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Chinesisch für Anfänger - Part 3

Im Rahmen der jungen Generation sind wir nun auch letztlich bei meinen Kommilitonen und dem Studium in China angelangt. Die Feststellung, dass Chinesen ehrgeizig und fleißig sind, haben wir bereits gemacht. Zugegeben, manchmal könnten sie bessere Ergebnisse erreichen, wenn sie die unsinnigen Dinge einfach mal unterlassen oder auf den üblichen Mittagsschlaf am Arbeitsplatz verzichten würden, aber man sollte nicht den Fehler machen, sie zu unterschätzen. Es mag noch ein oder zwei Generationen dauern, aber man ist uns auf den Fersen und die allgemeine Beliebtheit westlicher Austauschstudenten erklärt sich sicherlich nicht nur dadurch, dass der Westler "the big leg" der Gruppe ist und die chinesischen Kommilitonen gerne mal davor bewahrt eine absolute no-go Präsentation zu halten, sondern auch, weil man sich westliche Arbeitsweisen abguckt und zunehmend nachahmt. An dieser Stelle eine kleine Anekdote zum Thema Präsentationen: "Lee, your Slide says that we recommend our clients to invest their money into a vegetarian franchise restaurant chain in the United Kingdom as 86% of the British are on a vegetarian diet. Where exactly did you get that numbers from?" Lee: "Oh, I made them up. Sounds pretty good, huh?" Hat man sich aber mit derartigen Erlebnissen arrangiert und einen Weg gefunden höflich und ohne Gesichtsverlust zu kritisieren, dann kann auch eine Gruppenarbeit zur positiven Erfahrung werden. Und auch wenn ich meine EBS Kommilitonen zwischenzeitlich darum beneidet habe, dass an anderen Unis Internationale und Chinesen getrennt voneinander unterrichtet werden, so bin ich letzten Endes doch sehr froh und habe die Nerven gerne geopfert. Denn schließlich war es ja das, wonach wir hier in China gesucht haben und was uns später sicherlich noch zu Gute kommen wird: Eine vollkommene, kulturelle Erfahrung. Heute kann ich zurückblicken und ehrlich sagen, dass ich weiß, wie man mit einem Chinesen zusammenarbeitet. Ich bin mir bewusst, welchen Respekt er bei der Zusammenarbeit von mir erwartet, und zugleich, wie ich ihm auf freundliche aber bestimmte Weise vermitteln kann, was ich im Gegenzug von ihm erwarte. Unter diesen Gesichtspunkten war der Austausch ein voller Erfolg. Und wie steht es um die übrigen Erfolgsfaktoren? Dazu mehr beim nächsten Mal.

Wochenrückblick: Die Unkalkulierbarkeit des Lebens eines Juristen als Wettervorhersage

Wochenrückblick: Die Unkalkulierbarkeit des Lebens eines Juristen als Wettervorhersage

 

Erst musste es wirklich kalt werden. Doch dann, dann fing es tatsächlich an zu schneien.

Es hat noch keine ansatzweise unspektakuläre Woche gegeben in dieser neuen Welt, wenn man ehrlich ist. Von der bahnbrechenden Einführung, die vieles etabliert, aber vieles auch seltsam verborgen gehalten hat, was mittlerweile Tagesordnung ist, über die unbeschwerte Anfangszeit, der Drohung der Klausuren bis hinein nun ins zweite Trimester - es hat keine langweilige Woche gegeben. Irgendetwas Neues ist immer gewesen. Irgendeine folgenreiche Stundenplanverschiebung. Irgendeine neue Veranstaltung - oder zumindest eine alte Veranstaltung in auf einmal neuem Gewand. Irgendetwas Ungewöhnliches, irgendeine Abweichung vom Rechtsgefühl des Normalfalls hat sich immer geboten. Keine Woche kam ohne erwähnenswerte Sequenz aus, ob symbolisch, unterhaltsam oder nachdenklich stimmend.

Und das wollte ich an dieser Stelle nicht etwa festgestellt haben, weil es sich anhand der vergangenen fünf Tage geändert hätte.

Und das obwohl es in diesem Sinne nur drei gewesen sind.

Mittwoch. An sich möchte man ja glauben, ich würde schon wieder in der Mitte anfangen. Als schwierigster Anknüpfungspunkt eines Rückblicks. So gesehen aber war das bereits das Ende.

Der Schnee war gefallen. Die Studentensprecher waren gewählt. Die Sonne war verschwunden, und die erste richtige Erkältung seit Folklore Ende August machte sich allmählich bemerkbar. Da fuhr ich mit einem alten Schulfreund nach Oestrich-Winkel. An einem großen, reichlich vollen, eisschollenbespickten Fluss entlang, in den Rheingau, per Navi - ich war schließlich erst ein einziges Mal da gewesen. Und das ist auch schon wieder fünf Monate her, ob man es glaubt oder nicht. Es war Mittwochabend, und wir fuhren zur Business School.

Es war eine der gefühlten zwanzig E-Mails gewesen, die man als Student an der EBS täglich vom sagenumwobenen Helpdesk bekommt. Die meisten auf Englisch, einige auf Deutsch und danach noch mal auf Englisch, manche auch in einem Gemisch. Eine davon aber hatte mich hierzu motiviert.

EBS Poker Night hatte die Überschrift versprochen. Die zweite. Nachdem das Projekt im vergangenen Semester - die Kollegen in Oestrich haben ja im Gegensatz zu uns ihren allen Nachfragenden bekannten Studienrhythmus ("In welchem Semester bist du denn?" - "Im zweiten Trimester." - "Hä?") -, nachdem im vergangenen Halbjahr also erstmals die Idee des Event-Ressorts aufgekommen war, mal etwas anderes zu organisieren. "Wir können ja nicht immer nur Partys machen", meinte einer der Veranstalter am Abend. "Und die Nachfrage hier scheint ja groß zu sein."

