Aufgabe der Schöffen sich effektiv darauf beschränken sollte, aufmerksam zu sein und ein wenig nervös aufgrund der Möglichkeit, dass sie de facto noch etwas würden tun müssen. Und die des Richters darin bestand, fingierte Ordnungsgelder gegen Kommilitonen aus dem Publikum zu verhängen, die durch Zwischenrufe oder Applaus auffällig wurden.

Der dunkel gekleidete Herr Staatsanwalt eröffnete jenen Teil der Verhandlung, auf den wir unser Augenmerk richteten, mit seinem Plädoyer. Darin schilderte er noch einmal den Fall, um den es ging. Ein Familienvater. Angestellter als Beamter irgendeiner unscheinbaren Behörde. Wo er eines Tages beginnt, sich kleinere Summen unerlaubt in die eigene Tasche zu stecken, die, wie das so ist, mit der Zeit natürlich immer größer werden. Und die er zu allem Überfluss ins Casino mitnimmt, mit dem altbekannt romantischen Ziel, sie dort zu vermehren. Wodurch das Ganze schließlich auffliegt. Er verliert seine Stelle. Ohne wirkliche Chance, nach einer solchen Ausnutzung seiner Beamtenstellung jemals wieder einen vernünftigen Job angeboten zu bekommen. Sieht sich im Umfeld, in der Nachbarschaft unmittelbar diskreditiert in gnadenlosem Maße. Daraufhin beschließt er, seine Frau und seine Kinder im Schlaf umzubringen, um sie vor den Konsequenzen zu bewahren. Davor, dass er sie nicht länger versorgen kann und niemand mehr sie grüßen wird. Der Versuch des Vaters, sich selbst zu töten, scheitert selbstverständlich.

"Schwache Gemüter werden im Strafrecht manchmal ihre Probleme haben", hatte Herr Henseler in der AG-Stunde der ersten Woche schon prophezeit.

Der Staatsanwalt plädierte jedenfalls alldementsprechend auf lebenslänglich. Der Vater sei ein Mörder. Er berief sich dabei auf Absatz 2 des Mordparagraphen 211: "Mörder ist, wer … heimtückisch … einen Menschen tötet." Er zerlegte dabei das Adjektiv heimtückisch mithilfe der vier klassischen Auslegungsarten in seine grammatische, seine historische, seine systematische und seine teleologische Bedeutung. Was heißt heimtückisch im Wortlaut? Was hieß es in der Vergangenheit? In welchem Kontext steht es im Gesetz? Und was beabsichtigte der Gesetzgeber, indem er speziell diesen Ausdruck in seine Vorschrift aufgenommen hat?

Dabei herauskam dann unter anderem eine lange Erzählung über das "Heimtückegesetz" der Nationalsozialisten und eine Zerstückelung des armen Wortes in "heim" und "Tücke", die in ihrer befremdlichen Ausführlichkeit den Anschein machen sollte, hervorzuheben, was denn heimtückisch wahrhaftig meint.

Alles, was Herr Professor Haft in Wahrheit mit seinem Plädoyer zeigen wollte, war natürlich seine längst bekannte Ansicht, dass die klassische Auslegungsmethodik des Gesetzes Unsinn ist. Das freilich gelang ihm.

Ach ja, eine Aufgabe hatte der Richter dann doch noch. Er musste einen Kommilitonen als Verteidiger aufrufen. Das geschah auch, auf der Basis mehr oder minder von Freiwilligkeit. Aber auch das ist eben so, getreu des Binderschen Grau-Prinzips: "Rechtsfälle sind immer komplex. Komplexe Gegenstände haben verschiedene Aspekte. Diese Aspekte sind keine Ja- oder Nein-Aspekte. Sie sind Mehr- oder Minder-Aspekte."

Mehr oder minder aus freien Stücken schritt jedenfalls Jonas nach vorn. Musste sich vom Herrn Staatsanwalt die Robe überstreifen lassen. Und eröffnete sein Gegenplädoyer mit "drei Punkten", die er anzumerken habe. "Zum ersten" verkenne die Staatsanwaltschaft die Tragik des Falles und verlange, den Familienvater gemäß 211 genauso zu verurteilen wie jemanden, der "aus Mordlust, aus Habgier, zur Befriedigung des Geschlechtstriebes… oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln". Denn ist der unmittelbare Kontext der "heimtückischen" Tötung. "Zum zweiten" müsse man zweifellos die Verzweiflung und den Motivhintergrund seines Mandanten berücksichtigen. Was dazu führe, den § 46 analog anwenden zu müssen. Schließlich gelte das Analogieverbot ja nur zu Ungunsten des Täters. Zu seinen Gunsten darf es umgangen werden. "Zum dritten" gab es dann nicht mehr. Aber das störte nicht weiter. Herr Professor Haft lobte den spontanen Verteidiger, er erntete Applaus, alle bekamen ein Ordnungsgeld, und der Punkt war getroffen.

Später erklärte Jonas mir noch, er habe unbedingt eine klassische Rede aus drei Elementen aufbauen wollen. Jedoch in Wahrheit nie drei Elemente im Kopf gehabt. Na ja, so ist Improvisation.

