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Wochenrückblick: De brevitate vitae

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Sonntagabend diesmal. Es sind 17 Grad gewesen heute. Anfang November. Wieder warm, nach wie vor. Immer diese falschen Prophezeiungen. Dunkel ist es mittlerweile geworden, weitgehend, und die Tage war es auch schon wieder neblig. Aber kalt, kalt wird es nur nachts. Wobei die Nacht sich derzeit ja unaufhaltsam ausdehnt. Den Abend einnimmt, den Nachmittag einnimmt, den Morgen einnimmt, alles schluckt und für sich beansprucht und dadurch wächst und wächst. Und auf diese Weise wird es doch kälter.

So oder so – der Horizont ist gerade noch so dunkelrot. Es ist der einzige Zeitpunkt des Tages, zu dem die Wolken dunkler sind als der Himmel, an dem sie stehen. Blätter wirbeln durch die Luft, fallen scharenweise zu Boden. Ihre Farbe haben sie verloren. Sie sind einst grün gewesen. Dann gelb und rot und vieles mehr. Und nun sind sie grau, grau wie das Leben, in dem es immer darauf ankommt.

Morgen erste Probeklausur Bürgerliches Recht. Vergangenes Wochenende ist letztlich doch niemand nach Mainz gefahren, um sich Ersatz für die tägliche Dosis Bibliothek zu holen. "Ab nächstem Freitag wird erst mal hauptsächlich gelernt", verkündete Jonas am Montagmorgen im Bus. Nur weicht leider kaum ein Plan häufiger von der Realität ab als dieser. Es ist immer so ein bisschen wie mit dem Kind, das eine Münze bemüht (ungeachtet dessen, dass es in der juristischen Welt keine Entscheidungen durch Münzwurf geben mag): "Papa, ich habe beschlossen, eine Münze dafür zu werfen, was ich jetzt tue. Das finde fair. Sagen wir – bei Kopf gehe ich ins Schwimmbad. Bei Zahl gehe ich ein Eis essen. Und wenn die Münze auf ihrem Rand stehen bleibt, mache ich meine Hausaufgaben."

Es kommt eben so viel anderes dazu, jedes Mal. Das Wetter ist wie sooft das berühmte letzte Mal im Jahr schön und will genutzt werden. Es ist Hochheimer Markt. Man hat ewig nicht vernünftig gepokert. Diesen und jene ewig nicht gesehen. Von der Selbstlerngruppe bekommt man morgen Ärger, wenn man seine Aufgabe nicht noch schnell erledigt – oder sie sich zumindest so intensiv anschaut, dass es sich anderntags ausreichend improvisieren lässt. Der Wochenrückblick muss geschrieben werden. "Ich hab immer noch nicht deinen Blog gelesen", meint Till am Mittwoch oder so zu mir, was mittlerweile schon ein Running Gag geworden ist. Er finde schlichtweg keine Zeit. "Wenn du schon keine Zeit findest, ihn zu lesen", fällt mir einmal dazu ein, "stell dir mal vor, du müsstest Zeit haben, ihn zu schreiben."

Es ist nun mal alles schwierig zu unterscheiden. Was lässt sich verschieben, was streichen, was ist die sinnvollste Reihenfolge? Und vielleicht der wichtigste Punkt von allen: Was ist zu viel? Zeitmangel ist eines meiner allerliebsten Themen in all den Jahren, in denen ich jetzt schon auf Alltagswochen zurückblicke. Oder wie Robert Lembke einmal meinte: "Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist."

Also, wie kam es denn hierzu? Mal abseits des langfristigen Prozesses seit Mitte September, der das Ganze angestoßen hat, als ein Sommer ohne Einschränkungen zu Ende gegangen war. Am Montag war die sonnige Luft, wie angedeutet, noch erfüllt von hehren Vorhaben. Irritierend wirkte da erst mal nur der Blick auf den Stundenplan. Den hatte Herr Professor Haft nämlich in ein völliges Chaos gestürzt. Aus irgendeinem Grunde, so hieß es, sei er an seinen üblichen zwei Vorlesungstagen zu Beginn der Woche nicht da. Und so musste wohl oder übel alles verschoben werden. Aber auch wirklich alles.