Das war sie tatsächlich. Wir kamen an, kurz nach acht. Fanden erstaunlich schnell die "Burg", dort erstaunlich schnell den Raum N1, und einmal dort, hatten wir es geschafft. Wir ließen unsere Namen auf der Liste abhaken und nahmen zwei der uns angebotenen Plätze ein. Fünfmal je drei Tische waren in N1, dem größten Vorlesungssaal der Burg, zusammengestellt worden. Exakt die gleichen, für zwei Leute, eine FAZ, ein Relentless, eine Flasche Cola und vielleicht noch einen Block "zum Mitschreiben" etwas zu kleinen Tische wie bei uns. Je drei davon. Bedacht noch mit einer sechseckigen Pokerauflage und umringt von acht Stühlen. Die einem ebenfalls bekannt vorkamen. Wir setzten uns. Bei irgendeiner Gelegenheit zwischen den ersten Händen erklärte ich, dass ich ein entfernter Verwandter von der Law School sei. Meinem Kumpel wurde das sofort auch unterstellt, und er blickte in verwunderte Gesichter, als er irgendetwas von Maschinenbau erzählte. Dann spielte man weiter.

Ich hatte länger kein Turnier mehr gespielt. Es ist die anstrengendere, unkalkulierbarere, aber auch die spannendere, emotionalere der beiden Formen, in der sich dieses grandiose Spiel namens Poker austragen lässt. Der erste juristische Aufsatz, den ich schreiben muss, wird sich argumentativ dafür einsetzen, dass Poker kein Glücksspiel im Sinne des § 284 mehr sein darf. Damit wird es dem Hütchenspiel gleichgesetzt oder, etwas vornehmer konnotiert, doch vom Glücksfaktor her ähnlich, mit Roulette. Was jeder, der es einmal richtig gelernt hat, als lächerlich empfinden wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Unkalkulierbarkeit eines Pokerturniers machte sich jedenfalls auch an diesem Abend eindrucksvoll bemerkbar. In der ersten Stunde vergeblich versucht, riskant zu spielen. In der zweiten ein bisschen was gutgemacht, aber nicht viel. In der dritten den Tisch wechseln müssen und dort nahezu perfekt gespielt. In der vierten gut verwaltet und einmal entscheidend Glück gehabt. Und in der fünften einmal den falschen Zeitpunkt gewählt und denkbar knapp gescheitert. Vierter von 38, nun ja. Und am Ende noch ein wenig warten müssen, bis auch mein Fahrer durch und das Turnier vorüber war. "Jungs, ich wollte eigentlich um 2 zuhause sein", seufzte einer der beiden Veranstalter, die bis zum Ende blieben.

Die Spannungskurve war auf alle Fälle so gewesen, wie sie die meisten bedeutenden Abende im Leben prägt. Man war aufgetaucht, einen Tick zu spät. Die Leute hatten sich nach und nach verabschiedet. Und am Ende war eine Handvoll verblieben, als es entscheidend wurde, die Müdigkeit einsetzte und das Kratzen im Hals, und als irgendwann nur noch Red Bull Sugar Free da war.

Einträchtig wurden noch Flaschen, Dosen und sonstiger Müll eingesammelt. Die Utensilien in irgendeine entlegene Kammer in einem anderen Gebäude gebracht. Hände geschüttelt, das nächste Mal anvisiert und Namen ausgetauscht ("Such mich einfach bei Facebook bei seinen Freunden"). Und schließlich ging es durch die schon üblichen zweistelligen Minusgrade neben den Eisschollen zurück in die Stadt.

Tags darauf war ich dann endgültig krank. Irgendwann musste der Eiszeit ja Tribut gezollt werden.

Daher die Dreitagewoche, die zum Glück auch ohne Erkältung nur eine Viertagewoche gewesen wäre. Die einzige in diesem Trimester.

Den mittlerweile gewohnten Anfang machte die Schuldrecht-AG bei Caroline Fündling. Mit der widerspenstigen Tafel, den etwas seltsamen Fällen und den umtriebigen Bussen auf ihrem großen Parkplatz zur Linken. Alles geläufig. Nur der Inhalt ist jede Woche ein anderer, im Schuldrecht mehr als in jedem anderen Gebiet. Die Sprünge bleiben groß. Von diesem Buch ins übernächste, zurück zu dem, was vor drei Wochen mal kurz Thema war, oder unversehens hinein in die Untiefen des Mietrechts. "Das ist wirklich etwas kompliziert."

Geradezu entspannt fiel dagegen Strafrecht unmittelbar im Anschluss aus. Wobei die meisten letztlich doch sehr angespannt auf ihren Stühlen saßen, auf den gleichen wie in Oestrich. Die Atmosphäre dieser Vorlesung, die keine Vorlesung war, war jedenfalls eine besondere. Professor Haft sah sich in einem beispiellosen Anflug seines beliebten Fähigkeiten- und Trainingsdenkens dazu veranlasst, nach besten Möglichkeiten mit dreißig Leuten die Situation einer mündlichen Prüfung zu simulieren. Die uns ja allen im Rahmen der Staatsexamen bevorstehen wird, und zwar als nicht gerade unwesentlicher Teil. Wie Haft stets beklagt, in völligem Missverhältnis dazu stehend, wie wenig im juristischen Studium zuvor eigentlich mündlich geübt wird.

Das will er demgemäß ja seit jeher ändern. Mit der Idee der Selbstlerngruppen und mit sonstigen Empfehlungen. Es ist eine der grundlegendsten Ideen seiner Bücher. Und an diesem Montag änderte er es ganz selbst, live, in der "Vorlesung". Las einen Fall vor, den der BGH vor einigen Jahren zu entscheiden hatte, und ging herum. Plauderte aus dem Nähkästchen über Details mündlicher Prüfungen - niemals bei den üblichen fünf Leuten als zweiter von links oder rechts sitzen; das sorgt für die unangenehmsten aller Fragen, die der Prüfer vorbereitet hat - und ging Student für Student nach seiner Methode eine potenzielle Lösung durch.