Ansonsten ging es im Strafrecht weiter mit allem rund um die Notwehr. Mit rechtfertigendem und entschuldigendem Notstand und allen sonstigen Ausreden. Eminent wichtig. Schließlich bekommt man es mit kaum etwas häufiger zu tun als mit Ausreden. Eine gute parat zu haben kann im Zweifel genauso entscheidend sein wie sie enttarnen zu können.

Bei Herrn Henseler am Mittwochmorgen gab es den neusten Fall um unseren lieben Tim-Victor a.k.a. TV zu bestaunen. Der von einem kreativen Täter ausgeraubt werden soll. Der designierte Dieb leitet, um TV bewusstlos zu machen und ihn so gediegen ausrauben zu können – anstatt einfach zu warten, bis er beispielsweise nicht zuhause wäre – mit einem Schlauch ein entsprechendes Gas in die Wohnung. Kurz darauf kommt zufällig Kevin vorbei, der TV auch nicht sonderlich gut gesinnt ist, wirft aus Spaß ein Fenster ein und rettet unseren Protagonisten auf diese Weise, da das Gas umgehend entweicht. Hat er nun dennoch Sachbeschädigung begangen, oder überwiegt die Tatsache, dass er TV, wenngleich unwissend, gerettet hat?

Die Antwort erschien logisch. Es gibt verschiedene Ansichten in der Praxis. Ergo: Es kommt darauf an.

Im grauen Leben der Unbestimmtheit schloss sich am Nachmittag die zweite Vorlesung bei Herrn Köbler an. Die zweite "fachübergreifende sozialwissenschaftlich-rechtswissenschaftliche Einführungsveranstaltung", ein Spaß für alle Galgenmännchen-Freunde, aber immerhin mal nichts unnötig Englisches.

So oder so hielten Valerie und Sonja ein Referat über die "Schlaglichter der deutschen Wiedervereinigung", das wieder fleißig Erinnerungen an die Schule weckte, und Laura erzählte uns, Vorlesungsgruppe Nummer 2, etwas über die Geschichte der Gleichberechtigung. Beides Themen, die zu Recht die von Herrn Köbler jeweils angesetzten zehn Minuten ein wenig überschritten. So wurde er mit seinem Programm für diese Woche nicht ganz fertig. Aber in zwei Wochen gibt’s ja die dritte Ausgabe. Dann, glaube ich, auch mit dem heiß ersehnten Referat über das deutsche Postkutschenwesen.

"Englisch", möchte man sagen, beschloss wie immer den langen Mittwoch. Mit einer schon gewohnten Dichte an herausragenden Punchlines von Mr. Mehren, begleitet von teils revolutionären Tipps zur Verbesserung unserer Sprache. Niemals einen Satz mit "However" beginnen. Niemals Doppelpunkte benutzen. Und wer gleich lange Absätze mit je vier oder fünf Sätzen verfasst, kann schreiben, was er will; es wirkt trotzdem so, als hätte er Ahnung.

Man möchte aber nur sagen, dass Englisch den Mittwoch beschloss. Das tat es nämlich nicht. Nicht für alle. Denn um stattliche elf Stunden Uni für den einen oder anderen zu komplettieren, stand am nun wirklich herangebrochenen Abend noch Spanisch an. I und II, Anfänger und Fortgeschrittene. Und ich fand’s unterhaltsam und fruchtbar, eindeutig. Nur bleibt leider die Frage unbeantwortet, wie man auf Dauer, jeden Mittwoch, von 9.45 Uhr bis 20.45 Uhr außer Haus und vor allem aufnahmefähig sein soll. Da hilft nicht einmal ein graues "Es kommt darauf an". Es bleibt einfach unbeantwortet.

Manche scheinen es dennoch zu versuchen.

Am Donnerstag wurden wir dann endgültig desillusioniert. Herr Professor Binder erklärte uns im Rahmen der zweiten BGB-Vorlesung der Woche die Grauheit des Lebens. Und die Erkenntnis blieb haften. David, der neben mir saß, schaute mich an, schob die Unterlippe vor, nickte und nahm, entweder unbeirrt oder demonstrativ, ich weiß es nicht genau, einen Schluck aus seiner Dose Relentless. Es gibt eben doch nicht nur Gesundes in der Saftbar.

Abschließend betonte Frau Schmidt-Nentwig in der dazugehörigen AG am Nachmittag noch den prägenden Gedanken des fortwährenden Abwägens. "Juristen haben eine Lieblingsantwort auf alles", sagte sie unbekümmert. "Es kommt darauf an. Und das stimmt meistens." Fast so, als sei es wirklich eine Antwort.

Kein schwarz oder weiß. Kein Ja oder Nein. Alles grau. Alles kommt immer darauf an.

Nur worauf?

Die so synekdochische Welt des Rechts hat uns also in ihrer völlig typischen Art mittlerweile eine ganz neue potenzielle Antwort auf diese Frage geliefert. Die so sehr zutrifft und uns so wenig hilft. Aber mit mehr kann sie nicht dienen. Mehr hat sie nicht für uns. Noch nicht. Vielleicht nie. Es bleibt alles ein Ermessen, ein Beurteilen, ein ständiger Prozess. Teleologisch ausgelegt, wenn auch platt: Der Weg ist das Ziel.