So nahm das bunte Treiben in dieser Woche ausnahmsweise seinen Lauf bei Herrn Professor Binder. "Sie haben ein paar Wochen gebraucht", eröffnete er seine Vorlesung mit hörbar erkältungsleidender Stimme, "aber jetzt haben Sie mich geschafft." Das Mikrophon auf volle Lautstärke gedreht, schlug er sich dennoch durch. "Was ich nicht alles für Sie tue", bemerkte er zwischendurch, als er einmal mehr einen Schluck Wasser nehmen musste, damit es überhaupt weiterging. Und da hatte er Recht. Was dementsprechend für noch vollumfänglichere Aufmerksamkeit sorgte als ohnehin schon immer im Bürgerlichen Recht. Der flüchtige Blick aus dem Fenster wird ja auch bereits bestraft, in etwa so wie früher beim Lesen in der Schule ("Du bist dran!" – "Äh… wo sind wir?"); wir erinnern uns. Belohnt wurde der Einsatz unseres Dozenten dann abschließend auch mit einer besonders anerkennenden Version des klassischen Auf-die-Tische-Klopfens, längst obligatorisch am Ende jeder Veranstaltung.

Am Mittwoch war Herr Professor Binder dann nicht mehr da.

Dafür tauchte am Montagnachmittag Herr Gleichmann mal wieder auf. Und wenn das der Fall ist, wird es erfahrungsgemäß ernst. Infoveranstaltung Prüfungsordnung und –regularien. So ernst wurde es diesmal. Frau Caseroli, unterstützt von Frau Niemann und eben Herrn Gleichmann, vermittelte uns einen Einblick in all das, womit wir uns in den kommenden viereinhalb Jahren dreizehn Mal in mehr oder weniger umfassender Breite werden herumschlagen schlagen müssen, zum ersten Mal im kommenden Monat: Sie verriet uns, wie denn das Klausurenleben auf der EBS abläuft.

Genau genommen müssen wir uns ja jetzt schon damit herumschlagen. Nicht nur weil morgen die erste Probeklausur unseres Studiums ansteht. Sondern auch weil wir uns dieser Tage bereits anmelden müssen für die Klausuren im Dezember. "Bei uns ist es so, dass Sie sich selbst für die Klausuren anmelden müssen", bekräftigte Frau Caseroli am Montagnachmittag. Wie bei manch englischem Begriff hier wird allerdings nicht ganz klar, wieso eigentlich.

Das Durcheinander wider alle Gewohnheiten, die sich in sieben Wochen schon herausgebildet haben, setzte sich am Mittwoch nahtlos fort. Herr Professor Binder fehlte, wurde aber von einem Lehrstuhl-Kollegen würdig vertreten. "Herr Binder hat mir extra etwas weniger Stoff für heute mitgegeben. Ich denke, wir werden etwas früher fertig werden als geplant." Wir wurden drei Minuten früher fertig. So ist es eben, das Bürgerliche Recht. Wenn Zeit für Zwischenfragen gewährt wird, gibt es auch Zwischenfragen. Aber so blieb wenigstens das gleich wie gewohnt. Und man hatte etwas Neues zum allumfassenden Thema Zeit.

An altbekannter Stelle war immerhin Englisch geblieben. Mittwochabend, mit Sonnenuntergang beginnend. Und ein wenig überzogen wurde auch da, so wie sich das gehört. Bis wir mit dem Sprachlichen – den beliebtesten und bedeutendsten Fehlern der Allgemeinheit im Rahmen der letzten Hausaufgaben – und dem Inhaltlichen – ersten Fällen nach Case-Law-Prinzip – durch waren, das dauerte nun mal.

Der Donnerstag kam dann auf einmal ohne Bürgerliches Recht aus. Dafür feierte Herr Professor Haft seine Rückkehr. Dessentwegen ja alles ursprünglich verschoben worden war. Etwas ironisch wurde das Ganze nur dadurch, dass die zweite Vorlesung im Strafrecht auch noch ausfiel, und das obwohl der gute Mann ja wieder da war. Und die Methodenlehre bei ihm gleich mit. Aber gut. Man nimmt schließlich jede Stunde, die man bekommen kann.

Zur fantastischen Zeit von 15 Uhr begann dann am Freitag die BWL-Vorlesung bei Niels Dechow, PhD – so viel Zeit muss sein, mag sie auch rar sein. Und abgesehen von Mr. Mehrens konstant beachtlicher Quote an wunderlichen Vergleichen, witzigen Alltagswahrheiten und grotesken Zeichnungen in Englisch, gingen die zwei Stunden beim Gastdozenten aus Oestrich-Winkel als die launigsten der bisherigen Wochen durch. Und zugleich steckte in jedem guten Spruch ein Stückchen Controlling-Erkenntnis, das sich so noch eindringlicher vermittelt sah. In Kopenhagen und Oxford lernt man so etwas offensichtlich. Freuen wir uns also auf Teil 2 bei Herrn Professor Dechow. Wenngleich der mittlerweile schon wieder dreimal verschoben wurde.