Natürlich kann das nicht immer so gehen. Es muss auch Wissen vermittelt werden von dem, der vorn steht, so ungern Haft es hören würde. Sie muss auch oft frontal sein, so eine Vorlesung. Probleme und Theorien müssen vorgestellt werden, ganz schlicht. Dazu haben diese Menschen mit dem Mikrofon ja auch promoviert. Aber ab und an etwas derart Interaktives könnte viel nützen, hat man den Eindruck. Es brachte jeden zu voller Aufmerksamkeit. Aus Fehlern lernt es sich am besten, und durch Tun sowieso viel besser als durch Lesen und Hören. Dass Jura ein Studium ist, in dem diese Tatsache nicht allzu hochgehalten wird, belegte Haft am Montag ebenso, wie dass sie auch in diesem Fach gilt.

Und jede Minute, in dem so etwas abseits unseres auf zwölf Trimester gestrickten Schnelldurchlaufs durch das Recht möglich ist, tut gut.

Der Dienstag bildete dann fast schon den Hauptübergang der Woche. Mit Strafrecht am Morgen - wo es zur Enttäuschung vieler die Hausarbeit noch nicht zurückgab -, nahtlos übergehend in eine ewige Mittagspause und die Grundrechte. Es wurde wie immer ein wenig optimiert, und Herr Professor Kment veranstaltete einen "Exkurs" in die Zulässigkeit einer Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht. Einmal mehr ein Fall von: was eigentlich hinter dem steckt, was man so in der Zeitung liest, nach dem Sportteil.

Am Abend wurden schließlich die Studentensprecher gewählt. Neu respektive endgültig, nachdem man sich nun mittlerweile "richtig kennen gelernt" hat. Felix und Lance setzten sich letztendlich mit dem knappestmöglichen Abstand (!) von einer bzw. zwei Stimmen durch. Wurden als unsere von nun an agierenden Vertreter im Studentenrat beglückwünscht. Von den beiden Sprechern der Business School, die für die Wahl angereist waren, und von den Verbliebenen, die auf das Ergebnis gewartet hatten. Und draußen begann es zum ersten Mal in dieser Woche leicht zu schneien.

Am Mittwoch, der vermeintlichen Mitte und dem faktischen Ende der Woche, ging es dann gewohnt früh los. Danach aber fielen die Pausen eindeutig nicht so großzügig aus wie normalerweise an einem Mittwoch. Irgendwoher musste die Müdigkeit am Abend in Oestrich ja herrühren.

Herr Professor Kment holte nämlich am Morgen um 8 seine Vorlesung von vergangener Woche nach. Mit allen. Allen potenziellen 88. Im "Plenum", wie es so politisch wertvoll heißt. Und das Bemerkenswerteste war, dass ich, soweit ich mich erinnere, in drei vollen Stunden Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit nicht ein einziges Mal auch nur gähnte. Und das in Reihe 6 oder so. Und vor allem angesichts dessen, dass die Vorlesung von 8 Uhr bis 11.15 Uhr ging - ich betone noch mal: von 8 Uhr. Doch mit einer imposanten Leichtigkeit, mit einer Kombination von Hafts Liebe zur Interaktivität, einem Stoff, der veranschaulichte, was Grundrechte in dieser Gesellschaft eigentlich bedeuten, und indem er diesen Stoff obendrein noch fesselnd vortrug, unterstützt von der einen oder anderen schlechten Zeichnung (Erste Stunde: "Eins vorweg: Ich kann nicht malen") - mit all dem gelang es Herrn Professor Kment, einen nicht nur wachzuhalten, sondern mehr als das. Einen dabei zu halten, über drei Stunden. Zu zeigen, dass das hier wichtig ist. Nicht nur für die Hausarbeit in den Ferien oder für die nächste Klausur. Für jeden von uns. Auch die, die nie ein Wort darüber schreiben werden. Aber dass wir diejenigen sind, die es lernen.

Sicherlich kommt Kment dabei auch regelmäßig sein Fach zugute. Während im Schuldrecht in zehn Minuten zehn Paragraphen aus drei verschiedenen Regelungsgebieten an einem vorbeifliegen, konzentriert man sich hier auf einen einzigen Artikel mit seinen drei Varianten, einen ganzen langen Morgen lang.

Aber selbst seiner Schlussbemerkung zum Thema Handys wurde aufmerksam gelauscht. Und an den richtigen Stellen mit plenumsweitem Lachen Rechnung getragen. Nach knapp hundertachtzig Minuten voller Grundrechte hatte jemand etwas zu auffällig sein Recht auf Handlungsfreiheit wahrgenommen und auf seinem Handy, pardon, ich meine sorry, Smartphone, rumgetippt. Was Herrn Professor Kment dazu gebracht hatte, uns zu bitten, uns doch alle einmal grundsätzlich zu fragen, ob wir nicht längst abhängig von diesen Geräten seien. Ob die nächste SMS tatsächlich so wichtig sei, und wieso denn. Es war teils ein altes Lied. Etwas, das unserer Generation leidenschaftlich gern nachgesungen wird, schon jetzt. Aber vor dem Hintergrund all der Zukunft und Gesellschaft betreffend so relevanten Fragen und Problemen der vorangegangenen drei Stunden schien es einen anderen, einen schwereren Kontext zu bekommen.

Es folgten noch VWL und die einzige Ausgabe Schuldrecht-Vorlesung dieser Woche. Zu einer Zeit, zu der Schuldrecht nie wieder sein sollte, um 16.45 Uhr am Ende eines Tages ab 8 Uhr.

Die Frage, wo eigentlich Herr Gleichmann seit Jahresbeginn steckt, schwebte wieder durch die Flure, und mehr weiß ich nicht mehr von dieser Woche im Gustav-Stresemann-Ring 3. An den Heizstrahlern im Foyer vorbei hinaus zum kalten Bahnhof, abends an den Eisschollen vorbei - am Donnerstag soll nichts Spektakuläres gewesen sein.