Worauf kommt es an? –

Das kommt darauf an.

Wochenrückblick: Der Tag, an dem der Psychologiestudent seine Seele verkauft

Was ist Jura?

Ich werde keine ausführliche historische Definition liefern. Das hat unser werter Dekan im Rahmen der feierlichen Einschreibung bereits übernommen. Die nunmehr drei Wochen her ist. Schon und erst.

Mir ist mehr daran gelegen, nach eben jenen drei Wochen zu definieren, die meine 87 Kommilitonen und ich mittlerweile schon hinter uns gebracht haben. Lassen Sie mich in diesem Zuge mit einer etwas anders formulierten Frage beginnen.

Was ist Jura nicht?

Heben wir zuerst einmal mit dem weitest verbreiteten Klischee auf. Dann muss ich mich damit hoffentlich während der kommenden gut vier Jahre nie wieder auseinandersetzen.

Jura ist nicht - trocken.

Es ist eine der beliebtesten und meistgehörten Reden der ersten Wochen gewesen. Gleich nach "Seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass Sie sich mit Jura ein sehr schweres Studium ausgesucht haben" und dem schon jetzt geradezu legendären Zukunftsverweis "Dazu kommen wir später/im Sachenrecht/im 5.Trimester/wann auch immer".

Es ist eine der beliebtesten und meistgehörten Reden gewesen, diese eine, deren Kernbotschaft lautete: Jura ist nicht trocken. Entgegen dem, was euch alle an Befürchtungen mit auf den Weg gegeben haben, als sie hörten, was ihr studieren wollt. Denn Jura ist lebendig. Jura ist immer aktuell. Der Schönfelder, die bekannteste und beliebteste Gesetzessammlung des deutschen Rechts, ist grundsätzlich ein dickes, sehr dickes rotes Buch, das aus aberhunderten von losen Blättern besteht. Er ist nicht gebunden. Damit es immer gültig bleiben kann. Damit sich die neuste Gesetzesänderung immer sofort dazu heften lässt. Denn Jura unterliegt einem ständigen Wandel.

Das zeigte sich schon in der Einführungswoche. Als zum ersten Mal die magischen zwei Worte Erstes Staatsexamen fielen. Und sogleich berichtigt wurde, dass der Spaß mittlerweile Erste juristische Prüfung heißt. Immer wieder diese Reformen.

Oder auch das Beispiel aus der ersten AG-Stunde im Strafrecht. Das vom verrückten Gelehrten, der alle bestehenden Vorschriften für falsch hält und ein eigenes Gesetzbuch rausbringen will. Verbunden natürlich mit der Fragestellung, ob er das denn dürfe. Und die dazugehörige Antwort: Klar. Es wird sich herausstellen, ob seine Ansätze als vernünftig betrachtet werden oder nicht. Schließlich "entsteht nur so wissenschaftlicher Fortschritt".

Jura ist vor allem eines - alltagsnah. Selbstverständlich werden noch genug absurde und schwer vorstellbare Tathergänge auf uns zukommen, ehe wir unseren Master in der Hand haben. Doch speziell nun, zu Beginn, stellen sich Fragen, die sich wirklich stellen, wenn man einmal darüber nachdenkt. Wie Frau Schmidt-Nentwig, selbst aktive Richterin, am Donnerstag in der AG fürs Bürgerliche Recht treffend einwarf: "Manchmal wundere ich mich, wie Menschen durchs Leben gehen können, ohne Juristen zu sein." In jeder noch so kleinen Aktion des täglichen Lebens verbirgt sich ein Rechtsgeschäft, eine rechtsgeschäftsähnliche Handlung - großer Unterschied! -, ein Realakt oder was noch alles. Wenn ich Ihnen meinen Laptop leihe, ohne dabei eine Leihfrist zu nennen, kann ich ihn jederzeit zurückverlangen. Wenn ich eine Zeitspanne von zwei Wochen annonciere, dürfen Sie ihn zwei Wochen lang behalten. Egal ob ich ihn vorher brauche oder nicht. Das sind Dinge, die man so lernt in den ersten paar Wochen. Wissen, das sich sofort im wahren Leben nutzen lässt. Und das teilweise so fundamental ist, dass man sich wie Frau Schmidt-Nentwig zu Recht fragt, wie alle anderen es nicht wissen können.

Jura ist - flexibel. Es dreht sich nicht darum, etwas auswendig zu lernen. Es dreht sich darum, zu diskutieren. "Es gibt kein richtig oder falsch bei uns." Auch eine dieser Aussagen, die in fast jeder Vorlesung und jeder AG fallen. "Es gibt nur vertretbar und nicht vertretbar."