Zur weit weniger fantastischen Zeit von 8 Uhr begann dafür am Samstagmorgen die AG Strafrecht bei Herrn Dr. Henseler (oder vorzugweise auch: bei Sven). Zu der ich – im Gegensatz zur Nachmittagsvorlesung am Vortag (!) – als so ziemlich einziger pünktlich kam. Und wieso? Weil ich in der Annahme von zuhause losfuhr, die AG fange um acht an. Vor der Uni stand ich um fünf nach acht. Was darauf schließen lässt, dass ich, hätte ich mich nicht vertan, genauso zu spät gekommen wäre wie alle anderen. Aber so läuft das manchmal.

Immerhin konnten – respektive mussten – wir in diesem Zusammenhang einmal ausprobieren, wie man denn auf den Campus kommt, wenn er eigentlich geschlossen ist. Die Drehtür war nicht zu drehen. Die Eingangstür direkt daneben reagierte auf keine Studentenkarte. Demnach musste einmal ums Gebäude herumgelaufen werden, bis zur Tür bei der Bibliothek. Und tada, dort blinkte tatsächlich ein grünes Licht. Und ehe man sich versah, stand man im Innenhof. Weil ich ausnahmsweise nicht noch mal zur Sicherheit auf den Plan geschaut hatte, war ich so zwar noch vor unserem AG-Leiter da. Dadurch bot sich aber immerhin eines dieser etwas unwirklichen Bilder des täglichen Lebens, die ich so liebe. Samstagmorgen, 8.05 Uhr, allein in der EBS. Was ist schon Zeit?

Hoffen wir jedenfalls, dass wir es eines Tages wieder wissen. Ich meine: Dafür tun wir das hier ja. Zum einen aus schwer zuzugebender Affinität zu ein bisschen Geld, wie Mr. Mehren betonen würde. Zum anderen aber nicht zuletzt, um irgendwann ein Stück von der Zeit nachholen zu können, die wir heute aufwenden und aufwenden müssen, und zwar dann, in dieser malerischen Zukunft, möglichst ohne Sorgen. Möglichst ohne jede Stunde Freizeit, jede Stunde, die wir genießen, danach bemessen zu müssen, wie viel wir nun wieder hätten verdienen können, hätten wir gearbeitet. Es ist wie bei Momo mit den grauen Herren, nur in unserem Fall bitte ohne betrügerische Absicht: Wir investieren Zeit, um Zeit zu gewinnen, früher oder später.

Doch – ich erinnere mich noch sehr gut an die Rede einer Mitschülerin auf unserem Abiball. Sie fiel mir wieder ein, als ich am Freitagabend, anstatt zu lernen, auf dem Hochheimer Markt mit jemandem darüber sprach, dass ja bald bei mir die ersten Klausuren anstünden, und man sich in der Theorie schier endlos auf sie vorbereiten könnte. Die Kernbotschaft dieser Abiball-Rede lautete damals, dass das ja alles schön und gut sei: Abitur mit 18, 19; ein Sommer mit Nebenjob; ein Studium ab Herbst, dessen Noten der Grundstein für alles Weitere sein sollen; der Einstieg ins Berufsleben fünf Jahre später. Doch während wir diesen strikten Plan voller Ambition ausführen, sollten wir uns immer zurücklehnen. Versuchen, das bisschen Abstand von allem einzunehmen, das es überhaupt nur gibt. Und uns die Frage stellen: Ist der schnellste Weg der beste? Sind wir sicher, dass wir nichts versäumt haben, wenn wir mit 24 fertig sind und in einer großen Kanzlei unterkommen? Lässt Zeit sich ewig aufholen? Oder gibt es vielleicht doch einen gewissen Abschnitt im Leben, in der sie wichtiger ist, in der sie ganz anders genutzt wird, in der sie wertvoller sein kann als später? Wenn wir in unserer Vorbereitung aufs restliche Leben, die nun mal in diesen jungen Jahren stattfindet, alles sofort machen und am besten noch perfekt, alles als erster und so bald, wie es geht, kurzum: wenn wir keine Minute verpassen – haben wir dann wirklich keine Minute verpasst?

Der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi hat einmal gesagt: "Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben."

Dann fügte er an: "Und damit haben sie es weitergebracht als alle anderen."

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