Was man ja fast nicht glauben mag.

Erst musste es wirklich kalt werden. Doch dann, dann fing es tatsächlich an zu schneien.

Und nun, was ist passiert mit dem Schnee? Er ist nicht geschmolzen. Dazu ist es zu kalt, unverändert. Er ist - sublimiert. Zu trockene Luft, ungünstiger Luftdruck - und schon verschwindet Schnee, ohne dass es zu warm für ihn wäre. Es ist absurd. Manchmal sind nicht nur menschliche Handlungen, sondern auch unbestreitbare Naturgesetze absurd.

Absurd, wie sommerlich es draußen anmutet, wenn man samstagmorgens aufwacht mit flauem Magen und sich umdrehen muss, weil die Sonne einen geweckt hat. Absurd, wie bilderbuchgleich sie momentan untergeht, den nachmittäglichen Himmel in eine abgestufte Farbenwelt tauchend aus dunkelstem Rot am Horizont und heller werdendem Orange darüber, dem ein leises Blau folgt, ausufernd in Richtung der Sterne und des Mondes auf der anderen Seite, der längst aufgegangen ist, irgendwo über Rewe Getränkemarkt in Bierstadt.

Ich habe mich über einen unwinterlichen Winter beschwert. Und nun kann ich mich nicht entsinnen, wann es je zwei Wochen lang keinen Plusgrad in Wiesbaden gegeben hat.

Je genauer man hinsieht, desto mehr ist und bleibt besonders.

Mal schauen, wie verschneit der Weg nach Oestrich beim nächsten Mal sein wird. Oder ob wir schon an Blumenwiesen vorbeifahren.

Es ist Halbzeit in diesem zweiten Trimester. Und absehen lässt sich mal wieder kaum etwas.

Da fällt mir in der Hoffnung auf Abhilfe im Grunde nur die berühmte Aussage von Mr. Mehren ein, der in dieser Woche verreist war und erst in der kommenden wieder da sein wird; diese Aussage aus dem ersten Trimester, die er vor zwei Wochen aber noch einmal eindringlich wiederholte: "We don't wait for the future. As lawyers, we create the future."

Wenn das tatsächlich unsere Aufgabe ist - haben wir uns jedenfalls etwas vorgenommen.

Chinesisch für Anfänger - Part 2

Anfangs, und das werden meine Familie und Freunde bestätigen, stand es gar nicht so gut um die sino-derkumsche Annäherung. Keine Stunde nach meiner Ankunft wurde ich von einem freundlich grinsenden Taxifahrer gewaltig beschissen, als er lächelnd mit dem Finger bedeutete, dass der Highway geschlossen sei und er andersherum fahren müsse. Meine Augen folgten seinem Finger in einem großen Bogen und mir war klar: Das wird nicht günstig! Nach 24 Stunden im Flieger und an Flughäfen zwischen Hamburg ? Dubai ? Shanghai und mit Gepäck für ein halbes Jahr im Kofferraum, dachte ich mir: "Mach jetzt bloß keine Anstalten zu streiten und steig um Gottes Willen jetzt nicht hier in der Pampa aus!" Von daher habe ich mich meinem Schicksal ergeben. Und ich ahnte es bereits: Das sollte in den darauffolgenden Tagen und Wochen noch öfters passieren und auch der Gedanke "Hättest du Vollpfosten bloß mal die Sprache gelernt!" kam mir hier zum ersten, aber weiß Gott nicht zum letzten mal. Die kommenden Tage waren geprägt von Wohnungssuche, Akklimatisierung, Orientierung und Kulturschock. Ich erlebte etwas, dass eine befreundete Expat später als die berühmten "Shang-Highs und Shang-Lows" bezeichnete. Die Stadt war einfach atemberaubend und man taumelte nur so dadurch. Wobei man sich nicht immer bewusst war, ob das Taumeln durch die überwältigenden Eindrücke, oder doch eher durch die letzte Nacht irgendwo in der French Concession ausgelöst worden ist. Oder vielleicht durch beides.

Wenn man sich irgendwann damit abgefunden hat, dass nicht alles was der gemeine Chinese so tut unserem Verständnis nach Sinn macht ? dazu zählt zum Beispiel, sich in einem Pulk von Menschen vor die noch geschlossenen Türen der U-Bahn zu stellen, damit man auch ja als erster hineinstürmen kann, sobald sie sich öffnen um einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern. Einziges Problem: Da wollen vorher noch Leute raus! Gerade zu Stoßzeiten gab es daher an den U-Bahnhöfen Chaos. Da musste zum Teil auch die Polizei eingreifen wenn mal wieder Frauen, Kinder und Alte die Treppen heruntergestoßen wurden. Sicherlich nicht mit Absicht, aber daran wurde mir zum ersten Mal deutlich wie sich eine Ein-Kind-Politik auswirkt, in der jeder Spross daheim wie ein kleiner Kaiser behandelt wird ? ein Umstand, der - und da braucht man kein Soziologe für zu sein - mit der vordergründigen Kollektiv-Mentalität irgendwie im Konflikt steht. Das Resultat: Jeder ist sich selbst der Nächste. Und so wird eben gerannt, geschubst und gedrängelt. Das erklärt auch irgendwie die Hektik in dem Land. Das und die Tatsache, dass sich die Chinesen innerhalb ihrer Landesgrenzen in einem Wettbewerb befinden zu scheinen, gegen den "the global competition" wie die Vorausscheidungen der Stadtmeisterschaften wirken. Da zählt nur, welchen Job man hat, wie viel man verdient und wie viele Designerprodukte man sich letzten Monat kaufen konnte. Was im übrigen erklärt, weshalb vor den Läden von Louis, Coco und Salvatore Heerschaaren von Chinesen stehen und drauf warten ihr hart erarbeitetes Geld über den Tresen schieben zu dürfen. Demonstrate high Value! Ein Ausdruck den mir ein Kommilitone in einem etwas anderen Zusammenhang beigebracht hat, der hier aber genau so zutrifft, wie ich finde. Es ist, als hätten sich die Chinesen diese Eigenart bei den benachbarten Japanern abgeguckt. Aber es liegt auch irgendwo Nahe, denke ich. Zum einen laufen in Shanghai eine Menge Expat(riots) herum, die mit ihrem Stil und Lebenswandel ein perfektes, erstrebenswertes (?) Vorbild für den jungen Chinesen bzw. die junge Chinesin abgeben ? in Punkto Ehrgeiz geben sich Mädels und Jungs dort überhaupt nix. Mir scheint es zum Teil sogar so, dass die jungen Damen ihre Ziele noch ehrgeiziger und unnachgiebiger verfolgen. Nicht umsonst geht das Gerücht um, dass in Shanghaier Ehen die Frauen die Finanzen regeln. Ob das nur in Shanghai so ist? Fest steht, dass die junge Generation in dem Land seit der Öffnung für den sogenannten Roten Kapitalismus in einem Wettstreit steht, wer das größte Stück vom Kuchen abbekommt. Am Ende des Tages eine ganz normale Reaktion, wie ich finde. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren auch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit stellen, wenn sie das nicht sogar schon tut. Um sich dieser Frage etwas anzunähern, muss man die junge Generation der Chinesen besser kennen lernen. Deshalb werde ich hier nächste Woche meine Erfahrungen im Bezug auf die chinesischen Kommilitonen mit euch teilen.