Jura ist spannend. da geht es um einen fiktiven Charakter namens Tim-Victor Schaufenster (von seinen Freunden ?TV-Show? genannt), eine eigenwillige Kreation Herrn Henselers. Und dieser TV wird von seinen zwei Kollegen in der Selbstlerngruppe versetzt. Wartet und wartet, und niemand kommt. Woraufhin er wütend in die nächste Kneipe stürmt, wo er die zwei natürlich findet. Er beschließt, sie in all seiner Emotion ein bisschen zusammenzustauchen. Was einen der beiden, nachdem TV fertig mit seiner Schimpftirade ist, dazu verleitet, aufzustehen und dem armen Versetzten ein Bierglas überzuziehen. Da er gewartet hat, bis TV definitiv zu Ende getadelt hat, hat er weder im Affekt noch aus Notwehr gehandelt, sondern einfach nur vorsätzlich und ganz schön gemein. Und es ist nicht nur Körperverletzung. Es ist gefährliche Körperverletzung, da sie "mit einer Waffe" ausgeführt wird. Und nebenbei ist es übrigens auch Sachbeschädigung, wenn wir davon ausgehen, dass dabei das Bierglas zerstört wird. Was aber nun wenn TV's Selbstlerngruppengenosse 2€ Pfand für das Glas gezahlt hat? Ist es dann im Moment der Straftat sein Eigentum? Wenn er es nie zurückbrächte, wäre es ja auch kein Diebstahl. Und was erst, wenn TV auf dem Weg ins Krankenhaus dank seiner Kopfverletzung so neben sich steht, dass er von der Trage fällt und sich den Arm bricht? Ist sein vermeintlicher Freund dann auch dafür zur Verantwortung zu ziehen? Jura ist komplex. Jura erfordert eine gewisse Art von Denken, die nicht nur logisch und systematisch, sondern auch schöpferisch ist. Und bisweilen um die Ecke gehen muss.

Jura prägt. Es lässt einen plötzlich, sobald man angefangen hat sich damit zu beschäftigen, mit anderen Augen durch die Welt laufen. Man verwendet auf einmal präzise Ausdrücke für Sachverhalte, die man vorher irgendwie grob umreißen musste. Oder man schreibt Sachverhalte, wo man früher einfach Dinge geschrieben hätte.

Jura ist mächtig. Nicht nur mächtig viel und mächtig schwer - dann das ist es beides unabhängig davon, ob man es nun als trocken aburteilen will oder nicht -, sondern mächtig, für sich selbst. "Die Psychologen zum Beispiel", fasste Herr Professor Binder es am Mittwoch zusammen, dabei immerhin über jenes Studienfach sprechend, das meine Wahl gewesen wäre, hätte die EBS mich nicht genommen, "die Psychologen müssen immer nur mit Worten arbeiten. Sie haben nur Worte. Deshalb verwirren sie ihre Zuhörer mit kompliziertester Fachterminologie und wollen damit alle beeindrucken. Juristen haben mehr als Worte. Wir haben die Polizei, die für uns ermittelt, und wir haben die Möglichkeiten, Menschen auf verschiedenste Weisen zu bestrafen. Wir haben Geldstrafen und Gefängnisse und noch so viel mehr."

Also - er sagte all das wesentlich schneller, als Sie es jetzt nachlesen können, und in einem etwas fachlicheren Wortlaut. Aber das war so die Aussage dahinter.

Jura ist - verwandt mit so vielen alten Schulfächern und anderen Wissenschaften. Was einmal mehr am allerdeutlichsten die Vorlesung bei Herrn Professor Will am Donnerstag bewies. Dort gab es eine Rundreise durch unsere Geschichte, von den Partikularrechten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bis zu den Notstandsgesetzen der Nationalsozialisten. Verfassungsrecht, das erste große Thema bei Herrn Professor Will, ist eben an vielen Stellen im Laufe der Zeit "gewachsen". Also sei geprüft, wie.

Jura ist nun mal - zumindest weitgehend - konsequent.

Sind es denn die Juristen deshalb auch gleich? Das weiß ich noch nicht. Längst lässt sich noch nicht feststellen, wie sehr dieses Studium uns tatsächlich prägt oder eines Tages geprägt haben wird, nach drei Wochen inmitten all dieser Charaktere, die durch dasselbe Aufnahmeverfahren gefiltert wurden und doch so unterschiedlich sind. Die nicht einheitliche Repräsentanten einer gesellschaftlichen Schicht sind, sondern ein hochinteressanter Querschnitt. Was sind Juristen? Ambitionierte Leute, mit Sicherheit. Sie sind mutig. Sie trauen sich etwas zu. Sie haben ein Ziel vor Augen, das sich nicht gerade auf dem Weg des geringsten Widerstandes erreichen lässt. Sie haben ein Ziel vor Augen. Sie müssen sich in Personen und Situationen hineinversetzen, alles und jeden nachvollziehen können und ein Gefühl haben für Gerechtigkeit, ein Gefühl für Umstände, ein Gefühl für Folgen von Entscheidungen und für Zusammenhänge und für Gegenargumente. Und wenn nicht, dann müssen sie es entwickeln. So wie sie die Fähigkeit oder, wie Herr Professor Haft sorgsam zu unterscheiden mahnen würde, die Fertigkeit entwickeln müssen, den Überblick zu bewahren. Juristen müssen zuordnen, resümieren, organisieren, subsumieren.

Und wie Mr. George Mehren, ohne es im Entferntesten als verwerflich zu klassifizieren, anfügen würde: "And ... you all love money."