Chinesisch für Anfänger - Part 1

Chinesisch für Anfänger - Part 1

Gestern Morgen um ziemlich genau 6:00 Uhr setzte die 747 von Lufthansa auf dem Flughafen in Frankfurt auf. Nach knapp einem halben Jahr im Ausland, fern ab von der Heimat, war das schon ein beeindruckender Moment - Grund genug einen Augenblick in die Retrospektive zu gehen und die letzten paar Monate noch mal Revue passieren zu lassen.

Begonnen hat alles mit der Wahl der Auslandsuni im Frühjahr 2011. Nachdem ich im Bachelor in den USA studiert hatte, war klar: Das scheidet aus! Aber wohin dann? Irgendwo in die Sonne? Vielleicht noch mal mein mittlerweile desolates Spanisch auffrischen? Oder Französisch? Da gab es schon die ein oder andere Möglichkeit. China hatte ich zunächst gar nicht auf dem Schirm. Ich war überhaupt nicht neugierig darauf, Freunde hatten mir berichtet, dass es hektisch sei, keiner spräche Englisch, Facebook und Youtube funktionierten nicht und das Essen ... ja, das hätte überhaupt nichts mit dem zu tun, was man so aus dem "Lotus Garden" um die Ecke kennt. Da würde man sich als Europäer ganz schön umstellen müssen. Insgesamt hatte ich also eine sehr grausige Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Auf der anderen Seite hingegen bereite ich mich derzeit darauf vor, beruflich in der Automobilindustrie Fuß zu fassen und wenn es da einen Ort gibt, an dem man besser mal gewesen sein sollte, dann ja wohl China. So kam es, dass ich vor der Entscheidung wohin es schlussendlich gehen sollte einen kleinen, inneren Zwist mit mir selbst auszutragen hatte. Am Ende hat die Vernunft gewonnen: You (Felix Derkum) have been allocated to Shanghai Jiao Tong University. China ich komme, zieh dich schon mal warm an! Letzten Endes dachte ich mir, wenn du schon die Zeit hast noch mal für länger weg zu kommen, dann bloß nicht irgendwohin, wo ich binnen 5 Stunden auch per Anhalter kommen kann und vielleicht schadet es auch nicht, die berühmt berüchtigte "Comfort Zone" mal zu verlassen und etwas gänzlich neues kennen zu lernen. Und wieder einmal musste ich lernen, dass man einfach alles besser selber ergründet. Andere sehen die Dinge eben nie so, wie man selbst. Ich bin froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und China wirklich erlebt habe. Schon heute, einen Tag nach meiner Rückkehr, kann ich sagen: Es war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Wie konnte es soweit kommen? Dazu später mehr ...

Wochenrückblick: Was das Eis uns lehrt

Es ist wirklich kalt geworden.

Seit ich hier schreibe, schreibe ich irgendwie noch häufiger über das Wetter und eröffne vor allem noch häufiger mit ihm als in den sieben Jahren davor. Und da gehörte es schon zu meinen Lieblingsthematiken. Was das rechtfertigt, ist allerdings seit jeher klar: Es geht nie nur um das Wetter.

Manchmal müssen wir eine ganze Weile warten, bis wir erfahren, was eigentlich bei einer Sache herausgekommen ist.

Was er eigentlich gebracht hat, all der Aufwand. Ob sie sich gelohnt hat, all die Mühe. Ob wir es beim nächsten Mal wieder genauso machen können, weil es funktioniert hat. Oder ob wir uns etwas Neues überlegen müssen, weil es fehlgeschlagen ist. Nicht alles entfaltet sofort seine Wirkung. Nicht alles liefert sofort ein Ergebnis. Oft ist Geduld gefragt, wenn wir wirklich wissen wollen, ob etwas gut war oder nicht. Manchmal ist es besser, etwas ruhen zu lassen, nachdem man etwas dafür getan hat. Nur indem wir es sich von da an entwickeln lassen, können wir feststellen, was wir tatsächlich bewirkt haben. Und manchmal haben wir auch schlicht keine Möglichkeit mehr, etwas nachzubessern, etwas hinzuzusetzen oder etwas wieder wegzunehmen, das wir bereuen.

Und je länger das Warten, je höher das Ziel und vor allem je mehr uns daran liegt, desto entscheidender ist dann der Moment der Wahrheit.

Am Montagmorgen war es noch der altbekannte Winter 2011/2012. So, wie er uns gut zwei Monate lang dazu gebracht hatte, uns an ihn zu gewöhnen. Es war trüb und mäßig kühl. So, dass es gar nicht auffiel.

Der Blick wanderte von Seoul hinaus aus dem Fenster auf den großen Parkplatz der Eswe. Wo Busse sich vorbei an dicht an dicht gereihten anderen, stehenden Bussen schlängelten, um zu tanken, um saubergemacht zu werden, um einfach nur den Parkplatz zu verlassen und den Dienst draußen in der wahren Welt anzutreten. Der Blick wanderte hinaus auf die Fahrer, die in ihrer üblichen Arbeitskleidung umherschlenderten, wie von Geisterhand die vordere Tür des nächstbesten Busses öffneten und einstiegen. Oder auf jene, die ihren Bus, mit dem sie nun Gott weiß wie lang unterwegs gewesen waren, neben einem anderen stehenden Bus abstellten, sorgsam parallel und platzsparend, damit auch ja alle hierhin passten, wenn es wieder Nacht und in Wiesbaden für ein paar Stunden nichts mehr fahren würde.

Was nicht alles passiert ist, seit ich vor genau sechs Jahren mein Praktikum bei Eswe Verkehr gemacht habe, genau dort, in dem Gebäude am Busparkplatz. Zu Zeiten, da dieser moderne Bau nebenan noch was weiß ich wem gehörte. Zu Zeiten, da wohl noch niemand je ernsthaft an eine EBS Law School gedacht hatte. Wer hätte da vermutet, dass ich etwas später mal hier, in diesem modernen Bau, ein paar Meter weiter, Jura studieren würde?

Diesseits der Fenster stand Caroline Fündling vorn an der Tafel, an dieser Tafel in Seoul, die, wie alle Tafeln dieser Art, wie alle Tafeln in den kleinen Räumen bei uns, nirgends richtig einrastet und stehen bleibt außer ganz oben, was die Flexibilität des An-ihr-Schreibens schon arg einschränkt, aber irgendwie geht es immer. Schuldrecht-AG. Diese Woche: AGB. Praxisrelevant, klausurenrelevant und eines der neusten Regelungsgebiete des BGB. Was will man mehr?

Wie so oft in Gesetzbüchern galt es sich auch hier einzuprägen: das AGB-Recht quasi von hinten lesen. Je spezieller die Norm, desto vorrangiger zu prüfen. Das Allgemeine ist immer gültig. Das Besondere aber wird immer den Vorzug erhalten, wenn es angebracht ist. Es ist ein altes Spiel, das nicht die Rechtswissenschaft für sich erfunden hat. Das Unspezifische, das Gewöhnliche kommt erst in Betracht, wenn das Spezifische, das Außergewöhnliche nicht passt. Sollte es zumindest. Und auch da ähnelt Jura wieder dem Leben in seinem unergründlichen Sein-Sollen-Zusammenhang: Nur weil die AGB-Klausur dem Gefühl nach treuwidrig erscheint, heißt das noch nicht, dass sie nicht in einer viel spezielleren Vorschrift explizit sogar verboten ist. Man kann es sich bequem machen und die nächstbeste schwammige Generalbestimmung mit Inhalt füllen - oder man sucht ein bisschen länger und findet das Besondere, das wirklich zutrifft.

Die zweite Hälfte des AG-Montags hieß Strafrecht. Herr Schmidt-Nentwig hatte in einem sehr guten Gedanken vorgeschlagen, unsere Stunde doch auf den Tag vor der Klausur zu verlegen anstatt sie planmäßig am Donnerstag danach abzuhalten. ("Da seid ihr eh noch besoffen.")

Ein kleiner Mitgrund aber war freilich auch die Überlegung gewesen, dass wir so noch einmal ein bisschen Struktur, Konkurrenzen sowie Täterschaft und Teilnahme üben konnten. Wobei Letzteres zu meinem großen Erstaunen - ich hätte mal wieder meine Wetten verloren - anderntags nicht drankommen sollte. Doch wer kann andererseits schon Herrn Professor Haft einschätzen?

Hektisch und mehr ob des schlechten Gewissens, noch was zu tun - die anderen haben immer mehr BGH-Entscheidungen nachgelesen als man selbst -, denn aus Überzeugung noch einen vorerst letzten Abend mit seinem lieben Wessels verbracht, wurde einem so langsam bewusst, dass es Dienstag wird. Um ehrlich zu sein, gibt es keinen besseren Tag, eine Klausur zu schreiben, als Dienstag. Man hat im Zweifel bereits einmal halbwegs frühes Aufstehen hinter sich. Sollte also müde genug sein, um nicht um 2 Uhr noch verzweifelt irgendetwas essend vorm Laptop zu sitzen oder dergleichen. Darüber hinaus ergab sich hoffentlich noch keine Gelegenheit, nachmittags einfach mal einzuschlafen und so der erforderlichen Abendmüdigkeit direkt wieder eine Absage zu erteilen. Und allzu lang und kräftezehrend kann die Woche dienstagmorgens auch noch nicht gewesen sein. Also dann.

9 Uhr, die gewohnte Zeit. Pascal und ich waren recht irritiert, als wir ein komplett leeres Honkong betraten. Zugegeben, es war kaum halb. Im Dezember noch, ich erinnere mich, waren allerdings schon um diese Zeit die ersten Übermotivierten da gewesen. Vielleicht lag es daran, dass diesmal generell keine so große Panik herrschte wie vor BGB seinerzeit. Die Hausarbeit war bei einigen gut gelaufen, und die meisten anderen hofften wenigstens, aus ihr gelernt zu haben. Und so war die Stimmung vor Strafrecht eine andere.

Wer dadurch jedoch auf die Idee käme, sie sei entspannt gewesen, würde übertreiben.