Generell war es mein Gespräch am Mittwochabend mit ihm, nachdem "Englisch" zu Ende war um viertel nach sechs, das mich einmal etwas intensiver über Jura an sich sinnieren ließ. Ich erzählte ihm, wie gern ich schriebe, und ich erzählte von meiner und vor allem der Befürchtung vieler meiner Freunde, dass Jura nicht das Richtige für mich sei, weil es wenig Kreativität verlange, das Denken in gewisse Bahnen zwänge und nicht zuletzt unheimlich viel Zeit raube, die dann für nichts anderes mehr verwendet werden kann. Woraufhin Mr. Mehren mir verriet, dass er selbst liebend gern schreibe, und dass all das sehr wohl passieren könne. Der Punkt sei nur, das nicht zuzulassen.

Jura kann der Teufel sein. Jura kann dazu anstiften, die eigene Seele zu verkaufen.

Doch wer dazu bereit ist, der hätte es wohl so oder so eines Tages getan. Selbst wenn er stattdessen Psychologie studiert hätte.

Und wer nicht dazu bereit ist, der wird es nie tun.

Er wird sie nicht verkaufen und nicht verleihen. Er wird sie nicht gegen einen Pfand weggeben. Denn wenn er sie dann nicht mehr wiederbekommt, ist es ja nicht einmal Diebstahl gewesen.

Jura ist wichtig. Jura ist nützlich. Jura ist vieles.

Jura ist aber auch manchmal - Nebensache. Am Freitag etwa. Als wir, Vorlesungsgruppe 2, in die Betriebswirtschaftslehre eingeführt wurden. Bilanzen, Gläubiger, der Einstieg ins Rechnungswesen. Die meisten fanden's toll.

Und im Rahmen des darauf folgenden Wochenendes war es ohnehin Nebensache. Zumindest für all jene, die nicht zufällig in eine Kneipenschlägerei gerieten oder ihren Laptop verliehen.

Und das Entscheidende, das Gute, das Beste an allem ist: Für diese Woche mag der Ansatz einer Antwort gefunden sein auf die Frage, was das denn eigentlich ist, was wir da gerade zu studieren beginnen.

Nächste Woche aber - da könnte Jura schon wieder etwas ganz anderes sein.

Wochenrückblick: Die Rückkehr zur Keilschrift

Immer wieder fällt diese Aussage. Immer wieder kommen Menschen daher, verzagt und klagend und alles aussichtlos nennend. Sie sprechen allem den Sinn ab. Und das Schlimmste an dem ganzen Desaster ist ihrer Meinung nach, dass wir auch noch selbst daran schuld sind. Dass wir uns das selbst zuzuschreiben haben. Das ist der Teil, der am schwierigsten zu verkraften ist. Wir können uns auf nichts und niemanden berufen. Wir haben uns das alles selbst so kreiert.

Immer wieder fällt diese Aussage. Immer wieder kommen Menschen daher und meinen, wir würden uns das Leben alle selbst schwer machen.

Natürlich kann ich kaum etwas, wogegen ich mich hier je wehren werde, zu den berühmt absoluten 100% bestreiten. "An allem, was man sagt – an allem, was man sagt, ist auch was dran", eröffnet schon Clueso sein "Verlierer", einen der textlich wertvollsten deutschen Songs der letzten Jahre. So ist das. Wenn es heißt, wir würden uns das Leben schwer machen, so stimmt das. Es stimmt sogar in mehr Punkten und Bereichen und vor allem in entscheidenderen, als mir lieb wäre. Es stimmt - und dieses Beispiel geht wie sooft allen übrigen eindrucksvoll voran - in erster Linie, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Da hat sich im gnadenlosen Lauf der Zeit eine solche Unmenge an Konventionen, an ungeschriebenen Gesetzen, an Wertvorstellungen von angemessen und unangemessen entwickelt, dass es heute nicht mehr möglich ist, Fragen, für die eigentlich das Herz zuständig ist, nicht jedes Mal zugleich auch mit dem Kopf zu beantworten. Da muss immer irgendetwas Taktisches mitreinspielen, immer ein rationales Hinterfragen, das sich auf die besagte Unmenge an Konventionen stützt. Das prüft, ob man getreu dieser wollen darf, was man will, inwiefern, und vor allem wie man es bekommen kann. So laufen die Leute aneinander vorbei, weil es laut ihrer Vorstellung gerade das falsche Zimmer ist, in dem sie sich begegnen würden. Und treffen sich nie wieder. Weil das richtige Zimmer nicht existiert, und weil sie es nicht wagen konnten, einen Meter weiter rechts oder einen Meter weiter links zu laufen, um sich in der Mitte zu treffen, irgendwo.

Da stimmt es. Da machen wir uns das Leben schwer.

Doch anhand der deprimierenden Wucht dieses Beispiels vergessen wir gern, dass wir es uns in anderen Gebieten wunderbar eingerichtet haben.

Vieles im Leben ergibt mehr Sinn, als wir wahrnehmen.

Nehmen wir nur eines der beliebtesten Themen in Fünfsatzargumentationen, eines der beliebtesten der großen weiten Politik - die Bildung. Klar, auch dort finden sich genug Missstände. Doch wenn man das ganze System mal in seinem innerlich logischen Aufbau sieht, wird man an vielen Ecken und Enden feststellen, dass sich der eine oder andere etwas dabei gedacht hat.

Das ist - wie eben immer mit Erkenntnissen, die ich Wochenrückblicken voranstelle - etwas, das mir diese Woche so auffiel.

In diesem Sinne zu ein paar der Fragen vom letzten Mal. Zumindest zu jenen, die sich losgelöst von der Chronologie der letzten fünf Tage beantworten lassen.

Noch ist niemand von einem Reporter angerempelt worden.

Einige haben sich erfolgreich ins hausinterne W-Lan einloggen können. Andere natürlich nicht.

Die Saftbar in der Cafeteria ist tendenziell gut aufgenommen worden. Nur dass es ab Dienstag keine belegten Brötchen mehr gab, sondern nur noch Joghurt und Obstsalat, verwunderte viele. Und über manchen Preis lässt sich ebenfalls streiten.

Einige haben sich erfolgreich den Normfall-Manager installieren können. Andere natürlich nicht.

Die Bibliothek hat noch niemand ausführlich besucht, glaube ich. Sobald jemand vorschlug, das doch mal zu tun, erntete derjenige ein nachvollziehbares "Da werden wir noch Stunden genug verbringen." Werden wir nämlich.

Gleich am Montag lernten wir, während all dieser Handlungsstränge im Hintergrund, Herrn Professor Haft kennen. Wie er so schreibt, das wussten wir schon. Schließlich hatten wir in unserem Welcome Package zu Beginn der Einführungswoche neben dem Red Bull, dem Duplo und dem Hanuta auch zwei Bücher erhalten. Und zwar zwei Bücher, verfasst von einem Autoren namens Fritjof Haft. Immerhin hat niemand Geringeres als er selbst den in unseren Reihen jetzt schon berühmten Normfall-Manager erfunden.

Mit ihm eröffnete also jemand die erste reguläre Woche unseres Studentenlebens, dem sein Ruf vorauseilt. Bei der Vorstellung der Lehrstühle war er nicht dabei gewesen. Vielleicht ja um seinen Phantomcharakter desjenigen, von dem nur gesprochen wird, den aber noch nie jemand gesehen hat, zu wahren. Bis zu seinem großen Auftritt, der für die allermeisten von uns die ersten Minuten der ersten Vorlesung in ihrem Leben darstellte. Jeweils als Wochenstart zu einer annehmbaren Uhrzeit. Für Vorlesungsgruppe 1 um 11.30 Uhr, für Gruppe 2 sogar noch anderthalb Stunden später. Dabei kam ich mir zunächst ziemlich seltsam vor, um ehrlich zu sein. Nicht wegen der Uhrzeit und auch nicht wegen Professor Haft, der mit einem betrunken Auto fahrenden Türsteher anschaulich in das Thema Strafrecht einstieg. Ich kam mir seltsam vor, um 11.30 Uhr aufgetaucht, so wie mein bunter Stundenplan auf campusnet es mir geheißen hatte, und auf einmal im Raum Sydney inmitten von Kommilitonen sitzend, deren Nachnamen mit A und B anfingen, mit D, mit F, teils sogar mit K, aber da hörte es auf. Von all den Leuten, die mir während der Einführungswoche in den verschiedenen Programmpunkten zugeteilt waren, all die Ulrichs und Urbans und Zellners - keine Spur.

Da glaubte ich schon an einen Fehler im System.

Aber das, was wir Menschen uns so erschaffen haben - in dem Fall Stundenpläne - ist eben doch nicht immer so fehlerhaft, wie wir annehmen.

Nach der Vorlesung erschien umgehend Herr Gleichmann, als spüre er, dass sich in der Zwischenzeit mal wieder Fragen aufgetan hätten. "Bin ich hier falsch, oder hab ich irgendwas übersehen?", wollte ich von ihm wissen, während hinter mir jede Menge Leute von A bis K anstanden und eigene Fragen hatten. "Haben Sie womöglich den Vertrag erst spät abgegeben?", lautete Herr Gleichmanns Gegenfrage. - "Ähm, ja, vor drei Wochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihn jemand noch später als ich abgegeben hat." - "Das wird's wohl sein." Die erste Vorlesungsgruppe werde zu diesem Zeitpunkt die kleinere gewesen sein, und so habe man mich eben dorthin gepackt. Das schien einzuleuchten. Bis ich am Freitag herausfand, dass sich in meiner Selbstlerngruppe jemand namens Wegmann befand. Was auch immer.

Um 15.30 Uhr wurde es dann wiederum so richtig gemütlich in unserem Lieblingsraum down under. "Wir haben uns heute voll versammelt", hob Herr Gleichmann an, und sofort erfüllte heiteres Gelächter den Raum, begleitet von vereinzeltem Applaus. So schnell hatte es noch bei keinem Vortrag Beifall gegeben an den ersten Tagen hier an der EBS.