Schwer - nun, das war sie letztlich nicht. Es wird kaum jemand widersprechen. "Fair", nannte Lance sie. Die Beschwerde - eine muss es ja immer geben - lag einhellig in dem altbekannten Spannungsfeld zwischen Länge einer Klausur und Zeit. Wie viele sinnvolle Wörter kann man pro Minute schon schreiben? Die lebensnotwendige Skizze und das bisschen Nachdenken zwischendurch mit einkalkuliert. Ein Thema allerdings, das einem Deutsch- und Englisch-LKler wie mir in der Oberstufe etwas fremd geworden ist. In vier Stunden etwas zu Migrationsproblemen in den USA oder dem "Vorspiel auf dem Theater" des Faust zu schreiben, birgt andere Probleme. Kaum aber ein zeitliches. Mathe, klar, da fehlten bis zu guter Letzt mit beachtlicher Verlässlichkeit zehn Minuten für die letzte, im Zweifel größte, Aufgabe. Ansonsten aber sind Klausuren in der Schule in vielen Fächern zum Ende hin immer weniger auf Quantität pro Minute ausgelegt, sondern auf Qualität und Aufbau.

Jura indes scheint den alten Spruch meines Erdkundelehrers apodiktisch hochzuhalten: "- ist Wissen pro Zeiteinheit."

Und das obwohl es laut Haft ja gerade nicht um Wissen geht.

Eine Schlägerei zwischen einer Rockergang und nicht näher definierten "Türken" vor einem Fußballstadion war im Endeffekt der Schauplatz unserer ersten Strafrechtsklausur. Wer in einem Wirrwarr aus Händen und Füßen einen Stein wirft und jemanden trifft, den er nicht treffen wollte, dessen Tod ihn aber jetzt auch nicht sonderlich beeindruckt - wie wird der bestraft? Und was mit dem, der seinem Gegner einen Messerstich versetzt, den dieser aber überlebt hätte, wenn der Arzt bei der Not-OP nicht betrunken gewesen wäre? Und der Chirurg selbst, der gerade Frau und Kinder verloren hat und sich deshalb nicht anders zu helfen weiß, als seinen Dienst mithilfe von Alkohol durchzustehen?

Wer am Ende noch zu den Konkurrenzen kam - die Sachbeschädigung am Hemd des Messeropfers wird vom Totschlag verdrängt (ja, aber war es denn ein vollendeter Totschlag?) -, der hatte jedenfalls mit Sicherheit nicht alles Vorige so ausführlich diskutiert, wie die Lösungsskizze es propagiert. Ich versuchte mich mit Svens "Besser alles irgendwie abhandeln, als einen Teil ganz auslassen" zu trösten. Die Angst, nicht bestanden zu haben, wie sie noch im Dezember der Regelfall gewesen war, machte sich in den Korridorgesprächen danach allerdings rar. Und falls es knapp war, gibt es ja für alle Interessierten am letzten Tag im Februar eine Chance zur Verbesserung gegenüber diesem letzten Tag im Januar. Eine zweite Klausur, vollkommen freiwillig.

Seien wir in deren Zeichen mal gespannt, wie lang es diesmal dauert, bis wir erfahren, was eigentlich bei der Sache herausgekommen ist. Was der Aufwand gebracht hat, und so weiter.

Kaum war die ellenlange Mittagspause überstanden, kam dann der Alltag im Alltag zurück. 15 Uhr, Grundrechte. Herr Professor Kment, noch kerngesund, fuhr fort im Versammlungsrecht. Während erneut die Bedeutung eines so unscheinbar klingenden Grundrechts wie der Freiheit der Deutschen, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln, deutlich wurde. Und während mir der Gedanke kam, auch infolge eines FAZ-Artikels vom Vortag, der die Befürchtung aussprach, Europa als Wiege der Demokratie schaffe sich im Zuge der vordringenden Finanzherrschaft bald selbst ab, aus dieser postdemokratischen Schreckensvision eine Serie zu machen, bei der jede Folge mit einem Grundrecht als Voice-over beginnt, um das dann in den folgenden fünfundvierzig Minuten inmitten eines überwachenden, krisengebeutelten, entweder unitären oder völlig auseinander gefallenen Europa fern jeder Volkssouveränität gekämpft wird. Dann aber holten mich die realen Ansätze des Artikels wieder ein, und ich lernte lieber weiter etwas über die Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerde. Damit es bei der Serie bliebe.

Vom Mittwoch blieb daraufhin eine Szene in Erinnerung, die mich fast dazu verleitet hätte, wieder mit ihm zu eröffnen.

Mittlerweile war es kalt geworden. Man mag es auch mir anlasten, der ich mich ja schriftlich über die Unwinterlichkeit dieses Winters beschwert habe. So oder so lief ich, in surrealem Maß frierend, die letzten Meter zur Uni. Da kam mir Theresa aus der berühmten Drehtür entgegen. "Grundrechte fällt aus", warf sie mir entgegen, hart wie die Kälte. "Der Kment ist krank."

Ich fragte dreimal, ob das ihr Ernst sei; doch es war ihr Ernst. Man unterhielt sich noch kurz, wie schön es sei, bei diesen frühlingshaften Temperaturen dennoch wenigstens ein bisschen draußen gewesen zu sein, so ganz umsonst, und sie ging nach Hause. Auf dem Weg fing sie noch ein paar Kommilitonen ab, denen sie die frohe Botschaft der Sinnlosigkeit ihres Aufstehens überbringen durfte.

Ich trabte dennoch noch einmal die Treppen hinauf an die Saftbar, wo ein paar Kollegen saßen, wohl in der Absicht, aus geteiltem Leid halbes zu machen. (Also, wir alle). An meiner Begrüßung an Benedict ("Da haben sich die zwei Stunden Zugfahrt ja mal richtig gelohnt") versuchte ich mich ein wenig aufzuheitern. Man gab sich alle Mühe, es gelassen zu nehmen. Es kam noch der eine oder andere, an dessen ungläubiger Reaktion man sich erfreuen konnte. Viele wären wir jedenfalls nicht geworden an diesem Mittwochmorgen, nach Strafrecht, bei -7 Grad. Wie ich erwartet hatte, weshalb ich gekommen war - in der Hoffnung auf eine gediegene Vorlesung in Ethik-LK-Atmosphäre. Nun, die zerschlug sich.