Nachdem er sich korrigiert und sich für irgendeine unverfänglichere Formulierung entschieden hatte, konnte Herr Gleichmann auch den Grund der Vollversammlung anfügen: "... um den vorläufigen Studentensprecher der Law School und seinen Stellvertreter zu wählen." Klar, dass die folgende Szenerie flugs Assoziationen mit längst vergessenen Klassensprecherwahlen aus der Mittelstufe hervorrief. Gags wie das eigene Namensschild abgeben oder "Ich" auf einen Zettel schreiben mit inbegriffen.

Letztlich aber verliefen beide Wahlgänge allem Anschein nach regulär. Dank des sinnvoll aufeinander aufbauenden Bildungssystems hatten wir uns in der fünften Klasse bereits genug ausgetobt, was den Spaßgehalt ungültiger Zettelchenwahlen betrifft. Benedikt Quarch, manchem möglicherweise bekannt als "Gesicht" der EBS Law School auf deren Homepage, wurde ebenso eindeutig zum ersten Studentensprecher ernannt, wie Felix Schröder den Posten der Nummer Zwei zugesprochen bekam. Und das obwohl es zwischendurch geradezu großpolitisch wurde, als Herr Quarch während seiner Vorstellung der ständig aufkommenden Frage nach seiner Parteizugehörigkeit nachgab und immerhin eine Farbe offenbarte, was für die entsprechend unterschiedlichen Reaktionen sorgte. Oder als Till Rzesnik seine Solidarität mit Die Partei bekundete. Ihm gelang demgemäß die 5%-Hürde leider nicht.

Im Zuge des munteren Beisammenseins aller 88 Jura-Studenten unseres Jahrgangs wurden auch gleich die zwei so genannten Kantinensprecher gewählt. Die beauftragt wurden, sich mit dem Statistischen Bundesamt und dem Innenministerium auseinanderzusetzen, ob wir von dort eventuell als EBS Law School dauerhafte Vergünstigungen erhalten könnten, wenn wir denn nett fragen.

Das Problem Parkplatzsituation wurde auch noch in die Runde geworfen, blieb aber ohne Lösung und ohne eigenen Sprecher.

Spätestens am Dienstag wurde dann ein weiteres Element deutlich, das einem aus der Schulzeit bekannt vorkam. Diesmal aber aus der Oberstufe. Alles logisch aufeinander aufbauend, wie erwähnt. In diesem Fall der in der Einführungswoche noch nicht vorhandene, nun aber umso merklichere Individualismus der Stundenpläne.

Da hatten einige ihre AG und danach Schluss. Andere hatten ihre AG und danach ?Englisch?. So wurde für die einen der Dienstag hart und für die anderen der Mittwoch. Für manche sah jeder Tag mehr oder minder gleich aus. Wenn schon nicht in den Vorlesungsgruppen - zweimal W in A-K - so konnte man sich in den AGs und im Common Law erst recht nicht darauf verlassen, wer bei wem der Logik nach im gleichen Kurs saß. Aber vielleicht verbirgt sich ja auch darin mehr Sinn, als wir wahrnehmen. So oder so wurden alle und alles fleißig durchmischt.

Am Dienstagnachmittag - als ich bereits "aus" hatte und sie noch Englisch -, entdeckte ich gemeinsam mit Magdalena die juristische Bibliothek an der Moritzstraße, von der man bisher nur unpräzise Sagen vernommen hatte. Doch es gab sie wirklich. Moritzstraße Ecke Gerichtsstraße, wo auch sonst. Und so klein sie vom Räumlichen her sein mochte, so behänd zeigte sich der Inhaber - er war zumindest der einzige, der da war, also nenne ich ihn einfach mal den Inhaber -, als es darum galt, was wir ihm zu bestellen empfahlen, weil es uns zu kaufen empfohlen worden war. Mal schauen, ob der Laden kommende Woche etwas voller sein wird. An Büchern und an Studenten.

In seiner Dienstagsvorlesung vertiefte Herr Professor Haft im Anschluss die Einführung ins Strafrecht. Holte ein wenig zu dessen Geschichte aus. Und merkte nicht zuletzt an, dass die heute im Chat so beliebten Emoticons nichts anderes seien als eine Rückkehr zur Keilschrift. Eine nicht phonetische, sondern direkt sichtbare Darstellung von Umständen. Na gut.

Der Mittwoch bot daraufhin - zumindest für Leute mit dem gleichen Stundenplan wie ich - jede erdenkliche Art von... "Unterricht". Seinen Lauf nahm das Ganze mit unseren ersten neunzig Minuten AG. Bei uns geleitet von Dr. Sven Henseler, der sogleich mit einer vorbildlichen Einstellung zu seinem Titel eröffnete: "Sie müssen mich nicht jedes Mal Doktor nennen. Denn dieser Titel für sich bringt Ihnen nichts. Dass ich promoviert habe, bringt Ihnen nichts. Daran sollen Sie mich auch nicht messen. Was ich Ihnen beibringe und wie gut mir das gelingt, daran sollen Sie mich messen." So etwas hört man gern.

Wundern Sie sich in diesem Zusammenhang nicht, dass ich Herrn "Dr." Henselers Sichtweise, wenn man so will, übernommen habe, indem ich unsere Dozenten immer nur Professor nenne. Die haben alle ihre Doktorarbeit geschrieben, keine Angst. Es ließe sich noch irgendein Plagiatswitz anheften, aber das lasse ich mal.