Man wurde sich noch schnell einig, dass es eindeutig die Falschen träfe. Die wenigen, die sich angesichts dessen auch zur juristischen Unzeit motiviert hatten. Einige gingen tatsächlich zur Feier des Tages in die Bibliothek. Der Rest fuhr nach den Unterhaltungen des Leidteilens wieder nach Hause. Machte sich Frühstück und legte sich wieder hin. Daraufhin verschlief ich Englisch um 13.15 Uhr.

Beide Ausgaben von VWL sahen sich dann in der Folge nicht allzu gut besucht. Was wieder für eine kleine Diskussion sorgte. Die natürlich wieder "die Falschen traf", nämlich die wenigen, die da waren. Die Gründe für die (halbe) Ethik-LK-Atmosphäre - zur kompletten Version dieses Sinnidealbildes fehlt hier das moralisch angehauchte Thema - in VWL dürften unterschiedliche sein. Die einen hatten ihre Wirtschaftskurse in der Oberstufe und "hatten das alles schon". Die anderen überziehen ihren, an sich völlig nachvollziehbaren, Fokus auf den juristischen Teil des Studiums. Wieder andere hatten vielleicht ihr kleines Motivations-Burnout nach Strafrecht diese Woche. Nochmals anderen fällt der Inhalt womöglich weitaus schwerer, als sie gedacht hatten, und sie stecken noch in Lern(Trauer)phase Nr. 1, dem Verdrängen. Der Rest der Abwesenden gehört eventuell zu jenen 21, die die Vorlesung lieber auf Deutsch gehabt hätten. Manches weiß man; manches ist bloße Theorie.

An Herrn Professor Demougins lebendiger, beispielreicher, zugleich weiser wie leidenschaftlicher Art kann es auf alle Fälle kaum liegen, finde ich.

Während es aufs Wochenende zuging, mehrte sich dann wie immer das Schuldrecht. Es wurde hin- und hergesprungen in den 2000 Paragraphen des BGB, einmal vom Sachen- zum Erbrecht und zurück. Zurückbehaltungsrechte des Schuldners quer durch alle Lebensbereiche.

Und am Freitag die "Einrede des nicht erfüllten Vertrages". Wo mal wieder klar wurde, wie viele Ausdrücke es gibt, die uns in der gewöhnlichen Welt begegnen, deren wahre Bedeutung uns aber erst die juristische Welt offenbart. Angefangen hat das alles beim Mord. Nicht jeder "Mord" in einer Krimiserie nämlich ist ein Mord, wie wir heute wissen. Vom "Selbstmord", der als Ausdruck überhaupt nicht haltbar ist, ganz zu schweigen. Achtung nur, wer sich mit Nichtjuristen unterhält.

Man muss eben weiterhin zwischen den Welten bleiben. In beiden. Balance, Ausgleich, der im Charakter angelegte Widerspruch. "Wo studierst du denn Jura?", fragte mich jemand in jener Sorte von völlig verrauchter Kneipe, von der man früher immer dachte, man würde sie nicht von innen sehen, bevor man 50 wäre, das war schon letzten Freitag. "An der EBS", erwiderte ich lächelnd. Er sah mich entsprechend an (und das wohlgemerkt als ehemaliger Privatschulkollege von mir). "Aber wie du siehst, bin ich trotzdem hier", meinte ich nur.

Die Szene zum Thema der Woche aber hatte der Freitag auch noch. Ich ging - Unsitte -, ehe ich zu Schuldrecht aufbrach am Morgen, "noch mal ganz kurz" bei Facebook on. Und dort stand in großen Lettern als neuste Meldung in der Law-School-Gruppe: "Ergebnisse wurden hochgeladen."

Und jeder wusste, was gemeint war.

BGB AT. Nach über sieben Wochen. Nach über sieben Wochen Geduld, weil wir wirklich hatten wissen wollen, ob es gut gewesen war oder schlecht. Ohne jede Möglichkeit, etwas nachzubessern, etwas hinzuzusetzen oder etwas wieder wegzunehmen, das wir bereut hätten.

6,6 las sich der Schnitt letztendlich. "Vertretbar", müsste der Jurist sagen. Und die Hauptsache lag ohnehin anderswo. In der Quote des Bestehens. Und die war hoch. Nur drei fanden sich jenseits der magischen Punktegrenze ("4 gewinnt") wieder. 60 (!) Leute waren irgendwo zwischen 4 und 7 gelandet. Und die meisten waren froh drum. Froh über diese erste Zensur der juristischen Laufbahn, die natürlich kein Vergleich ist mit den üblichen 13 Punkten in Deutsch und Englisch. Aber hier müssen nun mal andere Maßstäbe angelegt werden.

Und das war ja nur der erste kleine Moment der Wahrheit. Es wird noch viele geben. Noch viel Aufwand und viel Mühe und viel Warten. Was diese erste Klausur und ihr Ergebnis zum großen Bild letztlich beigetragen haben werden, ist wieder eine Sache der Zukunft. Die nächste.

Nur geht es jetzt weiter, ungeachtet. Und alles Weitere hat man wieder selbst in der Hand. Es ist eben nicht nur Warten.

Und zudem heißt es, jeden Sieg zu feiern.

Auch wenn es wirklich kalt geworden ist.

Am Freitagabend war es, irgendwann zwischen dem vorletzten und dem letzten Nachtbus, noch kälter geworden. -10 Grad wurden am Bahnhof angezeigt. Gut nur, dass es noch Leute gibt, die bei der Naspa sind.

Und ansonsten geht es nie nur um das Wetter. Wen kümmert schon Quecksilber? Das gefriert erst bei -39 Grad. Bis dahin haben wir noch ein bisschen.

Und vorher schaue ich hinaus - und sehe wolkenlosen Himmel, faszinierende Eisformen, malerische Sonnenuntergänge. Und wer dann einmal rausgeht in diesen richtigen Winter, wird zumindest spüren, dass er noch lebt.

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