Der AG, die von ihrer Art und Weise her und mit ihren zwanzig Leuten an den guten interaktiven Unterricht zu Ende der Mittelstufe erinnerte - sinnvolles Bildungssystem -, folgte die erste Vorlesung bei Herrn Professor Binder. Zivilrecht. Und selten dürfte ich in meinem Leben eineinhalb Stunden erlebt haben, in denen mir dermaßen viel Information entgegengesprungen wäre. Verträge, Ansprüche, Grundsätze, Grenzfälle, Legaldefinitionen ? ein flüchtiger Blick aus dem Fenster genügte, um den Faden zu verlieren. Es sollte uns ein Eindruck vermittelt werden von der Dichte und Fülle an Stoff, die uns im Zivilrecht bevorsteht. Das gelang zweifellos.

Und auf jene Fähigkeit sich zu konzentrieren, die für dessen Aufnahme nötig ist, sollten uns die dreizehn Jahre vorher ja schrittweise vorbereitet haben. Nicht wahr?

Den Nachmittag bildete Herrn Köblers ausschweifende Erörterungen zur Rechtsgeschichte, von den römischen Gesetzen bis hin zu Kaiser Wilhelm? äh, Bismarck. In zwei Wochen werden bei der zweiten Ausgabe dieser Veranstaltung die ersten ein kurzes Referat halten. Die es hoffentlich in der Mittelstufe genug geübt haben.

Und das eindeutige Highlight der Woche schloss sich daran an. Die erste Stunde Common Law - oder auch Englisch. Bei Herrn Professor George Mehren. Der mit seinen Zeichenkünsten, seinem ansteckenden Selbstbewusstsein und seinem Repertoire an Sprüchen und Wahrheiten zum Alltag die neunzig Minuten in Toronto wie im Flug vergehen ließ. Mitunter eher wie ein extrem guter Comedian wirkend als wie ein Dozent. Und er überzog. Ohne dass jemand auch nur daran gedacht hätte, sich zu beschweren. Und gab uns dann doch noch eine ziemlich ernsthafte Hausaufgabe mit auf den Weg: Warum wir denn eines Tages ein erfolgreicher Anwalt werden, auf Englisch selbstverständlich, eine bis anderthalb Seiten. Hängen aber blieb vor allem die Vorfreude auf die nächste Stunde bei ihm.

Obwohl es mittlerweile halb sieben geworden war.

Am Donnerstag stiegen wir dann auch ins Öffentliche Recht ein. Mit einer Vorlesung bei Herrn Professor Will, für die wir bis nach Honkong reisen mussten. Aber es lohnte sich. Denn diese Vorlesung war es, die mir den Gedanken bescherte, dass alles in den vielen Jahren am Anfang unseres Lebens, in denen wir unsere Bildung für dessen Rest erlangen sollen, folgerichtig aufeinander aufbaut. Bei Herrn Professor Will ging es um Verfassungsrecht und alles Mögliche drumherum, und all die Antworten, die er auf seine reichlichen Fragen bekam, waren kombiniertes Wissen aus den Fächern Geschichte und Politik der letzten paar Jahre. Vieles von alldem, worüber wir dort so unsere Klausuren zu schreiben pflegten, ist quasi jetzt schon für etwas gut gewesen.

Es folgte noch eine kontroverse Diskussion der vollversammelten 88 einschließlich Herrn Schroer zum Thema PACE-"Punkte". Dazu sicher mehr, wenn sie tatsächlich eines Tages bei uns eingeführt zu werden drohen. Von der Atmosphäre her weckte das Ganze jedenfalls Erinnerung an alte Dispute in der Schule über Sitzordnungen oder das Essen in der Mensa. Nur gestaltete es sich gefühlt mindestens ein Niveau höher; man hat eben daraus gelernt.

Es kam noch die Selbstlerngruppe, zumindest bei mir, und dann war Schluss.

Nach einer Viertagewoche, die sich einmal mehr anfühlte wie zwei.

Doch in der ein gewisser Sinn gefunden werde, zweifelsohne.

So wurde es Freitag. Ein paar von Gruppe 2 hatten um 8 Uhr AG. Ich hatte frei. Selbst schuld, wer seinen Vertrag so früh abgibt.

Damit hatte es sich.

Nun ist sie also vorbei. Die groß angekündigte erste reguläre Woche unseres Studentenlebens. Die zugleich die erste Woche im kalendarischen Herbst gewesen ist.

Fall Term 2011.

Und was bedeutet es, wenn es kalendarisch Herbst wird?

Dass die Tag-und-Nacht-Gleiche an uns vorübergezogen ist. An den meisten von uns vermutlich, ohne dass wir es bemerkt hätten. Dass jene vierundzwanzig Stunden, deren Tag genau so lang ist wie ihre Nacht, hinter uns liegen.

Das heißt, von nun an sind die Nächte wieder länger als die Tage.

Da fragt man sich angesichts der Tage derzeit nur - wenn das alles so stimmen soll -, wie lang die Nächte erst sein müssen.

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